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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1862-01-01 · Heft 1 (1.1.1862) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
26 (1862)
Issue
Heft 1 (1.1.1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 möffert —- so erkennt man leicht den ganzen Trug, die ganze Falschheit seiner Assertion. Hätte der Verfasser gesagt, weder die Synagoge noch die Kirche, wie auch der darin geübte Cultus geartet sei, entspreche noch dem Bewußtsein einer gewissen Anzahl der modernen Menschen, seien sie Juden, seien sie Christen — so hätten wir nichts dagegen einzuwenden. Es ist eine bekannte Thatsache, daß eine beträchtliche Anzahl moderner Menschen alles gottesdienstliche Bedürfniß, sei es öffentlich, sei es häuslich, verloren hat, und seitdem die Juden in das allgemeine Leben der civilisirten Welt sich versenkt haben, nehmen auch sie ihren Antheil an jener Thatsache. Diese aber zeigt sich da, wo die Synagoge sich noch auf der Linie der strengsten Stabilität erhält, ebenso wie an Orten, wo man den Cultus umgestaltet hat; sie zeigt sich in gleichem Maße, wo die protestantische Kirche der pietistischen wie der rationalistischen Richtung folgt; sie fehlt endlich auch der katholischen Kirche nicht im Mindesten weder bei den Vorrechten der gallicanischen, wie bei dem Concordat der österreichischen Kirche, noch in Italien und Rom selbst.*) Hätte Herr AI. M. also ehrlich sein wollen, so konnte er die Kirche sicherlich nicht als Rettungshafen anpreisen; so hätte er auch nicht von dieser allgemeinen Thatsache lediglich auf die jüdische Cultusreform schließen dürfen, vielmehr mußte er die Frage so stellen: ist die jüdische Cultusreform im Stande, dem gottesdienstlichen Leben bei den Juden neue Nahrung zu geben und dem Weitergreifen der Theilnamlosigkeit am Gottesdienste Einhalt zu thun? Hier ist es nun, wo Herr M. M. unbewußt oder absichtlich in einen großen Jrrthum verfällt. Er glaubt nämlich, die jüdische Cultusreform beschränke sich auf die Versuche in einigen größeren Gemeinden. Er weiß nicht, oder will nicht wissen, daß nur mit geringer Ausnahme, die ganze jüdische Welt, selbst schon in Polen und Rußland, in die Cultusreform eingegangen ist, daß Predigt, Confirmation, Chorgesang u. s. w. in Dörfern und Landstädtchen ebenso Platz gegriffen haben, wie in Hamburg und Berlin, daß die sg. orthodoxen Religionsge- *) Es ist bekannt, daß es nicht blos die „Gebildeten" sind, welche die Kirchen selten oder gar nicht besuchen. Da schlagen wir zufällig „Die Pfälzer von Riehl(1857)" auf, und er macht eine entsetzliche Schilderung von der Unkirchlichkeit ganzer Gegenden in der Pfalz; er erzählt z. B., daß in einem Dorfe bei Zweibrücken ein alter Mann vom Pöbel höhnend verfolgt worden, weil er am Sonntagmorgen in die Kirche ging! sellschaften in Frankfurt a/M. und Mainz ebenso mitten darin sind, wie der Hamburger Tempel und die Berliner Reformgenossenschaft, da es hierbei ja nicht auf etwas mehr oder weniger ankommen kann, sondern darauf allein, ob stabil oder verändert? Es wird daher ein mehr oder weniger starker Besuch des Gottesdienstes, der unkirchlichen Richtung des modernen Lebens gegenüber, gar kein Kriterium sein; fragen wir vielmehr: gießt es eine jüdische Gemeinde, die kein Gotteshaus, keinen Gottesdienst, keine "gottesdienstlichen Beamten mehr hätte? Bringen die Juden, ob orthodoxe oder reformistische, nicht die größten Opfer zur Erhaltung ihrer Cultusanstalten, ja vermehren jene, um diese immer würdiger zu gestalten?*) Gerade im Gegentheil; noch zu keiner Zeit bauten die Juden mehr und schönre Gotteshäuser; überall errichten sie Religionsschulen; die Nachfrage nach tüchtigen Rabbinern, Predigern und Lehrern wird immer größer, die Gehälter werden erhöht; die Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine der Gemeinden wachsen an innerer und äußerer Ausdehnung; die jüdische Literatur erwirbt sich einen immer größeren Boden — lauter Erscheinungen, die von einem kräftigen Leben zeugen, die zu ignoriren, dagegen die Klage eines Predigers über mangelhaften Besuch als Maßstab anzunehmen, ein leichtes aber trügerisches Mittel ist, um zu einem willkürlichen Schlüsse zu kommen. Das Leben in der Menschheit ist kein einseitiges und monotones, sondern ein vielgestaltiges. Was in der einen Zeit als Hauptmoment erscheint, weicht in der anderen zurück, und macht anderen Lebensäußerungen Platz. Es gab eine Zeit, und im Iudenthume dauerte sie länger, als in anderen Religionen, wo der Besuch des öffentlichen Gottesdienstes Alles war, und das Wegbleiben von demselben so gut wie Abfall erschien; eine andere Zeit bringt die energische Bethätigung in anderer Weise zu Tage, ohne darum zu dem Rückschlüsse zu berechtigen, daß die Religion an innerer Lebenskraft verloren. Der Verfasser stützt denn auch sein Raisonnement auf eine yndere Voraussetzung, die wir geradezu als eine Unwahrheit bezeichnen müssen. Er behauptet nämlich, daß die jüdische Cultusreform aus keinem anderen Motiv entsprungen sei und ihr Dasein ziehe, als um den Chri- *) Es ist bekannt, daß da> wo die jüdischen Cultusresormen einen besonderen Tempel erhalten, wie in Hamburg und Berlin, sie dennoch alle Abgaben an die eigentliche jüdische Gemeinde bezahlen, und daß, wie es jetzt fast überall ist, die ganzen Gemeinden dem umge- 1*

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