Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 26 (1862)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Inhalt. Leitende Artikel: Wider die Protestantische Kirchenzeitung No. 46. I. — Pariser Briefe. IX — Literarischer Wochenbericht. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Aus Württemberg, Kassel, Mannheim, aus dem Großherzogthum Baden. Hamburg. Oesterreichischer Kaiscrstaat: Wien, Wien, Wien. Die Schweiz: Aus dem Aargau. Rußland: Warschau. Leitende Artikel. Magdeburg, 22. December. Wider die Protestantische Kirchenzeitung No. 46. I. Es könnte uns bedauerlich erscheinen, den neuen Jahrgang, zugleich das neue Vierteljahrhundert dieser Zeitung statt mit einem Artikel positiven Inhalts, in polemischer Weise anheben zu müffen. Allein es ist dies die charakteristische Aufgabe der periodischen Presse, den Streitfragen, die ihr in den Weg geworfen werden, nicht ausweichen zu dürfen, wobei denn nicht zu übersehen ist, daß auch der Polemik so wesentliche und positive Resultate entfließen, können, sie überhaupt zur Klärung der Begriffe und Verhältnisse so nachdrücklich beiträgt, daß sie zu einem der wichtigsten Momente des geistigen Lebens geworden. Wir haben es heute mit einem Aufsatze in der Nr. 46 der zu Berlin erscheinenden „Protestantischen Kirchenzeitung" zu thun, welcher, um es kurz zu sagen, bezweckt, nachzuweisen, daß die jüdischen Cultusreformeu nicht geeignet seien, das Bewußtsein der neueren „gebildeten Israeliten" zu befriedigen. So gern, wie wir wollten, vermögen wir es nicht, zu umgehen, schon beim Beginne auszusprechen, daß unser Gegner allen seinen Behauptungen Voraussetzungen zü Grunde legt, die nicht oberflächlicher und ungerechter sein konnten, und daß gerade darum seine lange Beweisführung ziemlich unnütz aus fällt. Vor Allem nämlich hätte man von ihm erwarten müssen, daß er uns erklärt, was er unter „gebildeten Israeliten" versteht, denn die Masse der Juden in ihrer Gefammtheit besteht wie jede andere Maffr unserer Zeit aus sehr verschiedenartigen Elementen und Schichten. Wir haben Juden, die auf dem orthodxesten Standpunkte stehen; wir haben solche, welche das wirkliche Leben mit dem überkommenen Iudenthume durch gegenseitige Accommodation auszugleichen suchen; wir haben deren, die sich mit dem Lehrinhall des Judenthums begnügen, ohne ihn durch kirchliche Formen in die concrete Erscheinung treten zu lassen; und endlich.fehlt es auch nicht an denen, welche über das Judenthum hinausgehend, einem bestimmten religiösen Bekenntnisse gar nicht mehr angehören, ja sogar Ansichten huldigen, welche pantheistischer, wenn nicht atheistischer Art sind. Die gegenwärtigen Juden schattiren sich in dieser Weise ebenso ab wie die gegenwärtigen Christen. Es frägt sich daher, welche Classe der Verfasser jenes Artikels unter „gebildeten Juden" versteht, und er hat es sich.mit dieser allgemeinen Bezeichnung sehr leicht gemacht, damit man seiner Affertion ein vollständiges Dementi nicht gegenüberstellen könne. Denn es versteht sich von selbst, daß die Institutionen der Synagoge, seien sie orthodoxer oder reformistischer Färbung, ebenso wenig für die zuletzt gezeichneten Juden berechnet sein können, wie die kirchlichen Institute für derartige Christen. Daher geschah es denn auch, daß sich der Herr M. M. — so bezeichnet sich der Verfasser des Artikels — wesentlich keines anderen Beweises für seine Behauptung zu bedienen hat, als einer Klage des Dr. Frankfurter in einer Predigt, daß die Männer der Wissenschaft unter den Juden, wie Aerzte, Advocaten und Literaten, dem Gottesdienste im Hamburger Tempel selten oder gar nicht beiwohnen. Wir wollen nun durchaus nicht behaupten, daß dies ein Factum sei, welches sich auf den Hamburger Tempel beschränke; wir geben zu, daß es sich andeswo ebenfalls wiederholt. Aber fragen wollen wir, ob M. M. daraus mit Recht den Schluß ziehen könne, daß die jüdische Cultusreform dem Bewußtsein der „gebildeten" Israeliten" nicht entspräche? Gehe doch derselbe in eine Kirche, in eine protestantische Kirche, und vergleiche den Besuch derselben nach dem Zahlenverhältniß zur christlichen Bevölkerung, wie den Besuch dev Synagogen mit umgestaltetem Gottesdienste nach dem Zahlenverhältniß der jüdischen Bevölkerung, sehe er sich namentlich um, welchen Classen die Besucher der Kirchen angehören: so muß er aus demselben Grunde den Schluß ziehen, daß die protestantische Kirche dem religiösen Bewußtsein der „gebildeten Christen", den Männern der Wissenschaft, den Aerzten, Advocaten und Literaten noch bei Weitem weniger enspreche, dieses vielmehr ganz unbefriedigt lasse. Da nun M. M. am Ende seines Aufsatzes sehr deutlich zu dem Schlüsse kommt, daß die gebildeten Juden nicht anders als in den seligmachenden Hafen der protestantischen Kirche einlaufen