Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-12-17 · Heft 51 (17.12.1861) · p. Seite 732

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 51 (17.12.1861)
Date
1861-12-17
Page
Seite 732 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226256-3226308--19949-3248995
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

sondern nur um von denselben Brot und andere Vortheile zu ziehen! Deswegen ruft Verfasser des Briefes aus: „Warum diesen Theil (den gebildeten) nicht unterstützen, warum denselben nicht stärken, nicht kräftigen „in seinem Eifer, in seinen Hoffnungen, in seinen Erfolgen im Streite gegen entgegenwirkende Unwissenheit „und Fanatismus? Wäre es wirklich vortheilhaft/ Men- „schen ohne Hülfe zu lassen, welche als Sieger aus dem „Streite gegen Fanatismus und Finsterniß unserer Gesell- „schaft, wiedem ganzen Vaterlande wesentlichen Nutzen „bringen könnten?! Und in Wahrheit, wo die Beamten im Geiste der Regierung handeln, da unterstützen sie den gebildeten Theil der Einwohner, die Bildung triumphirh das Landesgesetz, der Wille Sr. Majestät wird erfüllt, wie es sich z. B. in Zitomir, Cherzon, Minsk rc. bei den letz- - ten Rabbinerwahlen gezeigt, — wo aber dem Beamten das Geld mehr am Herzen liegt, als der Wille Sr. Majestät, als alle menschlichen Und göttlichen Gesetze, da siegen die Fanatiker, so besonders in Berdyczew und in vielen andern Städten kleinern Ranges/ wo der Gebildete stetshintangesetzt wird. — - - Am 4: Mai 1859 erschien ein kaiserlicher Ukas, nach welchem die jüdischen Kausieute verpflichtet sind, ihre Kinder! inöffentlichen Lehranstalten unterrichten zu lassen. Wenn die russische Regierung dem gebildeten Th eile der Juden keine-Vorrechte vor dem ungebildeten Theile zu gebengesonnen ist, so war dieser Ukas vom 4. Mai die einzige sichere Maßregel, um unter den Juden Bildung allgemein zu verbreiten/ und wirklich schickte sich schon der größte Theil der jüdischen Kaufmannschaft an, diesem Ukase nachzuleben/ alle öffentlichen Lehranstalten' füllten sich mit Kindern, neue Schulen und Pensionen wurden eröffnet, und' schon trimphirte die gute Sache! Aber die Finsterlinge-scheueren - weder Mühe noch Geld, um ihre Nachkommen-in der Verdummung zu erhalten,- und erwirkten eine Erklärung des obengenannten Ukases, nach welcher die Verpflichtung der Kaufleute: ihre Kinder in öffentlichen Schulen unterrichten zu lassen, blvs moralisch sei! Diese Erklärung entvölkerte die Schuleneben so schnell, wie sie früher gefüllt wurden, und die Pensionen gingen wieder ein. — — : : - :'; Dem gebildeten Juden ist es schlimmer in Rußland als irgendwo! Denn von seinen russischen Religionsbrüdern gehaßt, verachtetverfolgt, wird er auch von der Regierung nicht berücksichtigt, dem ungebildeten Juden nicht vorgezogen, ja dem Kaufmannsstande hintangesetzt! Weder Gymnasial - Ieugniß, noch Universitäts- Diplom Mbs - dem'-Jühen : da8 Recht/ im'innern Rußland zu leben; aber der jüdische Kaufmann kann überall,- in Petersburg/' Moskau- -re. wohnen, sich 'daselbst Häuser kaufen rc., -ja der' mit einem Diplome von der Petersburger , Moskauer-w:'Universität ' versehene-Doctow der Mediein, wenn er Jude ist, darf nicht als Mrzt in demselben- Regimente dienen, in welchem sein ungebildeter Religionshruder als gemeiner Soldat dient Darum sagt Vers. des Briefes: „Schuldig in den Augen seiner „Religionsbrüder deswegen, iE sich vor Allem züm „Menschen machen wollte, — schuldig aber auch in den „Augen der - vorurtheilsvollen Russen , weil er als^He- „bräer geboren wurde! Wehe daher, wenn auch' wir „Russen einem solchen keine Sympathie schenken'! Was >,söll er sodann thun?!" Was sollen und was können die vielen Pädagogen und die vielen Rabbiner thun, die jährlich von den Rabbinerschülen geliefert werden?^ Die Orthodoren, die-Ehassidim, die Fanatiker'wollen mit diesen gebildeten -jungen Leuten in 'keine Berührung kommen/ deswegen-lwdkl; sie sich bor Allem'zum Menschen machten, und sind ihnen überall hinderlich im Wege, so z. B. bei Bekleidung eines dem Juden zugänglichen städtischen Amtes, wo dochsolche gebildete junge Leute viel besser paffen/ als der der russischen Sprache sogar ganz unkundige Orthodore, — die Regierung will diese gebildeten jungen- Leute zu keinem einzigen Amte zulässen, selbst nicht als einfache Schreiber in irgend einer Amtsstube, sondern benutzt dieselben blos in jüdischen Schulen als Pädagogen mit jährlichem Gehalte von 250 bis 350 R. S., oder als Rabbiner ganz ohne Gehalt, -darum/ „weil sie als Hebräer geboren sind". Die Mittelklasse der Juden, ich meine diejenige, welche weder zu den Fanatikern- Und Chassidim, noch zu den Gebildeten gehört/ antwortet daher ganz naiv auf die Frage: warum sie ihre Kinder nicht bilden läßt: „Wbzu unsere Kinder bilden? „welchen Nutzen, welche Vortheile hat denn der gebildete „vor dem ungebildeten Juden? Die Herren X., N/ Z. „haben ja gar nicht studirt, sie find ganz ohne Bildung, „haben aber» Geld,--und darum allein können sie in Petersburg, in Moskau re. wohnen, sie sind überall ge- „dhrtja' respectirt d'ä,-wo der Gebildete sich nicht ein- ,,mal zeigen - därf!! - Der Reiche fetzt Alles- 'durch, selbst „Widergesetzliches, der'Gebildete'nichts, was' er wünscht/! „also wozu unfern-Kindern- Bildung?" — ' Schließlich'mache-ich alle-Unsere Religionsbrüder in! Europa darauf aufmerksam,- daß der -Chassidismus schon i eine weite Kluft zwischen seinen Anhängern und den übrigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.