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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-12-10 · Heft 50 (10.12.1861) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 50 (10.12.1861)
Date
1861-12-10
Page
Seite 723 (sequence 11)
Language
German
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723 digerß in unserer Gemeinde angetretenHat Dieselbe einen ganz andern Charakter angenommen. - Erst, mit dem Beginn seiner Wirksamkeit . haben wir die eigentliche Bahn des religiösen Fortschritts betreten. Der Zustand,, in dem wimuns jetzt befinden,,/kann jedoch nur dann, gebührend gewürdigt, werden, wenn man ihn unmittelbar neben die Verhältnisse stellt, .die ihm vorangingen. , ,;; Aus beiden Formen des jüdischen Lebens war die innere Wärme gewichen. Sowohl aus dem Gebiete der Religion, als mittelbar auf dem der Gemeinde, hatte die eisige Brust des Jndifferentismus Alles angehaucht, woran das Herz und Gemüth Wärme schöpfen für den ganzen geistigen Organismus. . Nicht'nur itt dem vornehmen Jgnoriren alles Jüdisch-Religiösen von Seiten der jüngern Geschlechter bekundete sich. dieife gesunkene Thermometerstand, sondern auch in der harten Schläfrigkeit, welche, die Väter dieser. Geschlechter indie.Verhältnisse ihres.Lehens als Glieder einer . GesantMtheitWeintrugen.^ Eine dem Judenthume.treue ^Unp seinem Geiste, gemäße, Erziehung ward als zeitraubend und zwecklos angesehen, weil man sich an die An- -.nahme gewöhnt hatte, das weltliche Leben wäre mit den Forderungen des Judenthums unversöhnbar. Das HeMden gewisser Functionen in der Gemeinde, die Mst Gegenstände, des Ehrgeizes zu sein, pflegten, waren nachgerade zu einer Last geworden, der man sich' zu entziehen gesucht, hatte, um nicht den Beinamen eines Müssiggängers zu tragen. So „mußten denn auch beieinem Erziehungssystem, in dem jüdisches Wissen nur einen, leid er obligaten Gegenstand bildete, die eifrigsten Bemühungen der -besten Lehrer fruchtlos bleibenindem kein inneres Gemüthsleben den mechanischen Uebüngen des Gedächtnisses zu Hülfe kam. Und wenn nichts desto weniger Erscheinungen ins Leben getreten waren, .die ohne eine, gewisse warme Theilnahme nicht hätten entstehen können, so bewies die Mangelhaftigkeit ihrer innern und äußern Bedingungen eben nur, daß die Erstarrung nicht bis in den innersten Kern gedrungen war. Den Reformen, die vorgenommen wurden, fehlte jede innere Bedeutung, weil ihnen kein leitender Gedanke zum Grunde lag, oder. weil sie nicht als norhwendige Erfordernisse in das Bewußtsein der Gesammtheit übergehen konnten. . Ein solcher Zustand war nicht geeignet,, das verknöcherte Formenleben unserer Orthodoxie ans /frische geistige Strömen der Zeit heranzuziehen. Sie sah in dem Wechsel der Formen nicht einen Fortschritt, sondern einen , Abfall, oder beinahe einen Abfall, und scheute sich, den modernen ForderungenConcessionen zu machen, aus Furcht vor den Eonsequenzen, die in einzelnen Fällen wirklich zu weit gingen. Dasjenige, woran man Anfangs von der einen oder der andern Seite Aergerniß nahm, verlor durch Gewohnheit seinen unangenehmen Eindruck; man ließ sich gegenseitig gewähren, und gleichgültig -gegen, einander, vegetirte man gemüthlich fort. Die Nothwendigkeit einer Kanzel schien Einzelnen, und Vielen von den Fortgeschrittenen klär geworden zu sein, aber über den bloßen Wunsch hinauszukommen, vermochten weder Diese noch Jene; und von einer allgemeinen Ansicht konnte wohl da nicht die Rede sein, wo die Theile der Gemeinde nur äußerlich neben einander standen und von keinem einheitlichen Wollen beseelt waren, wo nicht einmal der enge Kreis der persönlichem Meinung verlassen wurde, wo der Glaube an Autorität mit Unwissenheit synonyms ward, wo Jeder sich für klüger, vernünftiger hielt als - der Andere, wo mit einem Worte jeder Maurer als Baumeister gelten wollte — Eigmthümlichkeiten, die vor drei Jahren ungefähr handgreiflich genug hecvortraten, als es sich nämlich um die Besitznahme der „großen Synagoge" handelte, deren Verwaltung ein minder dazu berechtigter Theil der Gemeinde usurpirte. — : So waren unsere Zustände, als ein günstiger Zufall den vr. Schwabacher in-unsere Mitte brachte, und wenn seine Gastpredigten die zwei sich feindlich gegenüberstehendcn Synagogenparteien auch nicht zusammenführen konnten, weil nicht ein Princip, sondern der Vorrang der Gegenstand der Fehde war, so gelang es ihnen doch, die ewig ins Kreuz und die Quer springenden Meinungen in einen Mittelpunkt zu sammeln, — in den Wunsch nach einer völligen Heilung unserer innern Uebel - über die die allgemeine Gleichgültigkeit einen Schleier geworfen hatte. Denn das Bild, das uns vr. Schwabacher vorhielt, zeigte uns, daß da, wo unsere Brüder im Auslande bedächtig vorwärts geschritten, wir muthwillig gesprungen sind, daß die bessere Einsicht keine sichtbaren Folgen haben konnte, weil sie einerseits die individuellen Farben Nicht ablegen wollte, und ihr andererseits auch jene Kraft des Bewußtseins fehlte., die zur That drängt.; Es ist nun kaum : ein Jahr vorüber, sseitdem vr. Schwabacher in unserer Gemeinde amtlich' zu wirken begonnen, und das jüdische Lebenhat eine ganz an- 50**

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