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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-11-19 · Heft 47 (19.11.1861) · p. Seite 673

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 47 (19.11.1861)
Date
1861-11-19
Page
Seite 673 (sequence 5)
Language
German
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673 aus der Synagoge auf das Theater gebrachte Jedenfalls erinnert hierbei Meyerbeer an die Bemerkung, daß, wer auf zwei Stühlen sitzen will, auf keinen zu sitzen kömmt. Wenn Meyerbeer in der einen Hand die Composition eines Stabat mater, in der andern die einiger synagogalen Gebete hält, so wird ihm der Christ nicht für jenes, der Jude nicht für diese Dank wissen. Man sage nicht, daß die Musik, abgesehen von nationalem Charakter, doch an sich kosmopolitisch sei. Auf die musikalische Bearbeitung religiöser Stoffe hat dies keine Anwendung. Zur wahrhaften Behandlung solcher gehört auch die Begeisterung für die darin enthaltene Idee, und solche kann in einem Andersglaubenden nicht leben. Einen specisisch christlichen Stoff, wie Stabat mater dolorosa, kann kein Jude behandeln, ohne aufgehört zu haben, Jude zu sein.*) — Jemand warf neulich st die Frage auf: was wohl die Juden in Preußen zu verlieren hätten, wenn ein Manteuffcl-Raumer-Westphalen'sches Ministerium wieder ans Ruder käme? Nach mehrfacher Discussion kam man darin *) Riehl zählt auch mit großem Nachdruck alle die musikalischen Lehrer und Bildner Mcyerbeers auf, um damit zu verstehen zu geben, daß cs eigentlich kein großes Kunststück von ihm war, das zu werden, was er geworden. Unter jenen nennt er auch C. M. v. Weber, und dabei fiel uns eine Anekdote ein, die uns von einem Freunde des Beer'schen Hauses als ganz authentisch erzählt worden. Weber war fast täglicher Gast bei Beers, und ließ sich auch sehr oft den Geldbeutel des „reichen jüdischen Banquiers", auf den Riehl als M.'s Vater hinweist, öffnen, was bereitwillig geschah. Als M. seine erste Reise nach Italien antrat, ließ er sich unter vielen Empfehlungsschreiben auch, eines von Weber an den Capellmeister von Venedig mitgeben, fand aber zufällig keine Gelegenheit, es abzugeben. Nach Jahr und Tag, als ihm die Italiener für sein Cruciato il Lgito huldigten, fiel ihm einst der Weber'sche Brief in die Hände, und er öffnete ihn aus Neugierde. Was las er? Der Ueberbringer sei der Sohn eines reichen Juden, habe Musik studirt und nicht ohne Erfolg; man müsse aber die Juden nicht aufkommen lassen, den Geldbeutel hätten sie schon in der Hand, bekämen sie nun noch den Taktstock, so würden sie die Kunst auch beherrschen. Der oenetianische Maestro sollte ihm daher möglichst Hindernisse in den Weg legen u. s. f. Den Brief sandte M. an seine Mutter, und Amalie Beer that Nichts, als sie legte dem Hausfreunde bei der nächsten Schmauserei in ihrem Hause den Brief unter die Serviette. Weber erblaßte bei diesem Funde, schwieg und blieb fort. Nach einiger Zeit stellte er sich allmählig wieder ein, und es war niemals die Rede davon. überein: daß dies nur sehr wenig wäre, da das Ministerium der „neuen Aera". sehr wenig, was nicht blos Worte wären, für die Juden, d. h. für die Verwirklichung der Verfassung in Bezug aus die Juden, gethan habe. Wahrscheinlich würde man ihnen den Kreistag wieder verschließen, jüdische Stadtverordnete zu den Provinziallandtagen nicht mehr erwählen lassen, auch untersagen, daß ein Jude Dorfschulze werde. Dann sind wir fertig. Aus dem Staatsdienste würde man die Juden nicht entlassen, weil — die „neue 9teta" sie auch nicht hingelassen! Ein Freund schreibt uns: „In Ihrem neulichen Artikel „die Reaction im Judenthume" sagen Sie mit Recht, daß die jüdische Reaction auch nicht ein einziges Werk, ein einziges Institut hervorgebracht, das wirksam wäre und wirksam sein würde. Sie vergaßen hinzufügen, daß, was jene hervorgebracht, immer nur ein Abklatsch, eine bis ins Detail gehende Nachahmung Dessen gewesen, was ihre Gegner ins Leben gerufen. Man wollte auch ein Blatt redigiren, und da ahmte man nicht blos die ganze Einrichtung, Rubricirung u. s. w., sondern selbst Format und Typen der Allg. Ztg. d. Jud. nach. So geistesschwach und doch stark an Frechheit war diese Reaction. Allgemeine Grundsätze lassen sich in Sachen der Intoleranz schwer aufstellcn, da die Erscheinungen oft vielfache Widersprüche aufweisen. Der schweizerische Canton Graubünden (katholisch), in welchem kein einziger Jude wohnt, noch wohl jemals gewohnt hat, hat neulichst die völlige Gleichberechtigung der Juden, wenn sie hinkämen, ausgesprochen. Ebenso hat vor einem Jahrzehend Norwegen (protestantisch), aus dessen Grenzen Juden unh^ Katholiken bei schwerer Strafe verbannt waren, den betreffenden Artikel II. seines Staatsgrundgesetzes gestrichen. Tyrol hingegen wehrt sich noch heute mit aller Macht, Protestanten und Juden aufzunehmen, nachdem durch die neuen österreichischen Staatsdiplome diese Ausschließung aufgehoben worden. Literarischer Wochenbericht. Jebenhausen, im Oktober. Der Commentar über den Psalter von Franz Delitzsch in zwei Thcilen, Leipzig, Dörffling und Franke, ist ein sehr bedeutendes , umfassendes Werk. Die Schrift enthält eine

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