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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-11-19 · Heft 47 (19.11.1861) · p. Seite 672

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 47 (19.11.1861)
Date
1861-11-19
Page
Seite 672 (sequence 4)
Language
German
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davon machen können. Vor uns liegt z. B. die zweite Folge von W. H. Riehl's „Musikalische Charakterköpfe", erschienen 1860. Die eben so sinnige wie scharfsichtige Auffassung und Beurtheilung aller musikalischen Erscheinungen, welche den Verfasser auszeichnet, können , wir als allgemein anerkannt voraussetzen. Nun schlage man die Charakteristik Meyerbeers auf. In wie weit Riehl die Leistungen und Richtung Meyerbeers von musikalisch-kritischem Standpunkte aus würdigt, ist nicht unsere Sache zu besprechen. Aber wie er in seine Zeichnung den Judenhaß Hineinspielen läßt, müssen wir doch betonen, um den obigen Ausspruch auch auf Meherbeer anwendbar zu finden: „In Deutschland vergißt man den Tonsetzer über den Juden, in Frankreich den Juden über den Tonsetzer." Er hebt schon beim Beginn hervor, daß der Mann eigentlich Jakob Meyer Beer heiße, und „man nur jetzt vornehmer Giacomo Meyerbeer schreibe." Hat diese Bemerkung irgend etwas mit dem musikalischen Charakter Meyerbeers zu schaffen? während es natürlich war, daß Meyerbeer, der zuerst in Italien aufgetreten, seinen Namen ita-' lienisch drucken ließ, was sich dann erhalten hat. Fand nicht dasselbe bei zahllosen deutschen Componisten statt, welche die Titel ihrer Comp ositionen italienisch oder französisch schrieben? Bald darauf äußert sich der Verfasser: „Die Musikgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts kennt keinen berühmten Musiker jüdischen Stammes, während im neunzehnten eine sehr starke Gruppe plötzlich auftritt; ich brauche neben Meherbeer nur Mendelssohn, Moscheles, H. Herz, Halevy, Ferdinand Hiller, I. Rosenhain zu nennen. Die Stammesherkunft, welche diesen Künstlern vor hundert Jahren ein Fluch gewesen wäre, ward ihnen jetzt eher ein Vorth eil. Sie fanden unter sich und unter noch weit mehr ausübenden jüdischen Musikern schon Stütze genug, und die liberalen Tendenzen der Zwanziger und Dreißiger Jahre förderten die neue große Rolle, welche mit einem Male so viele Juden in der Literatur und Musik spielten, als einen Sieg frei menschlicher Gesittung. Dabei wußten sich die meisten dieser Männer vortrefflich selber zu helfen und künstlerisch, und literarisch eben so gut zu berechnen, als materiell zu rechnen. Kein neuerer und gewiß auch kein älterer großer Komponist erfreute sich nach Außen einer so unabhängigen, geförderten Laufbahn wie Meyerbeer und Mendelssohn." —- Also auch hier das Bestreben, die verdienten Erfolge des Meisters dadurch zu verringern, daß man sie zum großen Theil auf die Nationalität schiebt, zuerst, weil die Juden so gut zu rechnen verstünden, alsdann, weil sie sich einander unterstützten und das Lob der Glaubensgenossen überallhin verbreiteten. So weit dies Meyerbeer betrifft, so vergißt Riehl, daß Meherbeer zuerst in Italien, wo vor vierzig Jahren die Juden gar keine, und in Frankreich, wo sie geringe Einwirkung besaßen, auftrat und Ruhm erwarb. Wir erinnern uns aber sehr wohl, daß man in Deutschland sich lange wehrte, ihm Einlaß zu geben, weil er Jude, daß man in Berlin erst 1832 Robert den Teufel aufführen ließ, nachdem er in Paris schon viele Jahre hindurch Hunderte von Vorstellungen erlebt hatte. Wenn also Juden wirklich einen jüdischen Künstler unterstützen sollten, so muß dieser diese Begünstigung viel theurer durch die Hindernisse bezahlen, welche ihm seine Abstammung in Deutschland verschafft. — Riehl bemerkt nun im Verlaufe, daß Meherbeer mit der Componirung von acht geistlichen Oden von Klopstock seine Laufbahn begann, denen ein dramatisch pathetisches Oratorium: „Gott und die Natur", hierauf ein Bühnenwerk: „Jephta's Tochter", ein halbes Oratorium, folgten, welches aber bald vom Theater verschwand. Dann sagt er: „Allein trotz aller Wandlungen des Styles hielt er von nun an fest an dem Effectstück, die Kirche ins Theater zu. tragen. „Robert", „die Hugenotten" und „der Prophet" zeugen dafür. Ob er in seinem „8tsbat mater" und „Uiserere" andererseits das Theater in die Kirche gebracht, kann ich nicht behaupten; doch ist es wahrscheinlich, denn er trug das Theater wenigstens in die Synagoge. Die große und merkwürdige Sammlung der Pariser israelitischen Cultgesänge enthält neben uralten, fast an unfern Palestrina-Satz gemahnenden und doch eigenthümlich jüdischen Weisen auch etliche Nummern von Meherbeer und Halevy, in denen die Accorde der „Hugenotten" und der „Jüdin" voll und offen znr Judenschule hereintönen. Ein nationaler Zug zu declamatorisch hochklingendem Psalmgesang findet sich übrigens auch bei andern jüdischen Tondichtern unserer Zeit; die Harfen, welche ihre Ahnen weiland an Babels Weiden ausgehangen, stellen sie jetzt ins Theaterorchester." — Man sieht, das ist Alles keine gründlich kritische Beurtheilung, wie sie die Deutschen eigentlich lieben, sondern^ mehr witzelndes Geschwätz und die Antithesen, die sich Herr Riehl auch bei dem geringsten christlichen Coniponisten nicht erlaubt, die aber die deutschen Leser immerfort erinnern sollen: vergesset über den Tonsetzer den Juden nicht, lasset Euch von einem Meyerbeer'schen Opus nicht ergreifen und erfreuen, dieweil er ein Jude ist. Von jüdischer Seite wurde wiederholt gerade das Gegentheil behauptet, daß sowohl Meherbeer als auch Halevy Vieles

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