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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-11-19 · Heft 47 (19.11.1861) · p. Seite 671

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 47 (19.11.1861)
Date
1861-11-19
Page
Seite 671 (sequence 3)
Language
German
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671 alleinigen Maßstab ab. Und nun fragen wir: wer hat diese Sittlichkeitsgesetze zuerst als die wahrhaften Motive der Völkergeschicke, als die Ursachen und Wirkungen aller großen Ereignisse verkündet, und nach ihnen Urtheil und Recht gesprochen, wenn nicht die Propheten Israels? Wer hat zuerst die weite Perspective der Entwickelung der Völker zu einem großen Ziele eröffnet, wenn nicht wiederum die Propheten Israels? Nicht Plato und Aristoteles und alle ihre Nachfolger in der Staatslehre waren es, sondern der Rathgeber Chiskijah's, der Hirt von Lhekoa, der Trauersänger Zions und der gewaltige Sprecher innerhalb der Thore Babels. Und wenn es wahr ist, und jedes Wort von den Kanzeln Israels kann es Euch erweisen,^ daß das neuere Judenthum auf der Basts der Thora am meisten vom Geiste des Prophetenthums durchdrungen und gehoben ist, wie könnet Ihr behaupten, daß dessen Jünger des Geistes entbehren, mit welchem die Geschichte aufgefaßt sein will, während Ihr selbst, wenn Ihr diesen Geist besitzet, ihn nur durch den Trunk aus denselben Quellen eingeschlürft habt? Ein anderer, mehr subjectiver Einwand ist, daß der Jude vermöge seiner nationalen Stellung und aus der Geschichte seiner ihn betroffenen Verfolgungen und Ausschließungen heraus nicht unparteiischgenug sei, um die Geschichte der Staaten und Völker in allfeitiger und billiger Weift zu würdigen. Hierbei hat man in der That nur den Juden im Ghetto vor Augen, während wir doch längst, das lebende Geschlecht schon von Geburt an, auf die grünen Auen und die offenen Fluren der Menschheit getreten und darauf gewandelt sind. Aus der innersten Ueberzeugung können wir aussagen, daß die Juden von nachhaltigem Haffe und Widerwillen gegen keine Nation, z. B. nicht einmal gegen die Spanier, Etwas in ihrem Herzen tragen, daß sie vielmehr eher gegen ihre eigenen Stammesgenossen vorurtheilsvoll sind, und daß daher von einer nationalen Parteilichkeit bei ihnen gar nicht die Rede ist. Wer uns dies nicht glauben will, der stelle doch erst eine aufrichtige Prüfung an, bevor er vorauseingenommen also abspreche. Wir könnten sogar behaupten, daß, wenn ein Jude vom geschichtlichen Bewußtsein seines Stammes in lauterer Weise durchdrungen ist, er sich am meisten zur Geschichtsschreibung eigne, weil der jüdische Stamm an den Händeln und Vorgängen der vergangenen Zeiten keinen unmittelbaren Antheil gehabt, er also gar kein Motiv hat, Gunst und Feindschaft in parteiischer Weift an untergegangenen Geschlechtern zu üben, oder gär Geschichte zu fälschen, vielmehr nach allen Setten äusschauen und alle Berichte prüfen wird, um einem Jeden das Seine zu ert heilen. Sehet wohl zu, daß wir Juden nur gewinnen können, wo Wahrheit und Recht durchbrechen, und in diesem Sinne werden wir in die Geschichte zurückblicken, und von diesem Standpunkte aus sie zu verstehen und wiederzuspiegeln streben. Zerstreute Bemerkungen. Als vor einiger Zeit in einer norddeutschen Stadt über die Einführung der Orgel discutirt wurde, bemerkte ein Gelehrter: Anfänglich habe blos die Gemeinde die Gebete gesprochen, dann habe der Chasan die Gemeinde verdrängt, in neuerer Zeit der Chorgesang den Chasan, wie komme man nun dazu, wiederum den Chorgesang durch die Orgel verdrängen zu wollen? Ein Anwesender bemerkte hiergegen, daß dies gerade für die Orgel spreche; man sehe, daß die Geschmacksrichtung von Zeit zu Zeit eine andere wurde, und daß man dieser nachgebend, eine Form durch die andere verdrängen ließ, so daß also auch die neueste Tendenz ihre Berechtigung habe. — Wir unsererseits fügen hinzu: daß überhaupt Nichts verdrängt worden sei, noch verdrängt werden solle. Die Geschichte des Cultus zeigt vielmehr, daß jede frühere Phase des Gottesdienstes immer in eine neue theilweift mit hinüber genommen wurde, wie z. B. die Opfer, nachdem sie nicht mehr dargebracht wurden, in die Gebete den Worten nach hinüber genommen wurden. Hiernach ist denn die Theilnahme der Gemeinde an den Gebeten kräftig geblieben, auch als der Vorbeter seine bedeutende Rolle spielte, und eben so bleibt der Chasan wirksam, auch wo Chorgcsang stattfindet. Die Orgel soll nun vielmehr der Kitt für diese drei etwas heterogenen Elemente sein und ein organisches Ganzes aus Gemeinde, Chor und Chasan machen. Vor Kurzem sprach der witzige Verfasser der „Pariser Briefe" in diesen Blättern betreffs der „Schwalben" des Dr. Wihl das Wort aus: „In Deutschland vergaß man den Dichter über den Juden, in Frankreich den Juden über den Dichter." Dieses Wort hat leider eine ausgedehntere Bedeutung, als wir wünschen möchten. Das Uebelwollen, um nicht zu sagen der Haß gegen die Juden ist bei den Deutschen so tief gewurzelt, daß selbst die denkendsten' und gefühlsreichsten Männer sich nicht frei

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