Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1861)
- Date
- 1861-11-19
- Page
- Seite 670 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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670 Gesetz des Judenthums widersprächen dem. Nicht bloß Handel und Industrie, Landbau und Handwerk wollte man ihnen versagen, sondern auch Wissenschaft, Kunst und Literatur vor ihnen verschließen. So erhoben jüngst bei dem Erscheinen der. Vorlesungen des Herausgebers - dieser Zeitung „über die Resultate in der Weltgeschichte" (Baumgartner 1860) die protestantisch pietistischen und die uüramontanen Blätter das Geschrei: ein Jude könnte keine Weltgeschichte schreiben, dazu müsse Man vom Geiste des Christenthums durchdrungen sein, dazu müßte man die christlichen Dogmen vor Augen haben, weil diese allein den Weg zeigten, wohin die Weltgeschichte gehe. Wenn nun auch die letzte Phrase nur Behauptung der christlichen „Frommen" ist, so sprachen sich doch im Sinne der ersten Sätze auch Viele aus, welche der Fahne Jener nicht folgen, Rationalisten, Dissenters, und endlich blos weltlich Gesinnte. Wir mögen daher jene Behauptung wohl einmal näher beleuchten. Merkwürdig möchte es wohl von vornherein scheinen, wenn man dem Stamme den Beruf und die Befähigung zur Geschichtsschreibung äbsprechen wolle, welcher zuerst unter allen Völkern der Erde Geschichte geschrieben hat. Ein Jahrtausend bevor der Grieche Herodot sich zum „Vater der Geschichte" machte, verfaßten die Israeliten Geschichte, ja schrieben in Lapidarschrift die Weltgeschichte bis zu dem Zeitpunkte, wo das Geschecht des Schem sich vom Grunde der Nationen abhob (1 Mos. C. 1—11). Allerdings war die Geschichtsschreibung der Israeliten von da ab national, und vom 12. Cap. der Genesis an bis zum Juchastn und Zemach David berührten die jüdischen Geschichtsschreiber die Geschichte anderer Völker nur insoweit, als ihre Geschicke mit denen jener verflochten waren, aber es war immerhin Geschichte, wie jeder Stein, der in Nineveh und Phonizien ausgegraben und jede Hieroglyphe, die enträthselt wird, erweist. Daher ist es um so weniger zu bewundern, wenn der Jude, nachdem er die moderne Bildung in sich ausgenommen, zur Geschichtsschreibung, insbesondere zur Weltgeschichte zurückkehrt. Ein eigenthümliches Zusammentreffen mag es dann sein, daß, außer einigen Monographien — die geschichtlichen Werke getaufter Juden, wie Leo's in Halle, rechnen wir nicht hierher— gerade die gedachten Vorlesungen, welche in großen Umrissen die bedeutendsten Erfolge der weltgeschichtlichen Bewegung zu zeichnen versuchten, die erste Ärbeit eines Juden auf dem Gebiete der Weltgeschichte waren. Ist es doch nicht dieser Punkt allein, in welchem die neueren Juden zu den ersten Quellen des Daseins ihres Stammes und ihrer Religion zurückkehren müssest. Did Juden müssen sich gleichsam nunmehr wieder mit der Erkenntniß der Weltgeschichte abfinden, innerhalb HerMsse so viele Jahrhunderte eisten abgesonderten xEa^ah'childeten. Doch gehen wir mehr auf die eigentliche Frage ein. Jenen specifisch dogmatischen Christen gegenüber stellen wir nur die entgegengesetzte Behauptung auf: gerade auf dem Grunde der christlichen Dogmen läßt sich die Weltgeschichte weder begreifen, noch schreiben. Jene werdem an diesem unsern Satze gerade dasselbe Aergerniß nehmen, wie wir an ihnen, wenn sie uns die Geschichtsschreibung absprechen. Aber wir halten ihn mit voller Ueberzeügüng aufrecht, und fordern dagegen von ihnen nicht, daß sie den ihrigen aufgeben sollen, weil sie es eben nicht können. Nach den christlichen Dogmen geht die Menschheit rückwärts und nicht vorwärts, und das Ende der Dinge tritt mit dem jüngsten Weltgerichte ein, welches alles irdische Werk des Menschengeschlechtes vernichtet. Ferner: für das eigentliche Christenthum haben die politischen und socialen Entwickelungen gar keinen Werth) der Lebensmittelpunkt des rein Menschlichen ist darüber hinaus in eine Welt der Entsagung und in das jenseitige Leben gelegt, von welchem aus. die Dinge dieser Welt klein und nichtssagend erscheinen. Doch dem sei genug; uns kömmt es vielmehr darauf an, zu Denen zu sprechen, welche das Christenthum mit freierem Geiste erfassen, und dennoch dem Juden den Beruf zur Geschichtsschreibung äbsprechen. Diese fragen wir: welche sind die eigentlichen Principien, von denen die Geschichtsschreibung ausgehen muß? Wir kennen nur zwei; erstens, daß das Leben des Menschengeschlechts, nach welcher Richtung hin es auch ströme, in wie fern es sich auch nur concret gestalte, was es schaffe und construire, immer nur auf den großen Basen der sittlichen Wahr- ' heilen und des intellectucllen Strebens beruht, und zweitens, daß die fortschreitende Entwickelung das wesentliche Ergebniß der geschichtlichen Forschung ist. Wir glauben nicht, daß gegenwärtig irgend Jemand diese Ansicht angreifen werde, er hätte sich denn so sehr in Vorurtheil und schiefe Ansichten verlaufen, daß er gerade zur Geschichtsschreibung unfähig sein wird. Nachdem die Politik der Könige hinter die Politik der'Völker zurückgewichen, und die Kunststückchen der Diplomatie höchstens noch die Secunden- und Minuten-, nicht aber die Stunden- und Datumzeiger auf dem Zifferblatte der Staatengeschichte sind, vielmehr die Lebensmomcnte der Nationen wuchtig in die Schale der Welthistorie fallen, geben die großen Gesetze der Sittlichkeit auch für den Geschichtsschreiber den