Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1861)
- Date
- 1861-11-12
- Page
- Seite 660 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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660 Nennt man denn nicht mit Ucht den Wein die Milch der Greise, wenn er ihre VerdaMng und ihren Schlaf, also auch die Bildung von Blut und Geweben befördert, wenn er zugleich-unmittelbar, indem er das Athmen mäßigt, die Stoffe des Körpers spart? Für Armenhäuser, in welchen Hoch betagte verpflegt werden, ist ein guter, altet Wein ein durchaus eben so unerläßliches Bedürfniß, wie in den Findelhäusern gute Milch,"— Wie sehr würde sich Herr Moleschott wundern, wenn er wüßte, daß die Folianten des'Talmuds die gemeinsame Quelle sind, aus welcher George Sand und Liebig geschöpft haben, daß der Wein die Milch der Greife zu nennen ist! Der Talmud war eben von der Wahrheit dieser Regel überzeugt und darum bestrebte er sich, dieselbe aus der Bibel, wo alle Wahrheit und Weisheit zu suchen, zu eruiren. Unsere Stelle wird in Jalkut ferner ausgelegt: '“>mü Hk ■npn bt* awpVi "laawiö nbn inpiö»» hinv rrrsrib .■pspb rrbdr pb Wohingegen wieder im Talmud anstatt R. Tobia ein R. Jochanan substituirt ist: ^b -2b '121 ^2b2n siö ,tai Der Ausdruck •pabiatt 1^22) scheint eine besondere Phrase oder sprichwörtliche Redensart gewesen zu sein, die nun hier zu einem Wortspiel verwendet wird, was aber uns nicht mehr ganz verständlich ist. Wir wiederholen hier endlich abermals unser bereits in der erwähnten No. 1 an die Herren Herausgeber gestelltes Ansuchen, in dieser Ausgabe die Ccnsurlücken und alle antichristlichen Stellen vollständig abzudrucken, da doch jetzt gar kein Hinderniß mehr obwaltet. Es ist einmal Zeit, daß die österreichische jüdische Presse ein unverstümmeltes Werk herausgeben möge, und gerade die Wiener Editoren müssen hierin mit dem gewiß lobenswerthen Beispiele vorangehen. Die österreichischen Preßzustände bieten jetzt keine Schwierigkeiten mehr, und nur die Bornirtheit.und Nachlässigkeit der Herausgeber tragen allein die Schuld dieser ewigen Schmach. Das Bedürfniß nach Wiederherstellung des ursprünglichen censurfreien Textes des Talmuds und der talmudischen Werke wird jetzt sogar in Rußland gefühlt und offen ausgesprochen. Ein russischer Jude war es eben, der vor einem Jahre heimlich in Wien und zwar, wie ich glaube, sine anno et loco unter dem Titel ^721« ein interessantes Werk herausgegeben, worin alle von der russischen Censur im Talmud und in den Commentaren, in den Werken des Alfasi und Maimuni gestrichenen und verstümmelten Stellen vollständig gesammelt und in ihrer Originalität hergestellt sind. Leider hat der Herausgeber die ganze Auflage nach Rußland geführt und blos Herr S. Szanto soll ein einziges Exemplar erhalten haben. Auch wir sind durch Zufall in den Besitz eines Correcturbogens des NN2W smöl», Folio 16, gelangt, worin die Censurlücken in dem Tractate Aboda Sarah mit einer außerordentlichen Genauigkeit gesammelt sind. Auch in Königsberg hat ein Verleger ein ähnliches Werk herausgegeben und die ganze Auflage soll in Rußland in einer kurzen Zeit vergriffen worden sein. Sollte sich in Wie» für ein Omer Haschikcha kein Verleger finden?? Freilich wärdie österreichische Censur nie so streng als die russische; aber bei den zahlreichen Auflagen des Talmud und der vorzüglichsten rabbinischen Werke, ,die feit 50 Jahren in Oesterreich erschienen, wäre ein solches Werk ein sehr brauchbares Supplement, das auf starken Absatz rechnen und allgemein willkommen sein möchte. Ein solches großartiges constatirtes Beispiel, daß die alten talmudischen und rabbinischen Schriften, die doch nur meist theologische, liturgische und wissenschaftliche Themata behandeln, eben so wenig von einer Censur oder Preßgesetz beeinflußt werden, wie die alten griechischen und römischen Classiker, würde von den wohlthätigsten Folgen sein, und auch die österreichischen jüdischen Druckwerke den ähnlichen Erscheinungen in Berlin, Leipzig und Königsberg ebenbürtig an die Seite stellen. Es wäre lächerlich, die tridentinischen Concilbeschlüsse in Betreff des Talmuds noch immer aufrecht erhalten zu wollen, nachdem selbst gelehrte katholische Priester (siehe De Rosst, Historisches Wörterbuch Artikel Talmud) ausführliche Apologien über den Talmud und über seinen außerordentlichen Nutzen für die Wissenschaft geschrieben und gegen die meist von Unwissenden ausgehenden Beschuldigungen in Schutz genommen haben. David Oppenheim, Rabbiner. Frankfurt a. d. Oder, im September. „Zeitstimmen der Dreiuneinigkeit an die Zionswächter im Judenthume." — So lautet der Titel eines Gedichts von M. E. Stern, das unlängst bei Oskar Seiner in Leipzig in zweiter Auflage erschienen ist. Verfasser läßt Stimmen ertönen aus drei verschiedenen Lagern, und zwar zuerst aus dem der „Orthodoxen", alsdann aus dem der „Indifferenten", und zuletzt , aus dem der „Aufgeklärten". Alle drei Parteien sind mit geschicktem Pinsel gezeichnet, und wenn auch da und dort die Farben etwas zu dick aufgetragen, so thut dies doch der Trefflichkeit des Ganzen weiter keinen Abbruch. Wir sehen Bilder in den mar-