Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1861)
- Date
- 1861-11-12
- Page
- Seite 656 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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656 schärfere geworden, so rückt uns doch die Gefahr näher, daß die Reaktionären eine bedeutende Zahl Sitze erringen'und dadurch die liberale Majorität eine minder zahlreiche .-werden, woraus wiederum entspringen würde, daß diese Majorität minder entschieden auftreten könnte, um nicht noch Theile ihrer selbst zu den Gegnern hinüber zu drängen. Diese Schilderung hat nichts Uebertriebenes, und es erfließen daraus für die preußischen Bürger jüdischen Glaubens die Pflichten: 1) sich an den Wahlen aufs Eifrigste zu betheiligen und sich durch keine Rücksichten zur Enthaltung von der Wahl bestimmen zu lassen; 2) sich überall zu der liberalen Partei ohne Berücksichtigung kleinerer Meinungsschattirungen zu halten, und mit dahin zu wirken, daß die Liberalen in der Wuhlangelegenheit als eine Partei auftreten und agiren; 3) daß sie so viele Juden wie möglich, sobald sie des Charakters und der Tendenzen derselben sicher sind, zu Wahlmännern wählen, damit die Wahl des Abgeordneten im entschiedenen Sinne der Gewissensfreiheit geschehe und der Einfluß der Juden bei der Wahl nicht ganz bedeutungslos erscheine.*) Wir enchfehlen die Berücksichtigung dieser drei Punkte unfern Glaubensgenossen aufs Nachdrücklichste und glauben weiterer Erörterung überhoben zu sein. . Der Rabbiner und die Gemeinde. . Es ist nicht bloß die unerquickliche Wendung, welche die Rabbinerangelegenheit in Frankfurt am Main immer noch einhält, die uns veranlaßt, auf obige Frage abermals zurückzukommen. Vielmehr schwebt immer noch eine gewisse Dnnkelheit über der Stellung, welche Rabbiner und Gemeinde überhaupt zu einander einzunehmen haben, und bieses Dunkel veranlaßt nicht selten und an nicht wenigen Orten Mißverständnisse, welche zuletzt zu Streitigkei¬ *) Bei Wahlen wird von den Juden öfter eine zwiefache Schwäche gezeigt. Sie scheuen sich, Juden zu wählen, entweder um ihre Unparteilichkeit zu erweisen, oder aus Neid und Mißgunst gegen ihre Glaubensgenossen. So schreibt man uns aus Er in, daß jüngst ein Jude dort zum Schiedsmann gewählt ward, aber mit geringer Ausnahme nur durch seine christlichen Mitbürger, zwei Morenus stimmten wider den Juden! Wann wird solche Schwäche aus uns entschwinden? Wir haben so viel von Parteilichkeit gegen uns zu erfahren, wie schlimm, wenn wir selbst sie ebenfalls wider uns üben! ten und Spaltungen führen. Und doch beruht die ganze Wirksamkeit des Rabbinen auf der Eintracht in seiner Gemeind^ und auf der Achtung, mit der sie ihn umgiebt. Diese Frage ist eine sehr alte und reicht in sehr frühe Jahrhunderte zurück, wie es natürlich ist, wo nicht Staat und Gesetz, sondern freie Vereinigung und Vereinbarung vorwalten. Auch ist es hierbei ganz gleichgültig, welche religiöse Meinung in Rabbiner und Gemeinde vorherrscht, denn es ist gar nicht nothwendig, daß eine Verschiedenheit der religiösen Ansichten vorhanden ist, um dergleichen Differenzen zum Vorschein kommen zu lassen. Jedermann weiß, daß im Judenthume kein Unterschied zwischen Rabbiner und Laie stattfindet, wie er zwischen Priester und Laien vorhanden. Der Aharonide erhielt seine von der Gebürt, und konnte und kann seiner Pflichten und Rechte sich nicht entkleiden. Der Rabbiner aber kann jeden Augenblick wieder Laie werden und der Laie jeden Augenblick Rabbiner. Dennoch aber sind zwei Unterschiede da. Der Laie, um Rabbiner zu werden, muß die Befähigung dazu haben, wozu in unserer Zeit außer dem allgemeinen und theologischen Wissen die Lehrfähigkeit in Predigt und Unterricht gehört, und zweitens — denn von Titular-Rabbinen reden wir hier nicht — von einer Gemeinde zu diesem Amte berufen fein. Je weniger nun gegenwärtig der Jugendunterricht bet uns Juden, ungleich früheren Zeiten, einen derartigen theologischen Inhalt hat, daß viele Laien jederzeit Rabbiner werden könnten, sondern die Befähigung durch frühzeitigen Entschluß und langwieriges Studium erreicht sein will, und je weniger überhaupt theologisches Wissen innerhalb der Gemeinden verbreitet ist: desto mehr bildet sich allerdings ein Unterschied zwischen den Rabbinen und dem Laienstande, und desto leichter entstehen auch die Conflicte. Von Seiten der Gemeinden fürchtet man hierarchische Gelüste, und, sei der Kreis groß oder klein, dergleichen kommen allerdings vor; man will sich, wie der gemeine Mann sagt, „vom Rabbinen nicht beherrschen lassen". Von Seiten der Gemeinden aber, namentlich deren Vorstände, will man den Rabbinen als „bezahlten Diener" ansehen, ist auf die Autorität, die theils in seinem Amte liegt, theils er sich selbst persönlich erwirbt, eifersüchtig, und will ihn daher seine Thätigkeit innerhalb eng gezogener Schranken üben lassen. Ist es nun wirklich so schwer, die richtige Stellung der Rabbinen und Gemeinden zu einander zu bestimmen, so daß die gegenseitigen Forderungen von selbst hervorgehen? Wir glauben nicht. D i e G e m e i n d e st e l l t d e n