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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-11-05 · Heft 45 (5.11.1861) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 45 (5.11.1861)
Date
1861-11-05
Page
Seite 647 (sequence 7)
Language
German
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647 Anerkennung macht za wohl ein Misch-Ehepaar von vorn herein keinen Anspruch. Jetzt möchte ich mir erlauben einen mäßigen Raum dieses Blattes für ein kleines Phantasiestück in Anspruch zu nehmen: Ich hatte nämlich die Programme zu der preußischen Krönungsfeier gelesen, und mir vorgesetzt ein Paar recht aufgeregte Sätze für diese Zeitung darüber zu schreiben, daß bei allen diesen Ceremonien und Repräsentationen das Judenthum völlig ignorirt geblieben war; das Judenthum, das ich theils selbst, theils durch nahe Freunde bei ähnlichen Gelegenheiten in Paris, in London, in Kopenhagen, in Konstantinopel, in Washington, ja ich glaube sogar in Rom hatte in Reih und Glied mit auftreten sehen. Bei diesem Gedanken war ich so halb eingeschlummert. Plötzlich (lach" mich aus, lieber Daniel!), plötzlich war mir's, als ginge ich mitten in einem Ungeheuern Zuge von Reisenden aller möglichen Stände, Gestalten und Costüme zu Waggon, zu Pferde, zu Fuß, zu Wagen. Sie. alle trugen Fähnlein, worauf stand: nach Königsberg! zur Krönung! Und mitten in dem Gedränge eilte mit Riesenschritten voran eine hohe Jünglingsgestalt, anzusehen wie das Morgenroth, mit lachenden, orientalisch tiefherausblickenden Gesichtszügen; in der Linken einen starken goldenen Schäferstab und in der Rechten eine schmetternde Tuba. Er rief mit herzgewinnender Stimme: Laßt mich voran! ich muß zuerst hin! ich bin der hundertste Psalm! Ohne mich können sie gar nichts anfangen! Und bald nach ihm kam eine herrliche Männergestalt mit rosigen Wangen und kurzem schwarzlockige.. Barte. Ich hatte ihn für Apollo gehalten, W.nn e^ nicht statt der Lyra eine Harfe getragen und wenWmcht eine Krone sein wallendes Haar geschmückt hätte.' JVi muß eilen, rief er, ich bin erwartet: ich bin das Krönungsgebet des Königs David! Ich muß dort dem Feste den höchsten Ausdruck verleihen! Auf ihn folgte ein junger Mann in einfacher, fast ärmlicher Tracht, mit edlem, traurigem, einnehmendem Gesicht, wie man denn nicht selten unter unscrm Stamme steht. Er ging geführt von seiner Mutter, langsam doch würdevoll. Ich habe mein Lebenlang, sagte er, vergeblich gestrebt, mein Volk von dem Joche der Schrifterklärcr zu befreien; doch ist statt dessen dieses Joch noch über viele andere Völker ausgedehnt worden. Ich wollte die Eide abschaffen und werde dennoch bei allen Eiden zum Zeugen gerufen. Nun gehe ich auch als Zeuge zum Krönungseide. Nach dieser stillen, bleichen Erscheinung aber erscholl ein donnerähnliches Jubelchor von tausend und abertausend Stimmen theils von menschlichen Kehlen und theils von lauttönenden Posaunen, Saitenwerken und Flöten: ein Chor in den Wolken schwebend, wie meine künstliche Phantasie sich ihn nie hatte vorstellen können, ein hinreißender brandender Ocean von Tönen, erschreckend, schmeichelnd, donnernd, beruhigend, jedes Herz, jede Seele erfüllend. Fahnen flogen, worauf einige mit der Inschrift Trishagion! andere mit: Sanctus! andere mit: Dreimalheilig! Aber die brausenden Jubeltöne bildeten sich zu vernehmbaren Worten, und die Worte lauteten: Kadösch, Kadösch, Kadösch Adonai Zebaoth! Und ich blickte hinauf, und sah zahllose kleine reizende, klugblickende Kindergestalten, so recht, wie schöne kleine Judenkindcr aussehen und sie sangen Ho sann a, und Hallelujah und Amen in unendlichen Variationen und Wiederholungen. Und wiederum wards allmälig still, und sichtbar wurden im Zenith zwei Hände, wie Menschenhände, die bewegten sich über den ganzen Kreis und dabei ertönten die jüdischen Worte: Yebarßchecha Adonai wejischmerecha! Und wiederum in jüdischer Sprache ertönte das endlos wiederholte Amen, Amen, Amen. Und weiter ging der Zug. Da sah ich wieder einen hohen schönen, heitern, jüdischen Mann, mit hellen klugep Augen und zufriedenen ftohen Mienen. Er trug eine Schriftrolle in seiner Hand und bewegte sie zum Taktschlagen. Ich ging zu ihm heran und fragte ihn, wer er sei: Ich bin, sprach er lächelnd, dein Glaubensgenosse, Jesus, der Sohn Sirachs. So wie du mich hier siehst, stand ich auch in Jerusalem beim Einzuge des schönen Hohenpriesters Simon, des Sohnes Onias, und das Lied, das wir damals dichteten und sangen, soll auch jetzt in Königsberg gesungen werden. Du kennst es wohl. Und so sing er und der ganze ungeheure Chor mit ihm an zu singen den Choral.: Nun danket alle Gott! Und die zahllosen Stimmen der Sänger und der Instrumente brauseten dahin, und auch ich stimmte mit ein. — Doch wie das im Schlummer zu gehen pflegt, ich brachte nur einen harten dumpfen Schrei hervor und erwachte. —

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