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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-11-05 · Heft 45 (5.11.1861) · p. Seite 644

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 45 (5.11.1861)
Date
1861-11-05
Page
Seite 644 (sequence 4)
Language
German
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644 tenden Vertreter, lieber gar keinen, aber auch die ganze Judenheit nicht, die im Napoleonischen Staate, nicht vertreten zu sein, nicht zu bedauern braucht. Der Wind weht wieder günstig für Rom — aber , wie sehr, muß das italienische Königreich und das Papstthum darniederliegen, wenn ihre Eristenz von .dem Winde abhängt, der von Napoleon III. herweht. Pariser Driefe. VIII. Die Studirstube eines Blinden. Kommst Du, theurer und geduldiger Leser nach Paris und besuchst den Louvre, um die Bildergalerie zu sehen, die Boulevards, um die Riesenbauwerke zu bewundern, so wirft Du auch es nicht unterlassen, am Quai ein Gebäude mit runder Kuppel zu besichtigen,- es trägt die Ueberschrift: Institut de krsnee. Hier befinden sich die ausgezeichnetsten Gelehrten aller Fächer, und eine Abtheilung derselben wird die ^caclemie des Insen'piions et helles leitres genannt. Erkundige Dich nach dem Namen der 40 Mitglieder und Du wirst einen unserer Glaubensgenossen nennen hören. Du fragst mich, der ich in Paris lebe, und Du nicht hierher kommen kannst, Dir denselben mitzutheilen. O, nicht so schnell, ich sage Dir ihn nicht. Ich will erst eine Frage an Dich richten. Weißt Du, wer Gabirol ist? Natürlich, antwortest Du, einer unserer ersten und berühmtesten (der Verfasser der Likule Kadmonioth mache sich eine Note hierzu) Dichter des Mittelalters, Philosoph erster Classe mit einer gewissen Originalität, Grammatiker; man hat ihm in Paris ein Monument gegründet, nicht so hoch, wie die Vendomsäule, aber dauerhafter; es wird Melanges de Philosophie juive et arabe genannt. — Hast Du je von Maimonides reden hören? O, welche Beleidigung! fährst Du auf, ich sollte den Verfasser des Jad chasaka, den berühmten Arzt in Aegypten und den Friedenschließer zwischen Aristoteles und der Bibel nicht kennen? Um desto besser, da Du das Letztere kennst, so kann ich Dir freudig mittheilen, daß demselben ein Ehrengebäude hier errichtet wird von vier Stockwerken, wovon nun das zweite fertig geworden ist; das Gebäude ist unter dem Namen 6uide des JEgards bekannt. — Ah! diesen Baumeister möchte ich kennen, denkst Du ungeduldig; warte, ich werde Deine Ungeduld steigern, wenn ich Dir sage, daß der Baumeister ganz seines Augenlichtes beraubt ist! Nun folge mir, ich will Dich zu ihm führen. Eugen Sue hat zu früh seine Mystfcres geschrieben, sonst hätte er dies ungeheure Geheimniß, wie dieser Baumeister diesen Koloß errichtet, beschreiben müssen. Wie bin ich froh, daß er mir dies überlassen, und wenn auch meine Feder mir das Geniale und Süße in der Mittheilung versagt, so bedenke, daß Ersterem Erdichtungen zu Gebote standen, während ich es mit einer lebenden Wahrheit zu thun habe. — Also folge mir in eine Straße, nahe dem Boulevard Montmarte, eine Straße, sonst wenig belebt 'r* rrna «bi romn ab, — entgegengesetzt einem Brique-braque-Öiteratm, der sein schön gelocktes Haar lithographiren ließ mit dem Motto: tii*d DK -o — trittst Du in ein unansehnliches Haus und adressirst Dich an den Cerberus der Pariser Häuser, der hier conoierge genannt wird, und fragst: Ist Herr Munk zu sprechen? Ja, ist die Antwort, wohnt im zweiten Stock im Hofe. Du kommst zur Thür und wunderst Dich, nicht daselbst die moderne Tafel der sich groß dünkenden Gelehrten: zu sprechen von — bis — nicht zu sehen—, dieser große Mann ist immer, wenn er zu Hause ist, zu sprechen. Ich habe Aehnliches bei unserem großen Rapoport gefunden, und doch wiegt eine seiner Biographien die kalenderartigen Broschüren, wie Marselius, die Linzer Predigt, Bechor Schor, das doch ein Anderer abgeschrieben, und hierin nur ein Verdienst des Verlegers ist, auf. — Du ziehst die Glocke und ein einfaches Dienstmädchen öffnet; bist Du zufällig aus Wien, so hättest Du einen Livräe-Bedienten erwartet; nun, Du hast Dich getäuscht, das thun nur Literaten, die sich mit Kabala befassen und in TQ'i mbD^n sich bewegen. Du wirst in ein bureauartiges Zimmer geführt, findest unfern blinden Baumeister auf einem ledernen Lehnstuhl sitzen, entweder allein, die Pläne seines Baues in seinem Hirn skizzirend, oder einen jungen Mann, der ihm aus Manuscript langsam die zu verarbeitenden Sachen herstammelt; Gegenstände, die Jeder mit dem Augenlichte schwer verstünde, erräth er aus dem stammelnden Vorlesen; aber Du findest den zweiten Secretar des Consistoriums, der die dictirten Briefe des ersten Secretärs des Herrn Munk, der auch zugleich Mitglied des Central-Consistoriums ist, ausfertigt. In diesem Bureau findest Du Bücher und Manuscripte aller Sprachen und aller Art, die Herr Munk alle im Kopfe trägt, und dieselben durch Gefühl besser findet, als ein Anderer mit seinen Augen. Leute der Gelehrten-Classe kommen und gehen, um den großen Orientalisten über Gedrucktes und Ungcdrucktes zu consultiren; kurz, in diesem kleinen Raume findest Du den lebenden Katalog Tausender Manuscripte und Bücher

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