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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-29 · Heft 44 (29.10.1861) · p. Seite 629

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 44 (29.10.1861)
Date
1861-10-29
Page
Seite 629 (sequence 3)
Language
German
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62» tm nicht mehr sein, schon weil das Mißtrauen zn allgcmein ist. Eine ganz neue Schöpfung für das allgemeine Leben des Judenthums und das gesammte Publikum seiner Bekenner ist die Literatur. Wir brauchen nicht erst zu bemerken, daß das Schriftthum bei den Juden stets ein sehr gepflegtes war; aber es ist nicht zu verkennen, daß es bis auf die neuere Zeit sich wesentlich auf die Gelehrten beschränkte, und nur einen sehr unbedeutenden Bruchtheil an die gesammte Masse abgab. Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst war dies zu natürlich; nachher aber begrenzte sich gerade das literarische Streben unserer Väter auf die halachische Casuiftik, und für die Masse kann man kaum ein halbes Dutzend Volksbücher auszahlen. Welch eine immense Entwickelung hat dagegen die neuere jüdische Literatur genommen, theils wie sie sich über alle Gebiete der Theorie und Praris ausgedehnt, theils wie sie alle Formen angenommen und alle Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Es ist ihr daher neuerdings gelungen, in mächtigen Strömungen durch die gesammte Masse der Judenheit zu dringen und so eine neue und reiche Pulsader des jüdischen Lebens zu werden. Die Literatur ist der fortgesetzte Gottesdienst und die ausgedehntere Schule, sie ist die Kanzel und das Katheder auf öffentlichem Markte und in der Stille des Hauses. Wer ihr dient, dient auch der Religion, wer sie fördert und in sich aufnimmt, fördert und verstärkt den religiösen Geist in sich. Die Literatur beruht aber auf der Wissenschaft. Die Wissenschaft des Judenthums ist die wahrhafte Grundlage aller neueren Institutionen und alles neuen Lebens in ihm. Wir stehen aber hier an einem viel verkannten, 'mißdeuteten und mißbrauchten Momente, über welchen wir daher in einer der nächsten Nummern besonders und ausführlich handeln wollen. Desto eifriger lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf Das, was wir den allgemeinen Geist im Judenthume nennen. Wir brauchen nicht erst auseinanderzusetzen, daß wir die Stellung des Juden innerhalb der gesummten Menschheit, so wie innerhalb seines Vaterlandes, des Staates, dem er als Bürger angehört, des Volkes/ dessen Glied er geworden, wohl begriffen haben, und niemals verfehlen, den Antheil zu würdigen und ihm zur Pflicht zu machen, den er an der Allgemeinheit zu nehmen. Dies schließt aber nicht, im Entferntesten aus, daß er als Jude Gemeinsinn und bewußtes Streben besitze und entfalte. Ja, wie einmal die Lage der Dinge und die Richtung des Geistes in unserer Zeit sind, wo die mächtige Entfaltung des Lebens in jedem Einzelnen eine ausgeprägte Parteiung mit sich bringt und fordert, wird in diesem speci fisch jüdischen Gemeinsinn auch das weitergeheride Streben in Staat und Menschengeschlecht wurzeln. Nur wer einen starken jüdischen Geist in sich trägt, wir meinen den ächten und rechten, wird Energie genug besitzen, aus ihm heraus für Vaterland und Menschengeschlecht ein starkes Interesse zu haben und zu bethätigen. Dieser jüdische Gemeinsinn wird seine Höhe in dem Eifer für die Erkenntniß und Verkündigung des einigen Gottes, wird dann im Kampfe für die Freiheit und Ehre seiner Stammesgenoffenschaft seinen Boden haben, wird seine Befriedigung in den Erfolgen für die Culturstellung wie zugleich in der Erhaltung des höheren geistigen Wesens der Juden finden, und darum den regsten Antheil an allen Mitteln und Thätigkeiten nehmen, die zu diesen Zielen führen. Auf alles Dieses sei unser Streben gerichtet, wahrhafte und anhaltende Begeisterung beseele und beeifere uns für alle diese Zwecke, und wir hätten eine wahrhafte und segensreiche Action im Judenthume. Die Juden in Polen. Ueber die Lage der Dinge in Polen, soweit sie unsere Glaubensgenossen betreffen, erhalten wir folgende Correspondenz. Warschau, den 13. October 1861. Indem ich Ihnen anbei eine Nummer der „Warschauer Zeitung" übersende, welche die Uebersetzung des Artikels über Juden aus dem amtlichen Organe: Dziennik powszeclmy entsaft, erlaube ich mir, Ihnen zu bemerken, daß die Gesetzesvorlagen des Staatsrathes nicht veröffentlicht werden dürfen, eben sö wenig die Verhandlungen dieses Körpers, der nun schon seit dem I sten October tagt, so daß eben nur die Anzeige bekannt geworden ist, daß der Director der Cultus- und der Justiz- Commisston (Graf Wielopolski präfidirt beiden Commissionen) die Frage der „Civilrechte der Juden" zuerst dem Staatsrathe vorgelegt hat. So viel mit Bestimmtheit verlautet, und so wett aus dem halbamtlichen Artikel des vziennik pow8zeeImy zu ersehen, sind noch sehr viele Beschränkungen für die Juden auch in der neuen Gesetzesvorlage'beibehalten worden, und zwar, wie ich Ihnen aus sicherer Quelle mittheilen kann, sind diese Beschränkungen auf Inspiration des Petersburger Hofes beibehalten. Ueberhaupt sieht man dort sehr ungünstig auf die eine 44*

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