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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-29 · Heft 44 (29.10.1861) · p. Seite 628

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 44 (29.10.1861)
Date
1861-10-29
Page
Seite 628 (sequence 2)
Language
German
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ter kümmern, keine der Interessen wahrnehmen, welche die Gesammtheit, oder die Gemeinden speciell berühren, keines Unternehmung fördern, welche zur Belebung und zum Nutzen der Religion in größerem oder kleinerem Maßstabe beabsichtigt werden, und so lässig, die Hände im Schoße, des Weiteren abwarten. Aber abgesehen von den traurigen Folgen, welche ein solches Gebühren für die Sache der Religion selbst hat, mögen sich diese Herren überzeugt halten, daß sie zuletzt selbst dafür bestraft werden, nicht allein dadurch, daß die Gemeinden ihre Fahrlässigkeit erkennen und mißachten, sondern auch, weil die daraus ersiießende religiöse Gleichgültigkeit und Leblosigkeit unmittelbare Nachtheile für sie selbst mit sich bringt. Fragt man aber nun, worauf diese Aetion im Judenthume gerichtet sein soll, so antworten wir einfach: auf Gottesdienst, Schule, Wohlthätigkeitsanstalten, Literatur, Wissenschaft und den allgemeinen Geist. Man sieht, es gilt hier keine Phrasen, sondern die wirklichsten und faßbarsten Momente. Wie man auch neuerdings eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Vereinfachung und Veredlung des Gottesdienstes zur Schau trägt, so bleibt diese dennoch einer der wichtigsten Gegenstände, die wir zu erstreben haben, und je weniger Lärm gegenwärtig damit und darüber geschlagen wird, desto unumgänglicher ist diese Umgestaltung, desto rascher wächst sie uns als unabweisbares Bedürfniß für die gegenwärtige und die künftige Generation entgegen. Der beste Beweis hierfür liegt darin, daß über den Fortgang solcher Verbesserungen kaum noch öffentlich berichtet wird, weil es eine alltägliche Erscheinung geworden.^ Predigt und Gesang sind hier vor Allem zu pflegen; Predigt, sowohl weil durch sie das Bewußtsein der Religion in Bestand und Inhalt immerfort geweckt und genährt wird, als auch der Gottesdienst durch sie das rechte Leben gewinnt* *), Gesang, am liebsten Ge- *) Wir haben uns sehr gewundert, aus einem jüngst erhaltenen Berichte zu erfahren, daß in einer neulichen Lehrerversammlung die Frage: ob die Lehrer predigen sollen oder nicht? aufgeworfen und in verneinender Weise beantwortet wurde. Nach unserm Bedünken haben sich diese Herren ein arges l68timonium psup6rtal.i8 ausgestellt. In den vielen kleinen Gemeinden, die nur einen Lehrer besolden können, ist das Bedürfniß, wenigstens an den Festen eine Predigt zu hören, ganz eben so stark, wie in den größten, und da ist denn der Lehrer in der Lhat berufen. Hat er die Fähigkeit nicht, so erwerbe er sie sich, es ist gut, daß auch der Lehrer noch ein höheres Ziel vor sich habe, und an zahlreichen Hülfsmitteln fehlt meindegesang, theilweise durch Chorgesang ergänzt und oermannigfaltigt. *) Darüber kann kein Zweifel sein, daß auch für die israelitische Jugend die confessionelle Elementarschule die wirksamste ist; für den höheren Unterricht und wo die erstere herzustellen nicht möglich, oder nicht durchzusetzen ist, muß neben den öffentlichen Schulen eine angemessen organisirte Religionsschule — nicht „Stunden" — bestehen. Man hört öfter den Einwand, daß die Religionsschulen für die Erhaltung des religiösen Sinnes in der Jugend nicht diejenige Wirksamkeit erweisen, welche man sich davon versprochen. Dies ist richtig; allein die Ursache liegt nicht in der Schule, sondern in der ganzen Richtung und Gestaltung des Lebens, das gerade darum, je feindseliger es der Religion ist, die Religionsschule um so nothwendiger macht, um sie in dem Kampfe mit dem Leben doch immer nicht ganz verloren gehen zu lassen. Vielmehr lehrt die Erfahrung, daß die Religionslosigkeit des gegenwärtigen Geschlechts zumeist aus dem Mangel oder der schlechten Beschaffenheit des Religionsunterrichtes entsprungen ist. Dann ist es freilich eine schwere Aufgabe, bei den Kindern nachzuholen, was den Eltern fehlt — aber die Schwere der Aufgabe darf nie veranlassen, sie bei Seite zu werfen. Auf keinem Gebiete zeigt sich das neuere Leben schöpferischer und vielgestaltiger, als auf dem der Wohlthätkgkeitsanstalten. Jedermann weiß, wie reich das alte Judenthum daran war, aber die Bedürfnisse haben sich verändert, einige ältere sind erloschen, viele neue dafür aufgekommen, und besonders verlangt unsere Zeit eine präclse Organisation und eine scharfe Controle. Bloße Vertrauenssache kann die Verwaltung der Wohlthätigkeitsanes jetzt nicht, kommen Fehlgriffe vor, so kostet dies den Hals nicht, auch bei predigenden Rabbinen bleiben solche nicht immer aus. Unser besonderer Rath geht dahin: wollet nur nicht aus allzu hohem Pathos predigen, sondern schlicht und einfach, eine gesunde Eregese, oder ein Stück Geschichte zu Grunde gelegt. *) Wir nehmen die Gelegenheit wahr, hierbei abermals zu bemerken, daß das deutsche Lied sich so lange in den Gemeinden nicht wird einbürgern können, als man nicht daraus hält, daß der Text in den Händen der Zuhörer ist. Nichts ist wirkungsloser, als ein religiöser Gesang, wenn der Zuhörer nicht weiß, was gesungen wird. So aber ist die Unart ziemlich allgemein, irgend ein Lied aus einem israelitischen Gesangbuch auszuschreiben und es vom Chore singen zu lassen, und die Gemeinde hört nur — aufs Ende. Das Lied ist dann nur ein Schaustück, das man in Scene setzt, wenn man gerade prunken will.

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