Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1861)
- Date
- 1861-10-15
- Page
- Seite 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«VS Krakauer Judengemeinde ihren beredten Ausdruck gefunden haben. Ar. E. Ierstrrute Bemerkungen. > Wir haben öfter bemerkt, daß Juden und Judenthum in den großen Geschicken der Völker bisweilen den Wendepunkt abgeben, mit welchem eine gewaltthätige und ungerechte Macht ihrem Untergange zueilt. In der neueren Zeit bethätigte sich dies so recht in der Mortara-Geschichte, mit welcher der Ultramontanismus, dessen Fluth in Europa wieder so hoch angeschwollen, daß er bis zu der übermüthigen Meinung gelangt war, sich Alles erlauben zu dürfen, seinen höchsten Gipfel erreicht hatte. In der Geschichte dieses armen, kleinen Judenknaben aber offenbarte sich der Welt der ganze Charakter, die ganze Rück- - sichtslosigkeit und Gefühllosigkeit des Ultramontanismus, daß die Menschheit entrüstet zurückschauderte und das ihr auferlegte Joch abzuschleudern beschloß. Daß diese Ansicht nicht allein uns angehört, sahen wir diese Tage aus sehr interessanten „Turiner Briefen über die geheime Geschichte der jüngsten Zeit (nach ungedruckten Urkunden)" in der „K. Z." In dem II. derselben heißt es: „Im Laufe des Jahres 1858 beschäftigte der Kaiser sich bereits mit der Idee eines italienischen Bundes, und ließ dem Papste dieserhalb Eröffnungen machen. Pius IX. erwiderte, daß sich bei einem solchen die Präsidentschaft des Papstes wohl von selbst verstände, und als man ihm im Gegentheil die Piemonts in Aussicht stellte, erwiderte er, daß weder er, noch der König von Neapel je in diesen Plan willigen würden. Das Zugeständniß der Präsidentschaft würde man, wie dies später auch wirklich ge-, schehen ist, dem Papste allenfalls gleich gemacht haben; aber abgesehen davon, daß Pius IX. alle von Frankreich vorgeschlagenen Reformen überhaupt mit dem tiefsten Mißtrauen betrachtete, steigerte der folgende Vorfall dasselbe im höchsten Grade. „Der Verfasser der „0>i68tion8 romaines“ hätte seine Antwort auf die Rayneval'sche Note beinahe sparen können, wenn er den im Juli 1858 verübten Raub des jungen Mortaraabgewartet hätte, der gerade in Bologna selbst stattfand. „Das Concordat mit Oesterreich hatte, die öffentliche Meinung nicht so mächtig bewegt, als dieser Raub eines kleinen Juden, über dessen Schicksal eine Magd entschied, deren Brotherr der Beraubt gewesen war. Herr v. Rayneval war mit Tode abgegangen und in Rom durch den Herzog von Grammont ersetzt worden. Der neue Botschafter erhielt nun den Auftrag, dem Papste Vorstellungen wegen des Kindes Mortara zu machen. Als Pius IX. hierauf eine abschlägige Antwort gab, eröffnete ihm der Botschafter, daß er angewiesen sei, Sr. Heiligkeit zu erklären, daß diese Antwort seine Regierung in große Verlegenheit setzen würde, da die öffentliche Meinung in Frankreich über diesen Vorfall sehr aufgebracht sei." Es gicbt jetzt Juden, deren ganzes Judenthum nur noch — in jüdischen Witzen besteht, solche zu lesen, sich mit ihnen zu beschäftigen, von Zeit zu Zeit selbst einen dergleichen zu machen, dasist das jüdische Leben, welches in ihnen noch vorhanden ist. Und dennoch, so urkräftig ist Alles, was diesem Judenthume angehört, daß selbst in diesem letzwn Elemente des. jüdischen Lebens ein Vollgefühl specifischen Daseins liegt. - Die Feudalen bemühen sich jetzt, liberal und jüdisch als identisch dem Volke darzustellen. Jeder Liberale ist ein „Jude oder Judengenosse", der liberale 'Staat ein „Judenstaat". Die Absicht ist klar. M§n will die Mißachtung, die bei einem Theile des Volkes gegen die Juden noch herrscht, aus'den Liberalismus wälzen. Aber das Mittel ist gefährlich. Denn wenn bei einem kleinen Theile „liberal" in Verdacht kommt, weil es jüdisch sein soll, so wird bei einem viel-größeren das Wort „Jude" hochgestellt und geehrt, weil es mit „liberal" identisch sein soll. ■ P ari ser Drirfe. VII. Sie werden von mir die Fortsetzung meiner begonnenen Uebersetzung aus der llevue d’Orient erwarten. Ich bin nicht geneigt, dieselbe zu vollenden, da es zu stereotyp wird, und nebstdem der Univ6?8 isra41ite, wahrscheinlich aufmerksam gemacht durch Ihr geschätztes Blatt, den ganzen Artikel wortgetreu abgedruckt hat. — Nun fragt es sich, woher denn Stoff für einen Pariser Brief nehmen? Nichts Neues, Bemerkenswerthes ist hier den Sommer hindurch vörgefallen; Alles suchte die Hauptstadt zu verlassen, um in der freien Natur neue Kräfte für den Winter zu sammeln. Mit den Personen wandern auch die Gedanken aus, und beschäftigen sich mit natürlichen Erscheinungen; wie kann man also in solchem Zu-