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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-15 · Heft 42 (15.10.1861) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 42 (15.10.1861)
Date
1861-10-15
Page
Seite 600 (sequence 2)
Language
German
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ihren letzten Athemzügen lag, wurde von Bauern- und Judenemancipation zu sprechen angefangen, gerade wie es' die Ungarn 1848 ebenfalls gemacht. Daher die Folge, daß sowohl die Äaüern, als hie Juden innner Zwischen, der.russischen Regierung und dem polnischen Ad'el hin- und herschwankten, bald von jener, bald von diesem ihr «Heil erhofften, bis vor Kurzem aber, von Beiden getäuscht, für sich allein standen. Die Unterdrückung und Vergewaltigung', welche die polnischen Juden im letzten halben Jahrhundert erfahren, sind beispiellos. Mit der Thronbesteigung des großherzigen Alexander II. erwachte die fast ganz erloschene Hoffnung von Neuem. Damals war es der Redacteur dieser Blätter, der zuerst austrat, nach Brüssel eilte, mit großen Opfern in die Inävpendance beige ein Memoire über die Lage der polnischen Juden brachte, das von da seinen Weg durch die ganze europäische Presse nahm. Hiermit war aller Welt' die Ueberzeugung gegeben, daß die Sache nicht mehr so haltbar sei, und die einmal angcfangene Bewegung hinsichtlich der polnischen Juden pflanzte sich immer weiter und weiter fort. Wer aber der Reform der jüdisch-polnischen Verhältnisse am feindseligsten gesinnt war und am entschiedensten entgegentrat, wer die Juden immer von Neuem bei der Regierung anschwärzte, die Statistik verdrehte, die gehässigsten Berichte, gab, das waren die polnischen Beamten. Aus diesem Grunde nun auch die eigenthümliche Erscheinung, die uns erst in voriger Nummer dieses Blattes so schroff entgegentrat, daß, während im engeren Po-. len Juden und Polen eine Sache Milchen und sich in nie dagewesener Weise entgegenkommend in Litthauen zwischen Polen und Juden ein erbitterter Haß herrscht, der auch im Großherzogthum Posen von den Polen gegen die Juden gehegt wird. Daß die Polen überall die Juden aufs Leichteste gewinnen konnten, und sie durch Gerechtigkeit und Freundlichkeit für sich begeistern würden, ist klar. Doch hoffen wir vielmehr, daß aus all diesen finstern Wirrsalen ein festes civilisatorisches Resultat sich ergebe! Mögen die Vorschläge der russischen Regierung umfassend und vollständig sein, der polnische Staatsrath sie mit Aufklärung und Besonnenheit entgegennehmen und behandeln, mit dem Ganzen ein rasches Vorgehen verbunden sein und die Energie nicht fehlen, die Ausführung in entschiedener Weise zu bewerkstelligen! Die Iudenfrage im Wiener Parlamente. Nachdem das Elobörat über das österreichische Religions-Ediet aus den Berathungen des Ausschusses hervorgegangen und auch die Gleichberechtigung der Huden, wenn auch nur durch die Stimme des Vorsitzenden, vr. Smolka, gesiegt har, tritt diese Frage nunmehr in die öffentliche Arena des Abgeordneten- und des Herrenhauses. Jedermann sieht ein, daß für die Sache der Gewissens- und Cultusfreiheit und des Judenthums insbesondere der Schwerpunkt des Interesses gegenwärtig in diesen Berathungen des Wiener Parlaments beruht. Allerdings läßt das Schicksal dieser Frage im Ausschüsse einen schweren Kampf im Reichsrathe selbst voraussetzen. Sollte aber auch der Erfolg minder günstig und unvollständig sein, so wissen wir, daß zuletzt dies doch nichts thut, daß die Lösung dann nur aufgeschoben, aber so oft und so lange an die gesetzgeberischen Faktoren treten wird, bis das Ziel unbedingt erreicht ist. Um so mehr werden es unsere Leser billigen, wenn wir der Entwickelung Schritt vor Schritt folgen, und daher auch heute folgenden Brief mittheilen. Krakau, Z0. September. Im confessionellen Ausschüsse. des Reichsrathes zu Wien kam vorige Woche die alte leidige Frage wieder aufs Tapet: Soll der Jude in Oesterreich, insbesondere in Galizien, endlich befreit und als „Mensch" unter Menschen behandelt, oder noch ferner einem Sclaven gleich bedrückt werden??!.. Auch in diesem Ausschüsse machten sich die Geister des Vorurtheils und des Hasses vernehmbar. Unter diesen ehrenwerthen Mitgliedern des Reichsrathes — die zum Ausbau der constitutionellen, fr e i h e i t l i ch e n Verfassung Oesterreichs ins Wiener Parlament kamen — erklärte insbesondere Einer, ein hochwürdiger Herr, daß die Juden noch ferner in den Flammen des Religionshaffes gebraten und im Drucke leben müssen, weil (hört!) sie ein vor dreizehnhundert Jahren verfaßtes literarhistorisches Werk — Talmud genannt — besitzen, das — wahrscheinlich weil es in chaldäischer Sprache verfaßt ist — gleich dem geheimnißvollen Buche mit den sieben Siegeln, dem hochwürdigen Herrn Reichsraths-Abgeyrdnetcn Grauen erregte, das aber der gelehrte Herr dennoch zu kennen glaubt, aus welchem jedoch er, seiner Behauptung nach, statt aller Weisheit ein bedeutendes Quantum „Jmmoralität" schöpfte, die er nun — dem Judenthume in die Schuhe schiebt.... Wie gewöhnlich das Princip des Bösen auf uns sünd-

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