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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-01 · Heft 40 (1.10.1861) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 40 (1.10.1861)
Date
1861-10-01
Page
Seite 576 (sequence 6)
Language
German
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576 Daß solche Plane, selbst mit einem Schein der Realisirbarkeit, den Feudalen nicht fern liegen, haben die zehn Jahre der Reaetion bewiesen. Daß sie aber zuletzt dennoch nur Don-Quiroterien sind, und an der Gesammtheit des Volkes und seines Geistes wie Glas zerspringen, ist nicht minder sicher. Doch da das preußische Volk immer noch im Schwanken begriffen, und die eigentlichen Principien des modernen Staates in ihm noch lange nicht fest und fir geworden, so bedarf es der größten Wachsamkeit, um nicht abermals Abirrungen anheim zu fallen! Nnsrr Verhältniß §ur protestantischen Kirche. II.*) Bei genauerer Beobachtung zeigt es sich uns, daß in der protestantischen Kirche drei Hauptschattirungen hervortreten. Die beiden ersten gehören vorzugsweise Norddeutschland, dieser eigentlichen Heimath des Protestantismus, an, während die dritte mehr in den Ländern zu finden, in welchen jener die Minorität bildet. Die erste ist die pietistische, mit ihren bestimmt formulirten, mystischen und dennoch in streng firirten Formeln — festgehaltenen Dogmen, die zweite die rationalistische, und die dritte eine gewisse Mischart, welche die Gläubigkeit mit einem gewissen Grade von Vernunft und Geschichte in einem Halbdunkel zu verschmelzen strebt und hiermit dem strengen Formwesen der katholischen Kirche und der Zersetzungskraft der Philosophie entgegentreten zu können vermeint. Die erste und zweite Richtung find entschiedene Feinde des Judenthums und seiner Bekenner, der Pietismus, weil er im Judenthume die energischeste Verneinung seiner Dogmen erkennt, der Rationalismus, weil er im Judenthume den Ursprung des Supranaturalismus zu finden glaubt. Dem Pietisten, erscheint jeder Jude nicht blos als ein Zeuge wider seine Glaubenssatzungen, die doch seine, des Pietisten, ganze Religion ausmachen, sondern auch als eine besondere Verhöhnung und Mißachtung derselben; dem Rationalisten erscheint jeder Jude als ein lebendiger Zeuge, für den supranaturalistischen Ursprung der Religion. Hierzu kommen noch folgende Nebenmomente. Bekanntlich ist nichts leichter und bequemer, als ein protestantischer Pietist zu sein. Welch eine Menge von Entbehrungen, Kasteiungen und frommen Uebungen gehört dazu, auf den Namen eines frommen Ju¬ *) S. No. I. in No. 37. den Anspruch machen zu können, welche sorgfältige Beobachtungen der Speise-, Sabbath-, Fest- und Fast-, der Reinigkeits-und anderer Gesetze, der Gebetvorschriften u. s. w. u. s. w.! Auch der fromme Katholik, der täglich seines Messe zu hören, viele Gebete zu sprechen, die Fasten zu halten, Wallfahrten zu machen hat u. s. w., nicht minder der fromme Mohamedaner mit seinen Gebeten, Waschungen, Almosen, der Enthaltung von Wein nnd Schweincfieisch u. s. w., hat, um der ihm vorgeschriebenen Werk- Heiligkeit zu genügen, eine schwere Bürde zu tragen. Was aber hat der protestantische Pietist zu thun? Wenn er jeden Sonntag eine Stunde in der Kirche war, jeden Tag etwas in der Bibel liest und ein Paar alte Gesangverse singt, süßliche Phrasen im Munde führt und die Augen verdreht, so ist er fertig und kann sich seines Lebens freuen in dem stolzen Bewußtsein, nunmehr den ganzen Himmel allein und ausschließlich zu besitzen. Dies fühlt der protestantische Pietist, und kann sich der Empfindung nicht erwehren, daß der fromme Jude doch viel größere religiöse Verdienste besitzt, und daß selbst der lareste Jude viel mehr um seiner Religion willen trägt und thut, als er, der Pietist, wenn er noch so fromm ist. — Ein anderes heimliches Gefühl des Neides hat auch der protestantische Rationalist auf den Juden. Der Jude hat in positivster Weise den Glaubensschatz als Inhalt seiner Religion, welchen der Nationalist durch die Zersetzung der kirchlichen Dogmen anstrebt und willkürlich dem Chriftenthume insinuirt. Er sieht den Juden in völliger Uebereinstimmung mit seiner Religion den Gott verehren, welchen er, , der Rationalist, erst künstlich aus seiner Kirchenlehre dcducirt und mit dieser immerfort in Zwiespalt sieht. , Dies ist es, was ihn mit geheimem Unwillen auf das Judenthum und seine Dekenner erfüllt; woher die bekannte , Erscheinung, daß gerade die protestantischen Rationalisten das Judenthum am hartnäckigsten verleumden und ihm jene schroffen Lehren vindiciren, welche sie dem Judenthume als charakteristisch vorwerfen. Jene dritte Richtung, die wir oben charakterisirt haben, hingegen ist es, welche sich auch dem Judenthume freundlich. nähert, und es auf jede Weise zu gewinnen sucht. Sie findet ihren Ausdruck in der Alliance universelle evangelique, Die mit dem Streben, alle Secten der. protestantischen . Kirche zu vereinigen, bereits in. Paris, London, Berlin, und in diesem Jahre in Genf ihre Versammlungen gehalten. Jnsonders sind , es die englischen und französischen Elemente dieses Vereins, welche dem Judenthume mit dem Gruße der Brüderlichkeit ent-.

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