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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-10-01 · Heft 40 (1.10.1861) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 40 (1.10.1861)
Date
1861-10-01
Page
Seite 575 (sequence 5)
Language
German
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575 herbster Feindseligkeit gegen die Juden, und von unfern Gegnern aufs Aeußerste ausgebeutet werden würde. Dies erleben wir nun auch. Die feudale Partei vereinigt sich also mit dem Handwerkerstande, um nicht blos allen liberalen Ideen, sondern dem ganzen modernen Staate, allen seinen Einrichtungen und Bedürfnissen den Krieg zu erklären. Die feudalen Herren stoßen sich nicht daran, daß sie jene Vereinigung nicht zu Stande bringen können, ohne selbst demokratisch, oder besser, demagogisch im vollständigen Sinne zu werden; sie stoßen sich nicht daran, daß es eine völlig revolutionäre Erscheinung von 1789 ist, den Grafen von Stollberg, den Herrn von Kleist-Retzow, den Freiherrn von Senfft-Pilsach mit dem Schuhmacher Pansa, dem Schneider so und so, dem Tischler N. N. Hand in Hand gehen und auf der Rednerbühne abwechseln zu sehen, und daß sicherlich die gnädigen Frauen bei der Rückkehr der edlen Herren aus der Versammlung vom 20. September oft genug ausgerufen haben werden: „Fi donc, quel odeur opportez vous I" — Die Feudalen pfeifen aus dem letzten Loche — das giebt aber immer noch einen schweren, gefährlichen Kampf. Die obligate Begleitung jener Vermählung der Junker mit den Handwerkern ist nun der Judenhaß. Die Gewerbefreiheit ist ihnen eine „jüdische" Erfindung. Die Bekämpfer der Verordnung vom 9. Februar 1849 sind Juden, das Capital ist jüdisch, seine Herrschaft erstreben die Juden, alle Liberalen sind Juden, deren Organe sind eine jüdische Presse, und wie die Declamationen weiter heißen.. So fand denn dieser Judenhaß in den Proclamationen des conservativen Wahlvercins^ und in den Reden seiner Versammlung am 20. September den vollsten und breitesten Ausdruck. Es ist bestmnt, daß, je weniger ein Redner zu sagen weiß, desto mehr ergießt er sich in banale Stich- und Schlagwörter, welche das ungebildete Auditorium entzünden. Da nun alle Redner jener Versammlung nichts oder wenig zu sagen wußten, so kamen die kolossalsten Beschimpfungen der Juden am öftersten über die Lippen derselben. Das Herz der Herren Wagener, Gerlach, Kleist-Retzow mußte vor Freude schwellen, wie diese Phrasen so glatt über die Lippen bald eines Tapeziers, bald eines Sattlers gingen. Allerdings erschienen in den Berliner Zeitungen auch Gegenerklärungen Seitens einer Anzahl Handwerker; sie behaupteten, daß jene Handwerker durchaus kein Recht hätten, sich als Vertreter des Handwerkerstandes zu geriren und daß sie nur bezahlte Jnnungsvorsteher wären, welche dem kleinen Handwerker Steuern abschwatzten, während die Spekulation jüdischer Magaziniers, die eine Menge Handwerkerwaaren nach auswärts schaffe, den Handwerkern Nahrung bringe. Es ist aber nicht zu verkennen, daß die Operation der Feudalen dennoch für sie eine sehr günstige ist und ihnen bei den Wahlen viel größere Chancen eröffnet, als sie bei den vorigen hatten. Denn unserer Erfahrung gemäß gehört der größere Theil der Handwerker den Ideen jener Gewerbeordnung an, und istder unbedingten Gewerbefreiheit sehr feindlich gesinnt, ja, je mehr man in die Provinzialstädte zurückgeht, desto mehr werden die Handwerker auf diese Weise mit den Feudalen gehen. Wir dürfen daher diese Bewegung durchaus nicht unterschätzen; es wird ein harter Kampf werden, und Jedweder ist verpflichtet, an demselben den unumwundensten Antheil zu nehmen. Die 50,000 preußischen Bürger jüdischen Glaubens mögen wohl bedenken, um was es sich handelt; die Folgen einer Niederlage würden einem Jeden von ihnen unmittelbar fühlbar werden; und da vorausfichtlich einige Vertreter dieser Handwerkerbewegung in das Abgeordnetenhaus kommen werden, müssen Männer darin sein, welche wenigstens ihren judengehässigen Phrasen zu begegnen verstehen. Niemand ist schwerer zu belehren und von einer vorgefaßten Meinung zurückzubringen, als der deutsche Handwerker. Es wird daher vorläufig bei der Mehrzahl kaum etwas helfen, wenn man ihnen deutlich macht, daß die Obherrschaft der Junker zugleich die Beseitigung jeglicher Freiheit ist, daß sie selbst die geringen und meist scheinbaren Vortheile, welche ihnen die Verordnung vom 9ten Februar 1849 gewährt, mit allen Rechten des Bürgers, mit jeder Selbstständigkeit des städtischen Gemeindewesens, mit jeder Freiheit des Verkehrs, mit Bildung und Leben bezahlen müßten. Sie werden hierauf nicht hören, und es ist daher nur gut, daß, wenn die Handwerker auch einen ziemlichen Theil der städtischen Bevölkerung ausmachen, er doch keine Majorität zu bilden vermag. Der Plan der Feudalen ist durchsichtig. Sie haben in der ländlichen Bevölkerung keinen Boden mehr. Der Bauer weiß, daß er in dem Junker seinen Gegner hat, und es stimmen für-ihn nur Diejenigen, auf welche er noch unmittelbar seine Hand legen kann. Einst befreite der Städter die ländliche Bevölkerung vom Joch des Junkers. Jetzt will der Junker den Städter benutzen, um den Bauer wieder unter seine Gewalt zu bekommen, hoffend, durch diese dann auch den Städter zu bezwingen.

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