Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1861)
- Date
- 1861-10-01
- Page
- Seite 574 (sequence 4)
- Language
- German
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m Schlachtplan entwerfen sieht, der muß eingestehen, daß die Feudalen aus dem letzten Loche pfeifen. Mit einem Worte, die feudale Partei sah sich bei den letzten Wahlen gänzlich isolirt und daher auf reichliche .Niederlagen und armselige Wahlen angewiesen. Da sie nun zugleich fühlt, daß es in nächster Zukunft sich um den letzten Rest ihrer Herrschaft handelt, daß ihr Vorrecht in den Kreisständen gebrochen und ihre Obmacht im Herrenhause zertrümmert werden soll, so sieht sie sich nach Bundesgenoffen um. Wo soll sie diese finden? Nur in einer Schicht des Volkes, die ehemals auf ähnlichen gewerblichen Vorrechten, wie die Feudalen auf staatsrechtlichen, eristirte, diese Privilegien und Monopole schwinden sah, 1849 einen kleinen Rest wieder eroberte, diesen nicht verlieren will,-und dabei in der Erinnerung an die alten Zustände schwelgt, mit einem Worte: in einem gewissen. Theile des : Handwerkerstandes.; , Unter den Mitteln, mit welchen 1808 Preußen aus seiner tiefen Erniedrigung sich zu erheben gedachte, gehörte auch die unbedingte Gewerbefreiheit. Alle gewerblichen Vorrechte, Privilegien, Monopole, Realrechte, Zünfte und deren Rechte wurden mit Einem Schlage aufgehoben und für null und nichtig erklärt; zwar wurden für die Realrechte Entschädigungen verheißen, aber niemals geleistet. Später wurden die wieder und neu eroberten Provinzen demselben Gesetze unterworfen. Daß der preußische Staat hieraus unsäglichen Gewinn zog, daß Hunderttausende fleißiger und tüchtiger Handwerker, welchen die Zünfte im eigenen Vaterlande die Niederlassung versagten, nach Preußen übersiedelten, der freie gewerbliche Verkehr die größte Mannigfaltigkeit und Belebung desselben bewirkte, daß diesem Umstande Preußen einen großen^ Theil seines Uebergewichts in Deutschlands verdankte, so daß der Zollverein fast ganz Deutschland an Preußen knüpfte, während Oesterreich abgeschlossen blieb, daß späterhin namentlich die große Industrie dadurch emporkam, daß sie von. den Zunftbeschränkungen nicht betroffen war, sieht Jedweder leicht ein. . Allerdings hatte die unbedingte Gewerbefreiheit, insonders mit: der Zeit, auch ihre Nachtheile,, wie jede Erscheinung in der.Menschenwelt. Es kam in dem Allen zugänglichen. Preußen eine gewisse Ueberfluthung des Handwerks zum Vorschein, ein großes Anwachsen der Meisterzahl gegen die Zahl der Gesellen und Lehrlinge, wodurch die Anzahl, der kleinen und armen Meister Legion ward; durch die völlige Freigebung des. Handwerks ward die Pfuscherei und die. leichtfertige Niederlassung sehr gefördert, und als nun endlich das Fabrikwesen sehr viele. Handwerke auflöste und das sogenannte Magazinwesen in gewissen Handwerken die Handwerker abhängig von den Magazin-Inhabern machte, und zu gleicher Zeit die tollen Theorien des Communismus und Socialismus aufkamen, so gerieth in den Vierziger Jahren der Handwerkerstand in eine Gährung, deren Auslassungen aus den Jahren 1848 und 49 wohl noch im Gedächtnisse sind. Das preußische November-Ministerium fühlte bald, daß gerade der Handwerkerstand am ehesten für die Reaction zu gewinnen sein würde, und erließ am 9. Februar 1849 eine neue Gewerbeordnung, die außer den todtgeborenen Gewerberäthen insbesondere Prüfungen für Gesellen und Lehrlinge als Bedingung des Gewerbebetriebes einführte, und sogar einen-Weg zur Beschränkung des Magazinwesens eröffnete, der sich aber in Wirklichkeit mit geringer Ausnahme als illusorisch erwies. So geringfügig diese Zugeständnisse für die Handwerker waren— denn an eine Wiederherstellung der Zünfte und ihrer Vorrechte streifte diese Verordnung vom 9. Februar 1849 nicht im Geringsten — so klammerten sich doch die Handwerker in ihrer Mehrzahl an diese Verordnung, die dann hinwiederum den Anhängern der unbedingten Gewerbefreiheit ein Dorn im Auge war. Wer die Verhältnisse vorurtheilslos betrachtete, mußte sich sagen, daß diese Verordnung, so weit sie überhaupt lebensfähig war, manches Gute und durchaus nicht so viel Schädliches enthielt, daß ihre Beseitigung ein durchaus dringendes Bedürsniß sei. Es war daher ein politischer Fehler der liberalen Partei, gleich nachdem sie wieder etwas Luft bekommen hatte, sofort an die Bekämpfung jener Verordnung zu gehen, während noch so viel Größeres zu thun und der Boden unter ihren Füßen noch so schwankend war. Der preußische Handwerkerstand neigt sich im großen Ganzen durchaus zu liberalen Gesinnungen, und ist den Feudalen, die sich gegen ihn ja immer mit unleidlichem Uebermuth benommen haben, nichts weniger als hold. Aber indem man ihm die Gewerbeordnung von 1849 wieder entreißen wollte, verletzte man ihn aufs Tiefste und schnitt ihm die letzten Fäden ab, an denen er sich hielt. Um so tiefer bedauerten es wir, und die Leser dieser Blätter werden sich unseres Ausdrucks hierüber erinnern, als esgerade die beiden jüdischen - Abgeordneten im letzten Landtage, Commerzienrath Reichenheim und vr. Veit, es waren, welche die Beseitigung jener Gewerbeordnung beantragten und die thätigste Rolle dabei spielten. Wir sahen im Voraus, daß dies eine neue Quelle