Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1861)
- Date
- 1861-10-01
- Page
- Seite 573 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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578 die Israeliten in bürgerlicher und gewerblicher Beziehung den Christen vollständig gleichgestellt werden und das Verbot der Ehen zwischen Christen und Juden aufgehoben wird." Sch uster wurde bezüglich der Juden durch den Gesetzesentwurf nicht befriedigt. Schott: Die Selbstständigkeit, die Charakterfestigkeit, die wir an den Juden vermissen, werde sich mit voller Emancipation bald entwickeln. Er hält die Macht der Freiheit für so durchgreifend, daß sie selbst das sprichwörtliche Zusammenhalten der Israeliten überwinden werde; wenn man dem Juden Anhaltspunkte für seinen Ehrgeiz biete, werde er nicht länger einen Klumpen im Staate bilden. Der Chef des Cult-Departements v. Golth er bemerkt, daß sowohl in seinem, als im Finanz-Departement schon Israeliten angestellt worden seien. Der Gesetzentwurf sei nicht das Product religiöser Indifferenz und wolle den christlichen Staat nicht aufheben, es handle sich darum, das große Princip der Gewissensfreiheit zur vollen Wahrheit zu machen, und lediglich von diesem Gesichtspunkte aus soll man den Gesetzesentwurf betrachten. Er wolle aber auch das Princip der Gerechtigkeit, das volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger verlange. Ein Act der Gerechtigkeit aber könne nie gegen das Christenthum sein, sondern dieses verlange ja die Gerechtigkeit. Seine Rede — es ist seine Jungfernrede — wird von der Kammer mit Zeichen der Befriedigung ausgenommen. H o p f stellt und begründet den Antrag: „Jeder ohne Unterschied der Religion genießt im Köuigreich die gleichen staatsbürgerlichen und bürgerlichen Rechte." Minister v. Linden: Er bemerke, daß er gegenwärtig schon mit Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfes beschäftigt sei, der die Israeliten, wo es nur immer möglich sei, auch in bürgerlicher Beziehung den Christen vollkommen gleichstellc. Ob dies in allen Fällen möglich sei, darüber könne er sich noch nicht aussprechen, denn hier kämen manche ziemlich verwickelte Beziehungen in Betracht. Es sprachen noch Prälat v. Dettinger und Dom- Capitular m Ritz, der es für ein geistiges Armuthszeugniß von Seiten der Christen hält, wenn sie sagen, daß sie es mit den Juden nicht aufnehmen könnten, und von dem Grundsätze ausgeht,- daß den Juden, weil der Staat die gleichen Pflichten von ihnen verlangt, auch die gleichen Rechte gebühren, wie den andern Unterthanen. Da es sich um eine Aenderung der Verfassung handelt, so wird zuerst durch Namensaufruf festgestellt, wie viele Mitglieder anwesend seien, wobei die Zahl von 8l sich herausstellt, so daß 62 Stimmen erforderlich sind, um den Gesetzcsentwurf durchzubringen. Bei der nun erfolgten Abstimmung wird zuerst der Bericht über den Gesetzesentwurf erledigt, und nach Ablehnung des Antrags des Abgeordneten Hops derjenige der Commission mit 80 gegen 1 Stimme (der des Frhrn. Carl v. Berlichingen) angenommen. Bezüglich des Berichts über die Petition der Juden werden die Anträge von Schott und Fetzer abgelehnt, dagegen der Commissionsantrag gleichfalls mit großer Mehrheit angenommen." Die Sachlage ist demnach, daß die staatsbürgerlichen Rechte den Juden Württembergs schon jetzt vollständig zuertheilt wurden, während die Beschränkungen, die in bürgerlicher und gewerblicher Beziehung noch stattfinden, durch ein Gesetz aufgehoben werden sollen. In dieser letzteren Beziehung sind wir nun nicht ganz ohne Befürchtungen, da der Minister v. Linden betreffs dieses Gesetzes von verwickelten Verhältnissen sprach, die dabei zu berücksichtigen wären. Eine pure Aufhebung der Beschränkungen scheint also nicht im Sinne dieses Herrn Ministers zu liegen. Jndeß haben wir in Preußen gesehen, daß auch der letzte Rest gewerblicher Beschränkungen sich nicht halten könne, sondern eine nach der andern niederfällt. Wir können nicht umhin, unfern Glaubensgenossen zu den Vorgängen dieses Jahres in der bayerischen und württembergischen Kammer der Abgeordneten ausdrücklich Glück zu wünschen. Der conseroative Volksverein und dir Handwerker in Deriin. Der sogenannte konservative Wahlverein hat seine zum 20. September ausgeschriebene Versammlung mit ungefähr 1200 Theilnehmern wirklich abgehalten und sich als „konservativer Volksverein" bis jetzt mit circa 4000 Anhängern conftituirt. Wie wir schon in voriger Nummer ausgesprochen, dürfen wir ihn, ohne uns vor ihm zu fürchten, doch nicht aus den Augen verlieren. Die Feudalen pfeifen aus dem letzten Loche. Wer dies bezweifelt, -der sehe sich die Gesellschaft, der sie sich in die Arme geworfen, die Stütze an, die sie sich aus erwählt. Wer Se. Ercellenz den Grafen von Stollberg Arm in Arm mit dem Schuhmachermeister Pansa gehen, mit ihm den gleichen Feldzug eröffnen und als gemeinsame Feldherren den 40*