Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-09-24 · Heft 39 (24.9.1861) · p. Seite 561

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 39 (24.9.1861)
Date
1861-09-24
Page
Seite 561 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226256-3226296--19758-3248792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

561 genommen wurden, so kam die Erfindung, daß die Israeliten Christenkinder rauben, welche von den Genuesern' und Venetianern nach dem Oriente gebracht wurden, gut. zu statten, und man hörte bei solchen Verschwindungsfällen die obligaten Worte: „Die Juden haben ihn geraubt, um Blut zu nehmen." Natürlich wußte man in-gebildeteren Kreisen damit, daß die Muhamedaner oder die lateinischen Missionäre den Verschwundenen entführt, aber das niedere Volk glaubte doch gewissermaßen, daß es die Juden seien, welche Blut brauchten und eine solche That verübt hätten. Es kam daher sehr oft vor, daß man den türkischen Behörden die Juden als die Schuldigen angab, sehr oft nur einzig und allein, um den Juden Unheil zu bereiten, wozu die Behörden um so-bereitwilliger waren, weil diese Angelegenheiten sehr einträglich für sie sich gestalteten; man erpreßte Geld von den Christen, um die-vermeintlichen Schuldigen zu verfolgen, andererseits erkauften sich die Juden wiederum Ruhe, die religiösen Antipathien wurden damit genährt und erhalten- und eine Politik damit verfolgt, wie sie Rom stets gelehrt, wo der Papst Johann XXII. sagte: nur wenn die Könige uneinig seien, wäre der Papst ein wirklicher Papst, und für die Menschheit voll Schrecken und Furcht. Auf welche Art das türkische Gouvernement dabei verfährt, zeigt am besten die Geschichte 1821, wo man den Juden den Leichnam des schändlich getödteten Patriarchen Oecumenique aus Konstantinopel überliefert, mit dem Befehle, denselben drei Tage hindurch durch alle Straßen der Hauptstadt zu schleppen. Es läßt sich leicht begreifen, ob die Juden, welche ihre Existenz in Konstantinopel den christlichen Kaufleuten verdanken, etwa Lust hatten, ein solches freiwillig zu thun; Diejenigen, welche die türkische Regierung kennen, werden einsehen, ob die Juden es verweigern konnten. Dieses Ereigniß zog auch andere traurige Folgen nach sich. Bekanntlich wurde der Leichnam des Patriarchen in die See geworfen; ein griechisches Schiff, welches denselben aufgefangen, brachte ihn nach Odessa, wo nach der Anordnung des Kaisers derselbe 'mit allen ihm gebührenden Ehren begraben werden sollte. Vorsichtig verbot die Polizei den Juden, sich auf der Straße dabei zu zeigen, und befahl die Läden zu schließen; allein einige Neugierige, die sich dennoch zeigten, wurden arg mitgenommen, viele Thüren israelitischer Häuser erbrochen, die Einwohner mißhandelt und ohne Einschreiten der Polizei würde gewiß viel Blut vergossen worden sein. Ein anderer bemerkenswerther Umstand ist, daß gerade-stets nur Männer verschwinden bei solch geheimnißvollen Entführungen, niemals Frauen, immer junge- Burschen! Und doch, wenn es -sich blos um Christenblut-! handelte, warum sollten nicht auch Frauen und-Mädchenverschwinden? Der gesunde Verstand brächte es mit sich, daß die Israeliten eher schwacher Frauen als starker Männer sich bemächtigten! Schreiten wir jetzt zu materiellen Thatsachen. v ' 1 ■ Unter so vielen vorgegebenen Entführungen von Christen durch Juden, so oft bei allen Anklagen in den letzten zwei Jahrhunderten im Oriente wiederholtbei so vielen strengen Nachforschungendie demzufolge veranstaltet wurden , theils von christlichen, theils von muhamedanischen Behörden, ungeachtet des Eifers, den all^ Einwohner daselbst, Eingeborene- und Fremde, Fanatische und Vernünftigdenkende an den Tag legten, um der Gerechtigkeit auf die Spur der Schuldigen zu verhelfen, konnte man doch n ie, weder gesetzlich, noch durch juridische Vermuthungen dahin kommen/ zu bestätigen, d aß-der geschehene Mord durch Juden'ver-übt wurde? Im Gegentheil ist aus Hunderten von- Umständen und durch Tausende' geschichtlicher Thatsachen zu -beweisen, daß dies Alles nur unwürdige Verleumdungen waren, ausgestellt gegen ein unglückliches Volk,- um damit in Wirklichkeit geschehene Unthaten zu verdecken und einen blinden Fanatismus zu nähren.; 5 : ui<■. Wir könnten eine große Anzahl von Thatsachen,' die authentisch bestätigt und notorisch -bekannt find, citiren, über wir wollen nicht die; Geduld der Leser zu; viel in Anspruch nehmen, und geben davon nur zwei. Am Anfänge unseres Jahrhunderts verschwand -plötzlich ein junger Grieche, Michalsky, 22 Jahre alt und von 'schöner Gestalt. Er war einziger Sohn und Ladendiener bei-einem bedeutenden Bäcker in Arnaout Kioi, einem Dorfe beJL.. Bosporus bei Konstantinopel. Sofort bezeichnte man' die Juden als Diejenigenwelche ihn entführt, um nach ihrem gewöhnlichen Brauche ihm sein Blut zu nehmen. Nach wenigen Tagen chatte das Gerücht! eine -solche Sicherheit -angenommen, - daß die! Eltern des- Michalsky eine förmliche Anklage bei den türkischen Behörden einleiteten. Mehrere bezeugten, daß sie den Verschwundenen am letzten Tage iw ein -jüdisches Haus eintreten, aber nicht heräuskommen gesehen; ein christlicher Nachbar gab an, daß er-in der Nacht des Charfreitags im Vorbeigehen ein fürchterliches Geschrei, ähnlich dem eines zu Erdrosselnden, gehört; und wollte er sogar in diesem Schreien die Stimme des jün^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.