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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-09-03 · Heft 36 (3.9.1861) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 36 (3.9.1861)
Date
1861-09-03
Page
Seite 522 (sequence 12)
Language
German
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Nichts Zeitgemäßes aufkommen lgßt, ist der Chaffidis- - mus, der , wie eine verheerende Seuche, welcher "man keinen Damm entgegensetzt, immer weiter nur sich greift, bereits Jung und Alt mit seinen verderblichen Klauen erfaßt und uns „durch's ganze Land stinkend .gemacht hat." Es giebt fast in den kleineren Städten Galiziens keine orthodorm Juden mehr, die wenig-- stens im Talmud ansgebreitete Kenntnisse besäßen, sondern Alles huldigt dem jeder Bildung baren Chassidismus, ahmt dessen Gebräuche u. dergl. nach; ja selbst Schneider, Schuster re. besuchen fleißig die Mikwa*) und verrichten lärmend und tobend ihre .Gebete! Sehr sinnig benennt man daher bei uns diese Secte mit dem polnischen Namen „szaran'cza“ (Heuschrecke), denn ebenso wie die Heuschrecke, saugen diese Fanatiker die besten Kräfte des Landes aus, zerstören mit vandalischer Wuth jeden Gemeinsinn, stiften Zwietracht und Uneinigkeit in den Gemeinden; kurz sie sind das Uebes, das an dem Marke des galizischen Judenthums zehrt. Der Zahn der Zeit, der fast auf dem ganzen Erdboden die Fesseln Israels zernagt, vermag nicht die Ketten zu. sprengen, welche die Chassidimsecte dem galizischey Juden angelegt hat! So sehen wir sie überall, wo nur ein Anlauf zu etwas Besserem gemacht wird, mit Fanatismus gewappnet auftauchen, um den Fortschritt im Embryo schon zu ersticken. Ihrer Umsicht ist es daher zuzuschreiben, daß die bereits so weit gediehene Gründung einer Hauptschule in Stanislau ad calenrias graecas wieder verschoben wurde. Auch in Lemberg ist eine Reaction nicht zu verkennen; denn die Art und Weise, wie die Orthodoxen das Rabbiner-Seminar daselbst ins Leben rufen wollen, giebt hiervon Zeugniß.genug. — Besonders in der Gemeinde Bolechow, die im Jahre 1846 ,quf die Bahn des Fortschrittes gleichsam geschleudert, nach einander ein ordentliches Gemeindewesen und ein Spital einfübxte, und mit der Errichtung ihrer dreiclassigen Trivialschule ihren Höhe- und Glanzpunkt erlangt *) Der Wahnsinn dieser Leute ist bereits so weit gediehen , daß der Protektor der Bolechower Chaffidim, ein Männlein, das manchmal auch nüt der Fortschrittspartei .liebäugelt, im vprigen Monate in seiner Klause eine Mikwa machen ließ, um daß Schuleinkommen — da die Einkünfte vom Badehause und der Mikwa der Schule auf ewige Zeiten gewidmet sind — zu schmälern; allein ans Anzeige der Schulaufsicht wu^de dieselbe von Amtswrgen gesperrt. Corresp. hat, ist. ein bedeutender Rückschritt bemerkbar. Fünf Jahre sind bereits verflossen, seitdem die.hiesige Schule ins Leben gerufen worden, und noch hqt der Kampf gegen die Fanatiker um die Erhaltung derselben nicht aufgehört, noch immer ist ihre Existenz von dieser wuthenden Horde bedroht. So lange der gewesene Schulaufseher und Begründer dieser Anstalt, Herr Jakob Goldenberg, an der Spitze ihrer Verwaltung stand, konnte sich dieselbe auf ihrer soliden Basis unangefochten immer mehr entwickeln, und wirklich begann die Schule im Jahre 1859, nachdem sie die Krisis des Lehrerwechsels glücklich überstanden und tüchtige Lehrkräfte acquirirt hatte, einen gedeihlichen Fortschritt zu nehmen.. Nun aber erlitt unsere Schule mit dem Austritte des Herrn Goldberg, der Geschäfte halber unser Städtchen verließ, ohne eine andere Verwaltung an seiner Stelle eingesetzt zu haben, einen harten Schlag. Es sind zwar biedere Männer zu Schulvorstehern gewählt worden; allein es sind Halbheiten, die es mit der schulfeindlichen Partei nicht verderben wollen, und die Halbheit, um mich Ihrer Worte, hochgeehrtester Herr Redacteur! zu bedienen, schadet. Die Ehassidim fühlen das und ergreifen jede Gelegenheit, um dem kaum eingebürgerten Institute nach Möglichkeit zu schaden, ohne daß unsere Schulaufsicht dagegen irgend einen entscheidenden Schritt thäte. Leider herrscht bei uns ein Uebel, daß Alles in der Gemeinde nach Ehrenstellen hascht, ohne sich im mindesten zu prüfen, ob man den übernommenen Verpflichtungen Nachkommen können würde, wodurch die gute Sache oft den größten Schaden erleidet! Nur die hiesigen Lehrer sind die einzigen Kämpfer, um die Erhaltung der Schule, und diese, die.ohnedies gegen die materiellen Bedürfnisse einen harten Kampf zu bestehen haben, sehen sich oft in die unangenehme Lage versetzt, fast mit der ganzen Gemeinde um die Erhaltung des Schulfonds und um Absendung ihrer Kinder in die Schule bei den unserer Sache nicht sehr geneigten Behörden zu kämpfen; und es steht zu-befürchten, daß, wenn keine Hülfe geboten wird, die Lehrer trotz ihrem Eifer endlich erschlaffen und entmuthigt werden; denn auch der eifrigste Kämpfer, wird des immerwährenden Kampfes müde. O, wann wird doch ein Erlöser dem galizischen Israel auferftehen, der es von den Fesseln seiner eigenen Prüder befreien könnte! Zum Schluffe meines Berichtes glaube ich noch folgende Thatsache im Interesse des allgemeinen Wohles mit Schweißen nicht übergehen zu dürfen. Die Lem-

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