Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1861)
- Date
- 1861-09-03
- Page
- Seite 513 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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513 worden. Das Elend vieler Familen, die dadurch ihre Eristenz und ihr Vermögen Plötzlich vernichtet sehen, ist herzzerreißend, und^ die Schmach und Verachtung, welche wir insgesammt in den Augen der hiesigen ungebildeten Bevölkerung erleiden, ist unbeschreiblich." Diese Zeilen sprechen für sich selbst, und wir lenken daher die.Aufmerksamkeit Aller dringend hierauf, um dagegen zu thun, was sie vermögen. Jerusalem. I. Wir haben seit mehreren Jahren über die Zustände in Palästina, insonders in Jerusalem, Stillschweigen beobachtet. Die dortigen traurigen Verhältnisse, die uns für die nächste Zukunft wenigstens unheilbar schienen, das fanatische Gebühren der Mehrzahl unter den in der heil. Stadt sich aufhaltenden Juden und die Ueberzeugung, daß an eine wesentliche Abhülfe nicht zu denken ist, motiviren dieses Stillschweigen genügend. Da wir jedoch auch die Pflicht des Berichterstatters zu erfüllen haben, und die Dinge dort sich wie zu einer Krisis gestalten, so wollen, wir in einer Reihe von Artikeln daraus zurückkommen. In dem eben erschienenen „Wiener Jahrbuch für Israeliten" von Joseph Wertheimer befindet sich in dem trefflichen „Rückblick" des Herausgebers folgende Stelle: „Die Nachrichten, die uns aus dem gelobten Lande, zunächst aus Jerusalem zukommen, sind schmerzlicher Art. Die Bevölkerung ist durch fortgesetzte Einwanderer in Zunahme begriffen und damit auch die Noth und das Elend der Massen, während die Rabbiner und Vorsteher ihren Anthcil an der „Chalouka" in gleicher Höhe zu erhalten wissen. Die Einwanderer sind nur im fünfzigsten Falle Handwerker, als welche sie sich leicht ihr Brot erwerben können; die Meisten kommen, um hier weiter zu „lernen" und die von Europa hergeschickten Almosen zu theilcn. „Die größere Einwanderung wird durch die so sehr erleichterten Communicationsmittel— man kann jetzt von Wien z. B. nach Jerusalem in zehn Tagen gelangen — bedingt. Mit ihr selbst stehen aber die Almosen im umgekehrten Verhältnisse, indem überhaupt der ungünstigen Zeiten wegen weniger nach Palästina gespendet wird und durch die Agioverhältnisse, durch die Verscndungsspesen oft der wohlthätig vermeinte, vielleicht nicht ohne Opfer dargebrachte Betrag auf die Halste herabgedrückt wird. : „Die Nothschreie wiederholen sich und werden immer häufiger. Wie Viele, welche die Sehnsucht nach Jerusalem mit ihrer oft zahlreichen Familie hingezogen hat, würden — enttäuscht wie sie bald werden — gern zurückkehren! Auf die Frage: „Und warum thun 'sie es nicht?" können wir antworten: weil sie bei ihren Freunden in Europa wohl das Reisegeld erbetteln konnten, in Jerusalem aber ihnen Niemand ein Reisegeld zur Rückkehr zu geben geneigt oder im Stande ist. Neben diesem Umstande hält sie aber auch noch das Schamgefühl zurück. „Wer jetzt nach Jerusalem zieht, muß mit sich einig sein, daß er den bittersten Entbehrungen entgegengeht, denen er, bei bestem Willen vielleicht, zu arbeiten, sich nicht entziehen kann, weil kein Arbeitgeber da ist. „Es giebt Naturen, welchen ein Märtyrerthum Bedürfniß ist, und die wollen und können'wir nicht abhalten, nach Jerusalem auszuwandern. Sie aber dürfen dann nicht Chorus mit Denen machen, die übers Meer herüber verzweiflungsvoll um Brot schreien. „Wir können nur warnen! Zu der materiellen Noth gesellen sich aber in letzter Zeit noch zwei Calamitäten: „Die deutschen Juden haben vor etwa fünf Jahren begonnen, eine große Synagoge in Jerusalem zn bauen. Freiherr von Rothschild legte im Jahre 1856 den Grundstein, Dr. L. A. Frankl sah den Unterbau vollendet. Allmählig gingen aber den Erbauern die Mittel aus und es wurde ein Sendbote nach Paris geschickt, um Geld zum Weiterbau zu sammeln. Se. Majestät der König von Preußen bewilligte eine Sammlung in seinen Staaten und der Freiherr von Manteuffel stellte sich der Erste auf den Sammelbogen mit einem Beitrage von 150 Thalern. „Gleich huldvoll erwies sich Se. Majestät der Kaiser Franz Josef indem er das ihm vom Sendboten aus Jerusalem unterthänigst überreichte Gesuch in der österreichischen Monarchie zu dem gedachten Zwecke sammeln zu dürfen, gnadenreich bewilligte. „Zugleich mit diesem Sendboten der Aschkenasim befanden sich bier der angesehensten Männer der Sefardim in Wien um Hülfe bei ihren Glaubensgenossen. Die Lage ist wirklich eine traurige. Die Sefardim schulden 100,000 Fl. in Silber auf ihren Grundbesitz in Jerusalem. Nicht nur, daß sie keinen Theilbetrag zurückzuzahlen im Stande sind, es fehlen ihnen die Mittel, die Zinsen — gesetzlich 12°/o —zu vergüten. „Die Gemeinde hat nun ihren Besitz verpfändet, und er ist für alle Zeit verloren, wenn er in einem Jahre nicht eingelöst wird. „Soll nun dies kleine Stück der Erde Palästinas den 36*