Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1861)
- Date
- 1861-08-27
- Page
- Seite 499 (sequence 3)
- Language
- German
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m unserer orthodox-christlichen Kränzchen u. s. iv. — abgesehen von den Toiletten und dem Eigendünkel — in Betreff seines Feingehalts so zweifelhaft, daß ein Dorurtheil nach jener Seite um so unberechtigter und lächerlicher erscheint Ein Vorurtheil, dessen sich ein gebildeter Mann, wie eine gebildete Gesellschaft geradezu schämen muß. — Kann Jemand seiner Geistescultur ein größeres Armuthszeugniß ausstellen, als. wenn er sich persönlich auf sein Christenthum etwas zu gute thut? In religiösen Dingen ist heutzutage der Glaubenseifcr wahrlich nicht so rigorös; man kann darin unserer Zeit im Allgemeinen weit eher einen gelinden Jndifferentismus vorwerfen; es kann doch also nur das unklare, traditionelle Gefühl des Abscheus gegen den socialen Geruch eines „Juden" sein, welches den größten Theil unserer Gesellschaft abhält, ihre jüdischen Mitbürger nicht nur im Princip, sondern auch im wirklichen Leben als gleichberechtigt anzusehen. Und das ist eben ein allgemein zugestandener Satz; ich muß gestehen, so viel ich darüber nachgesonnen, ich begreife diesen Widerspruch nicht. Ich selbst bin weder ein Jude, Noch habe ich irgend welche Rücksichten, die mein Urtheil hierin parteiisch machen könnten. Ich räume auch ein, daß es gar viele Juden giebt, auf deren näheren Umgang ich verzichte. Das ist indeß bei den Christen nicht anders. Bei dem gebildeten Juden dagegen schwindet Alles, was mich verhindern könnte, ihm mit der größten Herzlichkeit entgegenzukommen, wie" einem gebildeten Heiden oder Türken. Und es giebt hier, wie im Allgemeinen, sehr viele gebildete Juden. Von „besonders abstoßenden Seiten des jüdischen Charakters" weiß ich nichts. Es ist das ein leeres Stichworts welches so im Alltagsgespräch hingeworfen wird, dessen ein vernünftiger Mann sich aber nie im Ernst bedienen'sollte. In dem jüdischen Wesen liegt manche Eigenthümlichkeit, theils durch seine Religion, theils — und hauptsächlich — durch seine ewig gedrückte sociale Stellung bedingt; es ist darin aber nichts, was zurückstößt. Diese Eigenthümlichkeiten schwinden bei einer höheren Geistescultur und im ungezwungenen Verkehr von selbst. — Ich weiß wohl, was man mir im Einzelnen-Alles gegen eine vollkommene gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden geltend macht. Für einige sehr geistvolle und schöne jüdische'Mädchen, ist z.V^ ein orthodorer Vater nach altem Schnitt ein Hinderniß, oder eine dergleichen Mutter — oder der Bruder „handelt mit Fellen", oder sonst Etwas. Diese Einwendungen und Rechtfertigungen sind eben so haltlos, wie das ganze System. Sie werden des Scheins wegen aufgestellt, die wahren Gründe schämt man sich auszudrücken. Und nicht nur in gesellschaftlicher Beziehung tritt dieser Antagonismus zwischen Jude und Christ so offen zu Tage, er kommt folgerecht auch in allen anderen Lebensverhältnissen zur Erscheinung. Absonderung der Kinder in den Schulen, Zurücksetzung der Juden bei Communal-Angelegenheiten (das ausnahmsweise Gegentheil wird gewöhnlich als ein bedeutendes Zugeständniß angesehen, gewissermaßen als ein Zeugniß der Unparteilichkeit und Toleranz, auf das man sich vorkommenden Falls berufen kann), Ausschließung der Juden selbst von den Freimaurer-Logen, diesen Pflanzstätten der Humanität und einer höheren Weltanschauung, — ihre Hintansetzung endlich in hundert -anderen Dingen, die vielleicht weniger in der Absicht einer Kränkung, nur um nicht von der bisherigen Sitte abzuweichen, stattfindet: das sind Thatsachen, die im Interesse der Gesundheit unserer inneren Zustände nur mit Bedauern constatirt werden können. Und trotz aller dieser kleinen Kränkungen und täglichen Zurücksetzungen ist der Jude hier nie der ausgesprochene Feind seines christlichen Nachbarn- Es liegt in der jüdischen Natur — das ist meine feste Ueberzeugung — der Zug einer feineren Anständigkeit, eine taktvolle Gelassenheit, die sich überall zu mäßigen versteht, jede Aufwallung vermeidet. Der Jude, auch der Gebildetste, accommodirt sich stets den Verhältnissen, — mit lächelnder Resignation : er ist hierin der Meister einer praktischen Lebensklugheit. Ich wüßte nicht, daß seine Natur darin mit einer besseren Elasticität ausgestattet wäre. Er ist eben nur mehr Herr seines Willens, seiner Leidenschaften. Er fühlt die Opfer sehr gut, und wer wollte ihm verdenken, daß ein tiefes Mißbehagen über seine gedrückte" Stellung sich in ihm ausbreitet und vorkommenden Falls auch einmal zu Tage tritt! — Auf den materiellen Gewinn hingedrängt, vom Staatsdienst ausgeschlossen, von der christlichen Gesellschaft mit steter Zurückhaltung behandeltwer will es ihm verargen,' wenn er persönliches' Interesse in den Vordergrund stellt, sein unfeiner Familie Wohlleben, seine Bequemlichkeit, seine Seelenruhe fördert, ohne sich um andere Dinge zu kümmern. Er hat politische Zwecke nicht zu verfolgen, die Agitation für Anerkennung seines gekrankten Rechts würde nach den bestehenden Verhältnissen wirkungslos bleiben —• warum soll er sich darüber ereifern? — In Deutschland gründet man einen National-- Verein— was kümmert er ihn? Ob Deutschland — ob Oesterreich — ob Preußen : was hat das für-Einfluß auf 35*