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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-08-27 · Heft 35 (27.8.1861) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 35 (27.8.1861)
Date
1861-08-27
Page
Seite 498 (sequence 2)
Language
German
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498 r, Grundsatz der Gleichberechtigung nicht consequent zur ^Geltung bringen und wir zucken die Achseln übex^ unsere Judenfeinde im BerliMr Ockrenhaüft, die Senfft- Pilsäche und Consorten, welche die .Grundvesten des preußischen Staats erschüttert wähnen, wenn ein jüdischer Rittergutsbesitzer von seinem verfassungsmäßigen Rechte Gebrauch macht, auf dem Kreistage zu erscheinen.- Dennoch ist es nicht, allein jenes bedauernswerthe Zögern der Regierungen) nicht allein dieses krampfhafte Zücken des kreuzritterlichen Judenhasses, welches den Juden sich entgegenftellt: es ist vor Allem das noch immer, in den größeren Massen des Volks, selbst in seinen intelligenteren Kreisen verbreitete Vorürtheil, welches die Betätigung der toleranten Theorie im wirklichen Lepen verhindert. Eiw Vorürtheil, welches sich nicht geradezu in direkten Verfolgungen, aber doch in einer ängstlichen Absonderung, in vornehmem Zurückzie^en deutlich und fühlbar genug ausspricht. Einsender hat im Folgenden hauptsächlich die Verhältnisse im Großherzogthum Posen, die ihm aus jahrelanger Anschauung bekannt find, im Auge; es ergeben sich aber daraus von selbst eine Menge Gesichtspunkte, die mit den obigen allgemeinen Bemerkungen im Einklang stehen und für weitere Kreise vollkommen Geltung behalten, wenigstens nur unbedeutend von localen Verhältnissen modificirt werden. Für die bisherige Entwickelung der Zustände im Großherzogthum Posen kommen drei Elemente der Bevölkerung in Betracht: Polen, Juden und Deutsche, die gegenwärtig zusammen fast IV2 Millionen ausmachen, von denen auf die Juden 72—73,000 kommen, also etwa '/20. Den Polen gegenüber sind die Juden hier als ein bedeutendes Cultur-Element aufgetreten. Sie waren die vorgeschobenen Posten des Deutschthums; in den Städten wie auf dem Lande breiteten sie sich zuerst aus und gewannen für die Deutschen einen Boden. Mag dabei auch ibr persönliches Interesse der allein maßgebende Grund gewesen sein: immerhin haben wirhMGermanisirung der Provinz zum großen Theile ihnen zu verdanken. In materieller Beziehung haben sie ihre Rechnung vollkommen richtig gemacht; sie sind wohlhabend geworden — es hat sich aus ihrer Mitte eine Geld-Aristokratie emporgeschwungen, die der christlich-germanische Gutsbesitzer ebenso wenig entbehren mag,-wie sein polnischer Nachbar; die größten kaufmännischen Geschäfte gehören den Juden; kein irgendwie namhafter Handel wird ohne ihre Vermittelung zu Stande gebracht; in neuester Zeit fangen sie auch hier schon an. Gutsbesitzer zu werden. Mit dem erhöhten Wohlstände haben sie auch^ihr äußeres Auftreten vorteilhaft., verändert; dek sschtnutzige Schacherjude wird vsn dem modernistrtett fstnettlKaufherptt verdrängt, der-stchMne seiner Stellung entsprechende Bildung anschaffenzu müssen glaubt, der seinen Kindern eine gewählte Erziehung giebt und ein feines Haus macht. Wir finden in diesen Kreisen zum Th eil sehr feine Sitten, eine achtungswerthe, allgemeine Bildung und einen gelauterten Geschmack. In den größeren und kleineren Städten bilden sie nach dieser Seite hin, einen nicht kleinen Bruchtheil der üsute-volse. Und doch — trotz alledem — stehen sie isolirt, in qllen gesellschaftlichen Beziehungen von christlichen Kreisen ausgeschlossen, in ihrer Mitte höchstens geduldet, im Uebrigen auf sich selbst beschränkt. Die Hauptstadt der Provinz, Posen, mit 50,000 Einwohnern, geht darin mit dem besten Beispiel voran, obgleich gerade in ihr die Juden einen bedeutenden Theil der besseren Gesellschaft bilden. So.darf dort in die Schützengilde kein einziger Jude ausgenommen werden! — Von allen geselligen Zirkeln, Ressourcen, Kränzchen u. dgl. sind fiL in gleicher Weise der Regel nach ausgeschlossen. Gewöhnlich steht das nicht in den Statuten; man genirt sich, einen solchen Grundsatz auszusprechen, aber die Bestimmung versteht sich von selbst, es hat sich dafür eine „Praxis" gebildet. Meldet sich ein Jude zur Aufnahme, so müssen seine Gönner sehr zahlreich vertreten sein, wenn er bei der Ballotage durchkommen soll. Für gewöhnlich wird er zurückgewiesen und die Uebrigen hüten sich, das Experiment ihrerseits noch ein Mal zu versuchen. Bei Privatgesellschaften verhält es sich ganz eben so. Sind die jüdischen Honoratioren nun zahlreich genug, so bilden sie wohl eine eigene Ressource; in kleineren Orten find sie lediglich auf den Kreis ihrer Familie und ihrer nächsten Freunde beschränkt. — Und warum nun dieses starre Abschließen der christlichen. Gesellschaft? Jeder räumt ein, daß es eine Ungerechtigkeit ist; kein Einziger will sich deshalb Intoleranz vorwerfen lassen— es wird die „allgemeine Stimmung", der „allgemeine Wunsch" dafür verantwortlich gemacht, ohne daß man das Haltlose und Lächerliche dieser Entschuldigung fühlt. . Die gebildeten Juden würden oft genug durch ihr Auftreten manches christliche Mitglied einer solcher: Ressource beschämen; es fehlt ihnen keines der Erfordernisse, welche eine anständige Gesellschaft an eines ihrer Mitglieder zu machen berechtigt ist. Ueberdies ist der gesellschaftliche Ton in der überwiegenden Mehrzahl

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