Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1861)
- Date
- 1861-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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gelang es ihr, sich zu einer höhern Stufe emporzuarbeiten. Die Alten, von denen die Kirchentonarten festgestellt sind, haben sie nicht von sich selbst, sondern aus den damals eristirenden Gesangsweisen und aus den Volksliedern herausgebildet. In den Chorälen der Phrygischen Tonart befinden sich schon im Naturell ihrer Harmonisirung übermäßige Sekunden, indem sie aus kleiner zweiten Stufe und häufig, namentlich bet Schlüffen, aus großer Terz bestehen. Daß die Gründer der Kirchentonarten dem Phrygischen von vorne herein keine übermäßige Secunde beigelegt hatten, weil sie sie für unstatthaft hielten — sowie die Alten auch Terzen und Serien als dissonirende Accorde verwarfen — beweist noch nicht, daß sie in der damaligen Gesangsweise selbst nicht eristirt habe; vielmehr ist schon aus dem Umstande, daß das e fast immer mit gis begleitet wird, zu entnehmen, daß diese Tonart in Folge eines Gesanges gegründet wurde, der ursprünglich eine übermäßige Secunde enthielt. Die Ausweichung nach dem Aeolischen kann nicht der alleinige maßgebende Grund dafür sein, weil sie keinesfalls eine vollständige Ruhe ausdrückt, und da wir nach unseren jetzigen festgestellten Theoremen, übermäßige Intervalle frei behandeln können, ist es um so statthafter, unsere alten Melodien in die phrygische Tonart einzureihen, als sie beide ganz daffelbe Verhältniß haben. Herr D. meint ferner, daß die Erhöhung der zweiten Stufe beim Phrygischen als Uebergang zum Hypo-äolischen betrachtet werden müsse, diese Erhöhung könnte indessen ebenso gut als Ausweichung zum Mirolydischen angesehen werden, und thut jedenfalls der Behauptung des Herrn W. weiter keinen Eintrag. Die Bemerkung des Herrn D., daß das alte System weder die übermäßigen, noch die verminderten Intervallen habe, läßt sich widerlegen durch die in dem Antiphonar deö Papstes Gregor befindliche zweite plagalische Tonart, die er den Ambrosianischen 4 Kirchentonarten hinzufügte, wo eine verminderte Quinte und in der dritten authentischen Tonart eine übermäßige Quarte enthalten ist. (S. Kiesewetters Einleitung zur Geschichte der Musik). Daß nun im Phrygischen eine übermäßige Secunde eristirt, ist bereits oben bemerkt. Man braucht ferner nur den phrygischen Choral von Luther: „Es woll' uns Gott gnädig sein" in dem Choralbuch für evangel. Kirchen in Preußen, anzusehen — mir liegen drei verschiedene Eremplare vor, alle von bewährten Musikern bearbeitet, in deren einem die erhöhete zweite Stufe zum Hypo-äolischen, in dem andern zur mirolydischen Tonart führt — und man wird alle jene Widerwärtigkeiten, welche Herr D. in den alten Gesangsweifen fand und sie deshalb für die verwersiichsten erklärt, nämlich bald eine kleine, bald eine große Terz, bald eine große und bald eine kleine Secunde,. beseitigt haben. Nach Herrn Deutschs Meinung würde man also auch den besprochenen Choral als den verwerflichsten erachten müssen. Sonderbar klingt die Behauptung des Herrn D., daß unsere alten Synagogenmelodien ganz außerhalb aller rhythmischen, modulatorischm und harmonischen Gesetze stehen. Nach meiner Meinung giebt cs keine Melodie, und mag sie noch so abgeschmackt sein, die sich nicht nach jeder beliebigen Art verarbeiten ließe, sei es vermittelst harmonischer Zusammensetzungen oder vermittelst rhythmischer Aenderungen. Der geniale Rossini hat z. B. eine ganz triviale Melodie zum Hauptmotiv seiner Semiramis-Ouverture genommen, und ein Meisterwerk geschaffen. Uebrigens wo will denn der Herr D. daß wir unsere Synagogengesänge herholen sollen, etwa aus der katholischen Messe, oder aus dem evangelischen Gesangbuche? Besitzen wir nicht einen Schatz von musikalischen Gedanken und von erhebenden Gesängen, die von überaus großer Wirkung sind und auf das jüdische Gemüth vorzugsweise einen mächtigen Eindruck machen, vorausgesetzt, daß man dieselben zu behandeln weiß? Warum will durchaus Herr D. unsere durch Tradition überkommenen Gesänge aus der Synagoge herausverbannen? Ich finde es im Gegentheile lobender und zweckdienlicher, wenn man alle die Melodien, die uns die Synagoge da und dort bietet, sammelt, und sie in zeitgemäßem Aufputz der Synagoge wieder zurückgiebt. Gerade die alten Melodien sollen uns zur Basis dienen, worauf wir, jeder nach seiner Fähigkeit, das Gebäude aufführen helfen. In der kath. Kirche hat auch anfangs die Musik nicht in der Erhabenheit dagestanden, wie sie jetzt steht. Auch da waren es nur dürftige Brosamen, die man gesammelt, und welche sich im Laufe der Zeiten zu einem Ganzen gefügt haben. Von diesem Standpunkte aus, scheint uns das Streben des Herrn Weintraub ein sehr verdienstliches zu sein. Seine Meinungen und Ansichten über den Ursprung unseres Gesanges sind nicht so verwerflich, wie der Herr D. meint, und findet sich darüber in dem ersten Bande der Ltoria della Musica von Pater Martini eine Dissertation beigefügt, worin über die Musik der Hebräer, wie sie im Tempel gebraucht worden sei, abgehandelt wird. Er glaubt, der Tempelgesang wäre dem katholischen Choralgesang gleich gewesen. ^Dieser Meinung schließt sich auch der gelehrte Forkel an. Er leitet seine Meinung daher ab, da Jesus und seine Apostel an jüdische Kirchengebräuche