Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1861)
- Date
- 1861-08-20
- Page
- Seite 484 (sequence 2)
- Language
- German
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484 rechtigung identificirt. Lhut es dies nicht, so ist es ein Rückschritt, der von den Männern des Fortschritts geradezu bekämpft werden must. Man wist dünn wieder den schon vom. mosaischen Gesetze bekämpften Unterschied zwischen „Eingeborenen" und „Fremden" machen, und zu letzteren alle Diejenigen rechnen, welche einem bestimmten Stamme nicht angehören, und wenn ihre Väter seit einem Jahrtausend in dem Lande eingeboren sind. Ein solcher Unterschieb, welche Motive man auch vorschütze, läuft auf Unterdrückung aller andern im Lande ansässigen Volksftämme hinaus. Die Männer, welche den gedachten Comits-Beschluß faßten, und Diejenigen, welche jetzt und zukünftig ihm beistimmen, haben sich zu Trägern dieses ausschließlichen und darum verwerflichen Nation alitätsprincips proclamirt, und. damit unerbittlich über ihre Bestrebungen den Untergang heraufbeschworen. In unserer Zeit verläuft Alles schnell, und wir wollen daher, da zwischen diesem Comits-Beschluß und dem Votum des Landtags über ihn voraussichtlich noch eine lange Zeit verstießen wird, glauben, daß die Magyaren zur Einsicht kommen und ihrer Sache nicht mit eigenen Fäusten so tiefe Wunden schlagen werden. . Mit noch größerer Energie muffen wir uns aber gegen das Verfahren Derer aussprechen, welche die Führerschaft der ungarischen Israeliten übernommen hatten. Wir sind völlig überzeugt, daß sie von dem besten und redlichsten Eifer beseelt waren und sind; aber Einsicht und Muth muß man ihnen absprechen, und diese sind freilich in solchen Dingen die unentbehrlichsten Eigenschaften. Vermißten wir schon überhaupt von vornherein ein kräftiges Auftreten, ein besonnenes, aber energisches Dreinschlagen, eine muthige Agitation, die um so berechtigter war, als hier der wahre Patriot und der Jude gänzlich zusammentrafen: so war die Art, wie man den zu Tage kommenden Aeußerungen und Thatsachen entgegentrat, noch weniger befriedigend, und wenn Einige, oder sei eS nur Einer unter den ungarischen Juden selbst von Culturbestrebungen oder gar von einer „religiösen Organisation"*) vor Erlangung der Gleichberechtigung sprechen, als ob diese von jenen abhängig gemacht werden müßte, so muß man entweder an ihrem Verstände zweifeln, oder glauben, daß sie sich damit die Gunst ge- , *) Was heißt „religiöse Organisation"? Etwa ein neuer Schulchan Aruch? oder ein neues Religionssystem? Wahrscheinlich meint der Urheber dieses Ausdrucks die Organisation des Gemeinde-, Synagogen- und Schulwesens; das ist aber keine „religiöse". wisser Leute erkaufen wollen. Wie? stehen denn etwa alle Bewohner. Ungarns auf der höchftenMulturstAft, so daß die - Juden ihnen> erst nachklettern Müßten? ' Sind die Söhne der Pußten so vorgeschritten in der Civilisation, daß die Israeliten von Pesth und Szegedin ihre Fußtapfen aufspüren müßten? oder sind die Kirchen-und Schulangclegenheiten in Ungarn bereits so musterhaft geordnet, daß die Israeliten ihnen erst. Nachkommen müßten, bevor sie auf ihr Bürgerrecht Anspruch machen dürften! Nein! in ganz Europa Hut man längst eingefehen, daß man kein Recht habe, den Juden das Bürgerrecht vorzuenthalten, daß man daher es ihnen entweder gewähren, oder versagen, niemals aber an Bedingungen knüpfen könne. Die einzige Bedingung ist: die Bürgerpflicht zu. erfüllen, und nun weise man. erst nach, -wo die Juden diese nicht erfüllen, nachdem sie das Bürgerrecht erhalten haben. Theils also geben Diejenigen, welche eine solche Forderung aufstellen, unfern Gegnern selbst eine Beschönigung in die Hände, theils verlangen sie, was gar nicht zu erfüllen ist. Statt energischer Thaten, statt immer wiederholter Proteste, Petitionen, Memoranden, statt alle Welt für unser Recht und unsere gute Sache in Bewegung zu setzen,, geben uns diese Leute das widerwärtige Schauspiel, daß sie unsern Widersachern in die Hände arbeiten. Wenn wir hierin irrthümlich urtheilen, so bieten wir den Raum dieser Blätter an, uns zu widerlegen. — Nachdem wir diese Worte geschrieben, erhalten wir folgende ausführliche Corrcspondenz. . Aus Ungarn, 26, Juli. Es herrscht seit der zweiten Hälfte dieses Monats hier unter unsern Glaubensgenossen eine gedrückte, trübe Stimmung, ein bitteres Gefühl der Enttäuschung und fehlgeschlagener Hoffnung, wie sich dies mit Worten kaum schildern läßt. — Es sind nur ein Paar dürre Worte, welche das in der Reichstagssitzung vom 10ten dieses verlesene Programm über die Judenfrage enthält. — Der Ton und die Tertirung dieser Worte sind aber auch geeignet, jeden in sanguinischer Selbsttäuschung befangenen Emancipationsritter nüchtern zu machen. Man sieht nun klar und deutlich, was wir von dem gegenwärtigen Reichstage und von den ungarischen Reichstagen überhaupt zu erwarten haben, so lange die nach ihren Privilegien und Vorrechten sich zurücksehnende und in dem Juden ihren Rivalen fürchtende Adelspartei die Situation beherrscht. — „Man kann auch in Judenhaß Geschäfte machen", könnten wir mit Herrn Dr. Kuranda rufen, und will die Adelspartei dem Juden darum kein Jota politischen Ein-