Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1861)
- Date
- 1861-08-13
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
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471 und sie so lange mißbraucht, bis die Scheidung der Reaction von der eigentlich conservativcn Partei vor sich gegangen und letztere ihrer Natur nach zu der gemäßigt liberalen geworden. In der Zeit der regelmäßigen staatlichen Entwickelung aber gehört der Jude jedenfalls zu der von uns oben bezeichneten Partei; sie ist sein naturgemäßer Boden, von welchem entfernt er Haltungslos zusammenfällt. Denn die feudale Partei ist und will ja gerade das Entgegengesetzte von Dem, was dem Juden Bedingung seines bürgerlichen Lebens ist. Wir können jener nicht den Vorwurf der Verstellung machen; die „Kreuzzeitung" hat schon jetzt in ihrem Wahlprogramm die Streichung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden und die Verweigerung der Aufnahme des Judenthums in die eigentlich recipirten Kirchen ausgesprochen. Diese Feudalen könnten aber, zur Herrschaft gelangt, hierbei nicht einmal stehen bleiben; wie sie in ihrem „christlichen Staate" auch „christliche Genossenschaften", namentlich in gewerblicher Beziehung, für den Handwerkerstand haben wollen , so müssen sie alsbald auch nach dieser Richtung hin die empfindlichsten und einschneidendsten Ausschließungen cintrcten lassen; ferner, wie sie die Juden aus dem Parlamente, aus den Provinzial - und Kreistagen entfernen, so können sie sie auch nicht in der städtischen Verwaltung lassen; wie sie in die katholische und protestantische Kirche ein ultramontanes Regiment einführ'en, müssen sie ein solches auch für die Judcnhcit bereiten, wie dies ja bereits in der jüngsten Vergangenheit angebahnt werden sollte. Alles Dies ist die einfachste Logik und Conseqnenz des Feudalismus, der daraus auch gar kein Hehl macht, und es kann auch keine Frage sein, auf welcher Seite allein der Jude gefunden werden darf. Freuen wir uns dessen. Welch stärkerer Beweis für die Lebenskraft und Lebensfähigkeit des Judenthums und des jüdischen Stammes, und daß diesem von der göttlichen Vorsehung noch eine weithin reichende Zukunft gegeben worden, kann aufgefunden werden, als daß jene immer auf der Seite des frischen, strebsamen, sich entwickelnden Lebens sich befinden, ohne mit Umsturz, Zerrüttung, Vernichtung etwas gemein zu haben? < Betrachten wir nun die Lage der Dinge im Speciellen. Wer erinnert sich nicht des lebhaften Aüfschwunges, den die Volksstimmung vor drei Jahren in Preußen genommen hatte? Die Zusicherung freier, uneinbcflußter Wahlen, die größere Freiheit der Presse, vor Allem das Wort des Regenten, daß die Verfassung zu einer Wirklichkeit werden sollte, hatte die freudigste und hoffnungsvollste Erwartung erwirkt. Gerade darum hatte das Volk aber bei seinen Wahlen von jeder Entschiedenheit und Energie abschen wollen, jedes Ertrem sorgfältig vermieden, um so Männer in das Abgeordnetenhaus zu bringen, welche, Hand in Hand mit dem Ministerium gehend , der Regierung keine Verlegenheiten bereiten würden. Hieraus ergab sich ein zwiefacher Jrrthum: erstens indem man dem jeweiligen Ministerium selbst viel zu viel Entschiedenheit zutraute, und andererseits die Energie der im Herrcnhause regierenden Feudalen viel zu gering anschlug. Welche Resultate hieraus crflossen, ist nach andern politischen Seiten hin zu erörtern nicht der Ort. In Bezug auf die Judenfrage war aber die prineipielle Gesinnung des Ministeriums von größerer Bedeutung, als die Energie des Herrenhauses, da es sich viel weniger in unserer Angelegenheit um neue Gesetze, als vielmehr um Ausführung der Verfassung auf administrativem Wege handelte. Die Deklamationen der „Herren" hiergegen schadeten uns daher wenig; aber auch die günstigen Abstimmungen des Abgeordnetenhauses nützten uns wenig, da die Ministerien der Justiz und des Unterrichts principicll gegen uns waren. Die während der verstossenen drei Jahre erlangten Fortschritte auf unserm Gebiete beschränken sich daher auf die Zulassung jüdischer Rittergutsbesitzer zu den Kreistagen, jüdischer Stadtverordneten zu den Wahlen für die Provinziallandtage, jüdischer Bauern zum Schulzenamte und auf die Anstellung einiger jüdischen Aerzte als Kreisphysiker und Militärärzte; die einzige Concession, die man dem Judenthume machte, bestand darin, daß man jüdischen Strafgefangenen die Feier auch des Neujahrs - und Versöhnungsfcstes gewährte, während ihnen bis hierher nur Ostern gestattet war. Allerdings erkennen wir gern an, daß hiermit auch ein allgemeiner Fortschritt in der Anerkennung unserer verfassungsmäßigen Gleichberechtigung geschehen, und daß diese hiermit neue factische Anhaltpunkte erlangt hat. Hiergegen wurde die Zulassung von Juden zum Richtcramte, selbst der überwiegenden Mehrheit des Abgeordnetenhauses gegenüber, constant verweigert, und es war sogar erst ein Personenwechsel im Justizministerium erforderlich, bevor die Simons'sche Verfügung , welche den jüdischen Rechtscandidatcn selbst die Staatseramina verweigerte, aufgehoben wurde; eben so wenig ward die Anstellung jüdischer Lehrer cingeräumt, und es ist uns kein Beispiel bekannt, daß ein Jude überhaupt anderweitig im Staatsdienste, z. B. im Verwaltungs-, Steuer-, Post-, Polizeifachc verwendet worden, so wenig wie im Heere 33*