Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-08-06 · Heft 32 (6.8.1861) · p. Seite 458

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 32 (6.8.1861)
Date
1861-08-06
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226256-3226289--19638-3248665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

458 geführt. Da aber seine Aufgabe der Weltverkehr nur des Mittelalters war, so gelangte er nicht bis dahin. Versuchen wir, Einiges darüber zu sagen. Wir brauchen die Nothwendigkeit des Banquiers in jeglichem Geschäftsverkehr, selbst von Ort zu Ort, ja von Haus zu Haus nicht zu erweisen, auch nicht zu erwähnen, daß dasBanquiergeschäft erst mit der Erfindung des Wechsels, die man den Juden zuschreibt, und die auch so recht erst eine Frucht ihres traurigen Schicksals war, da sie ein Mittel zu finden gedrungen waren, um ihr Besttzthum von einem Ort zum ahdern überführen zu können, ohne es in natura bei sich zu haben, begann, während es bis dahin nur ein Handel mit Münzen und Metallen war. Bis zu der neuesten Zeit konnte man aber das Banquiergeschäft nur als. zwischen Privatleuten , und nach dem verhältnißmäßig geringen Bedarf derselben bestehend bezeichnen. Mit der neuesten Zeit ah er kamen ganz neue Bedürfnisse. Das Staatsleben entwickelte sich in so riesigen Verhältnissen, und der Kampf der Staaten unter einander, sei es in wirklichen Kriegen, sei es in der Spannung der Beziehungen selbst in Friedenszeiten, wurde mit der französischen Revolution so intensiv, daß das bisherige Finanzwesen nicht mehr genügte, das Steuersystem den wachsen- , den»Bedürfnissen nicht nachkam.. Es entstand daher für den Staat die Nothwendigkeit, .zu Zetten immense Mittel Hxreit zu haben, die ihm sein jeweiliger Kassenbestand nicht »zu Gebote stellte. Hierzu kam zweitens ein Aufschwung der Industrie in unerhörter Weise. Die Anwendung der Dampfkraft erforderte einentheils ein kolossales neues Material für alle Communication auf Land und Meer; es mußte die Erde * mi.t einem Schienennctze, das Meer mit Dampferflotten überzogen werden^ anverntheils beförderten sie die Verbindung . unter den Ländern so außerordentlich, daß dadurch der Gewerbebetrieb der'industriellen Völker ganz enorme, noch nie dagewesene Verhältnisse annahm. Staat und Industrie erforderten daher eine ganz neue Entwickelung des Capitals. Dies ist das neue Banquierthum, welches durch eine ungeheure Vermehrung der Werthzeichen und eine außerordentliche Lebendigkeit des Austausches und des Umlau-' fes derselben, so wie durch eine beispiellose Innigkeit der Verbindung sowohl der Finanziers unter sich, als auch zwischen diesen und..dem ganzen besitzenden Publikum, als auch in wirklichen Associationen sich darstellend, nach beiden Seiten hin, für die, angewachsenen Staatsbedürfnisse wie für die ausgedehnte Industrie die unentbehrlichen Hülfsmittel anzuschaffen vermochte. Der moderne Staat und die moderne Industrie sind daher ohne das moderne Banquierthum gar nicht zu denken, Und es ist demnach dre ganze Blindheit veralteter Parteien nöthig, um die außerordentliche Bedeutung des Ersteren zu verkennen. Niemand kann mehr Feind des Speculationsschwindels und der Agiotage fein, als Schreiber Dieses; Niemand verkennt weniger die Schattenseiten dieser neuen, mächtigen Entwickelung, von der wir sprechen, sowohl in sittlicher, als materieller Hinsicht. Aber da solche von keiner neuen Phase der menschlichen Gesellschaft getrennt bleiben, da immer, wenn der Organismus der menschlichen Gesellschaft neue Glieder ansetzt , ältere dadurch benachteiligt werden, und alle dem neuen Ansatz erst nachwachsen müssen, so können wir jene Nachtheile bedauern, ohne den Werth der neuen Erscheinung zu verkennen und zu vermindern. Wir brauchen nun nicht erst auszuführen, daß dieses neue kolossale Banquierthum, diese neue Entwickelung^ des großen Capttalverkehrs vorzugsweise von den Juden erfunden und ins Werk gesetzt worden ist, daß seine bedeutendsten Träger Juden waren und sind. Man beneide und begeifere sie darum nicht. Lag auch hier der Ursprung nur in der Ausschließung und dem Drucke, den man gegen sie ein Jahrtausend hindurch geübt, so haben sie andererseits auch jene Nachtheile, welche, wir oben angedeutet haben, vorzugsweise selbst zu tragen , ja, wir möchten behaupten, diese Nachtheile sind für sie im Ganzen viel größer, als die Vortheile, die ein Theil von ihnen daraus zieht; sie sind auch hierin zum Theil das Opfer für die ganze menschliche Gesellschaft. Es genüge Dieses, um zu erweisen, daß die industrielle Mission der Juden bis heute noch nicht erschöpft, und ein so wesentlicher Inhalt ihrer Existenz ist, daß die nähere Betrachtung derselben fortan aus ihrer Geschichte nicht mehr entfernt bleiben kann.— Wir haben aber im Anfänge dieses Artikels gesagt, daß auch dieses industrielle Werk, welches den Juden im Beginn des Mittelalters wie im Beginn der neuern Zeit zu vollbringen oblag, dennoch den Inhalt ihres geschichtlichen.Lebens nicht erschöpft, sondern nur einen Theil ihrer socialen Aufgabe ausmacht. Wir befinden uns hier auf bekanntem Gebiete und brauchen daher nur kurze Andeutungen zu geben. Das gefammte Mittelalter hat zum eigentlichen Kennzeichen seines Lebens die Ausschließlichkeit. Religion, Nationalität, Abstammung, Stand, Gewerbe, Alles war ausschließlich, und zersetzte die Gesellschaft in kleine und kleinste Gruppen. Zur alleruntersten derselben wurden die Juden gemacht, und keine Ausschließung konnte der. mittelalterliche Witz erfinden, zu welcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.