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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-07-23 · Heft 30 (23.7.1861) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 30 (23.7.1861)
Date
1861-07-23
Page
Seite 434 (sequence 12)
Language
German
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434 aber auch er zuckte mit den Achseln und gab der Unglücklichen eine sehr wenig Hoffnung machende Antwort. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde jener Stadt hat jedoch den Beschluß gefaßt, die Sache der Beraubten zur eigenen zu machen und sie an die höchsten Behörden zu bringen. - Warschau, 5. Juli. (Privatmitth.) Seit vielen Jahren bemühte Man sich hier um die Concession zu einem jüdischen Zeitungsorgan; doch unter Herrn v. Muchanow sind alle desfallsigen Gesuche abschäglich beschieden worden, obwohl von den verschiedensten.Seiten her die verschiedensten Projecte vorgestellt wurden, die alle die Verbreitung der Civilisation unter den Juden Polens zum Zwecke hatten. Die Einen wollten eine hebräische Zeitschrift, die Andern eine polnische, wieder Andere eine gemischte; doch es herrschte bisher der Grundsatz: „Je weniger Literatur, desto besser"; und ferner wollte man dem Judenthume keine Stellung im Lande verleihen, die wie eine Art Gleichberechtigung aussehen könnte. Daß unser . jetziger Cultus-Director, Markgraf v. Wielopolski, auch in Bezug auf die sociale Stellung der Juden von ganz andern Gesichtspunkten ausgeht, als sein Vorgänger, davon legt unrer vielem Andern auch die unverzügliche Ertheilung der Concession zu einem jüdischen Organ Zeugniß ab. Ihr geschätztes Blatt hat von Anfang an die hiesigen Ereignisse der letzten Monate .als einen Wendepunkt in der Stellung der Juden schon äußerlich dadurch markirt, daß es den „Warschauer Vorgängen" eine besondere Rubrik zutheilte, und in der That, wie auch immer die politische Lage unseres Vaterlandes im Allgemeinen sich gestalten möge, und welche Stürme. auch die Anerkennung des Judenthums und seiner Bekenner noch zu überstehen haben wird: die Bewegung der letzten Monate bildet den Anfang einer neuen Epoche des polnischen Judenthums, eine Morgenröthe. Und eben unter diesem Titel: „Morgenröthe" (Jutrzenka) ift heute die erste Nummer des von Herrn Daniel Neufeld redigirten jüdischen Wochenblattes in polnischer Sprache erschienen. DerProspect nimmt zu seinem Motto: Jes. 57, 19., „Friede, Friede mit dem.Fremden wie.mit dem Nähen", und erklärt die Tendenz des Blattes dahin: conservativ zu sein in allen rein religiösen Fragen; da aber, wo es um die Anforderungen der Zeit und, des Landes gehen werde, dessen Wohl von der Civilisation aller seiner Einwohner abhänge, dem Fortschritte^ das, Wort zu reden. „ Das Streben der Morgenröthe", fährt der Prospect fort, „wird darum vor Allem darauf gerichtet sein, eine richtige, gesunde Anschauung über die Verhältnisse der Juden Polens zu verbreiten ... . ., ihr Hauptziel aber die Unterstützung und Entwickelung der productiven Kräfte der Israeliten in Wissenschaften und Künsten, in Handel und Industrie, in Handwerken und Ackerbau, damit diese Kräfte nicht einerseits in Unthätigkeit verwesen, und andererseits durch eine Concurrenz sich gegenseitig aufheben, die weder den Israeliten, noch dem Lande Nutzen bringt, damit vielmehr alle diese verschiedenartigen Kräfte zum größtmöglichen Nutzen für das Wohl der Gesammtheit ausgebeutet würden." , Wenn man weiß, in welchem Elend die Juden Polens zumeist eben dadurch leben, daß sie ihre Geisteskräfte praktisch anwenden und verwerthen theils nicht wollen, theils nicht können, so wird man es der „Morgenröthe" Dank wissen, daß sie dieses Ziel sich gesetzt hat. Möge sie es nie aus dem Auge verlieren, obwohl wir wissen, daß es .hier, wo Hunderte von neuen Fragen jeden Tag sich aufwerfen, wo Schule, Synagoge, Familie) Vereinswesen, kurz Alles brach liegt, oder im ersten Stadium der Entwickelung begriffen, ist, nicht leicht ist, ein Ziel beständig im Auge zu behalten. Im Leitartikel benutzt die „Morgenröthe" die zwar vielfach schon angewandte, aber für unsere hiesigen Zustände besonders passende biblische Erzählung vom Patriarchen Jakob, der, als die Morgenröthe qufging, siegreich zwar, doch hinkend aus dem Kampfe hervorging und seinen Gegner aufforderte, ihn zu segnen. „Ich lasse dich, nicht, sagt Israel zu seinem ausgeföhnten Gegner, ich hänge mich an dein Herz und lasse dich nicht, bis du mir den Segen ertheilest, bis du mich aus der Erniedrigung hebest, in die dein Angriff mich hat versenkt, bis du meine Wunde und meine Verstümmelung heilest, bis du die Spuren der Unordnung in meiner Kleidung verwischest, bis du mich deine Sprache sprechen lehrest, die lauter und tiefer dir ins Herz könnte dringen, als mein stummer Schmerz." So viel über den Eröffnungsartikel. Wenn die Aufforderung der Revaction, historische Quellen und Abhandlungen, die Juden in Polen betreffend , ihr einzusenden, Gehör findet, so kann die „Morgenröthe" mit der Zeit auch eine hohe Bedeutung in der Wissenschaft des Judenthums erlangen.

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