Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1861)
- Date
- 1861-07-23
- Page
- Seite 433 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226256-3226287--19611-3248636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
433 warm fühlenden Schulvorstehers Herrn Isaak Spitzer die armen Schüler; sogar mit den Instrumenten versorgt werden, so wie sie alljährlich durch seine aufopfernde Mühe: bekleidet werden. — Die Erfolge dieses so systematisch durchgreifenden Unterrichtsplanes sind so groß, daß unter den 40 hiesigen jüdischen Gymnasiasten 25 Studirende dem Talmudstudium mit größerem oder geringerem Eifer obliegen, und daß sie nach durchgemachten Lateinstudium, während welcher Zeit sie als Religionsgegenstand die ganze Bibel nebst der jüdischen Literaturgeschichte bei dem Religionsprofeffor Herrn IW. M. Eisler durchgenommen haben, für jedes Seminar die volle Reife. haben, wie schon Mehrere z. B. das Breslauer bezogen. -—Nun erlauben Sie mir noch eine erfreuliche Thatsache zu melden. Die hiesige Talmud-Thora-Anstalt sieht nämlich durch das Streben des nur für die Schule lebenden Schulvorsteherö Herrn Isaak Spitzer einer gänzlichm Reorganisation entgegen. In derselben wurden bisher einige der Schule entwachsene Jünglinge ausschließlich im Talmud unterrichtet. Durch das must^hafte edle Zusammenwirken des Schulvorstandes und Direktors werden die Schüler der Anstalt auch den Bibelunterricht fortsetzen, und die zwei ersten Gymnasialclassen durchmachen. Hierbei übernimmt der hochgeehrte Herr Direktorden unentgeltlichen Unterricht im Latein, so wie im Hebräischen; der Schulvorstand läßt dir Schüler/nach zwei Jahren zur Prüfung stellen und zahlt für die Armen die nicht unbedeutenden Prüfungstaren. — Bei dem Umstande, daß die hiesige Gemeinde - den Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwegen aus Neutra' zum geistlichenOberhaupte gewählt hat, können wir der Hoffnung Raum geben, daß derselbe das in der Schule angefangene, in der Talmud-Thora-Anstalt fortgesetzte Werk vollenden wird, so daß wir ohne große Opfer bald ein solches Seminar hätten, wie es jetzt in Lemberg gegründet werden soll.*) I. Plohn, Hauptschullehrer. *) Gegen diese Hoffnung haben wir nichts — wie aber die Erfüllun g sein werde, das ist eine andere Sache! Von der Lemberger Rabbinerschule wissen wir noch nichts Näheres, und zu den neuorthodoren Äabbinen haben wir einfür allemal kein Zutrauen. Ihre ganze Richtung und Situation als mit dem Doctortitel geschmückte Neuorthydore geht dahin, daß orthodore Rabbiner von altem Schrot und Korn gegen sie gehalten wahrhaft freisinnig und wirklich gebildet find. Die Redaction. Rußland. Thorn, 2. Juli. Der „Danz. Ztg." wird folgender Pendant zur Mortarageschichte gemeldet: In dem etwa drei Meilen v on hier entfernten p olnischen Grenz - städtchen Sluzewo übergab eine jüdische Mutter ihr vier Monate altes Kind einer christlichen Amme zur Pflege, weil, sie selbst hier sin Thorn) Dienst genommen hatte und ihr Kind nicht mitführen konnte. Sie durfte um so weniger Anstand nehmen, das Kind besagter Amme zu übergeben, als letztere bei einem angesehenen jüdischen Bürger wohnte, den die Mutter auch ihr Kind zu beaufsichtigen gebeten hatte. Sie zahlte das Pflegegeld pünktlich praenumerando und glaubte das Kind wohl hewahrt. Vor 14 Tagen jedoch trug die Amme das Kind im nächtlichen Dunkel zum Vicar der dortigen: katholischen Kirche und ließ es heimlich taufen. Alsbald fanden sich auch einige Glaubensgenossen der Amme, -welche ihr zur Abzahlung der Wohnungsmiethe verhalfen, so daß sie sammt dem Kinde sofort ihre Wohnung mach dem vorzugsweise von Christen bewohnten Viertel verlegen konnte. Der Hauswirth widersetzte sich der Fortnahme des seiner Obhut anvertrauten Kindes; aber der Polizeidiener bedeutete ihm, daß Ströme von Blut fließen würden, falls er nicht nachgebe. Die Mutter erhielt von dem Vorfälle Nachricht/ begab sich in Folge desselben sogleich, ihren hiesigen Dienst aufge-- bend, nach Sluzewo und forderte von der Amme ihr Kind zurück, wurde, aber mit Schlägen aus dem Hause gejagt. Die unglückliche Mutter wandte sich zunächst nach der Kreisstadt Wloclawek und sprach den dortigen Rabbiner, einen Preußen, um Unterstützung an. Dieser zeigte zunächst den Kinderraub der Kreisbehörde an und begab sich alsdann mit den Kaufleuten Marsop und Koninski zum Bischof, einem geborenen Deutschen und Priester von seltener Toleranz und Güte. Der Rabbiner und die Kaufleute nahmen sich ihrer Glaubensgenofsin aufs wärmste an; sie machten auf die Ungesetzmäßigkeit und Nichtswürdigkeit des an Letzterer verübten Actes aufmerksam; allein der Bischof erwiderte ihnen, daß es nicht in seiner Macht stände, das Geschehene rückgängig -zu.machen, und so sehr gesetzwidrig die Handlung auch sei, so wäre sie-doch andererseits als kall aooompli unwiderrufbar. Die Mutter eilte hierauf zum Naezelnik (Landrath), dem. ersten Administrativbeamten des Kreises, warf sich diesem zu Füßen und bat ihn mit Thronen, -ihr das Kind wiederzu geben, 30 * *