Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1861)
- Date
- 1861-07-23
- Page
- Seite 424 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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424 des zu erweitern versuchen, indem wir das Factum als eine wirkliche Mission, und die industrielle als eine nuM mehr iwrpartielle. Nachweisen. Ist dies für das richtige Verständniß unserer 'Geschichte und unseres ganzen Levens von großer Wichtigkeit, so erscheint es auch in polemischer Hinsicht von nicht geringer Bedeutung. Von christlicher Seite beliebt man uns seit langer Zeit und immer von Neuem zu sagen: das Judenthum sei seit 18 Jahrhunderten tobt und die Juden seien nur Schmarotzer am Leben der andern Völker. Das Erstere hat sich bereits seit einem Jahrhundert so kräftig widerlegt, daß es sich nur noch in den Schulen pietistischer Theologen, die nichts vergessen und nichts lernen, erhalten hat) das Letztere zeigt sich von Tag zu Tage nicht minder als eine gehässige Lüge, und es ist gut, daß es gerade christliche Schriftsteller sind, welche die große Bedeutung und Unentbehrlichkeit der Juden für die Völker des Mittelalters Nachweisen. Indem der Vers, den Welthandel im Mittelalter darstellen will, und als dessen ersten Träger die Juden anfieht, welche „die Nachfolger der Phönizier, für den Beginn des Mittelalters eine ähnliche Stellung imasiatisch-europäischen Verkehre einnehmen", muß er einen Blick auf die ältere Geschichte derselben werfen, um die Frage'zu beantworten: wie sie dies geworden seien? Diese Frage stellt sich eigentlich so. Nachdem die alten Hebräer vom Hirtenthum zum Bauernthum, also vom Nomadenthume zum agricolen Staate übergegangen, wie wurden sie aus letzterem zu einem Handelsvolke? An sich ist das Factum, daß sie es geworden und wie weit sie es geworden, die Hauptsache, und es kommt daher nicht viel darauf an, daß Kiesselbach das: Wie sie es geworden? richtig beantwortete. Schon in dem ersten Momente, in dem Uebergang aus dem Hirtenleben zum agricolen, irrt er sehr, indem er Alles auf Nachahmung des ägyptischen Lebens zurückführt. Er übersieht, daß schon Abraham durch den Ankauf des Erbbegräbnisses eine feste Ansiedelung beabsichtigte, daß Isaak Ackerbauer wurde, wie ihm auch 1 Mos. 26, 2. 3. befohlen wird, und mit großem Erfolge (s. das. V. 12.), daß die Verheißungen des kanaanitischen Landes, welche den Jakob nach Aegypten begleiteten und das Volk aus diesem Lande nach Kanaan führten, nichts Anderes, als das agricole Leben enthalten, so daß also die ganze Richtung des Stammes von Anfang an dahin ging, wie wir denn hier nicht abermals die vielfachen Widerlegungen wiederholen wollen, welche wir gegen diese Annahme ägyptischer Nachahmung schon so oft vorgebracht haben. Den Uebergang zum Handelsvolke will ernn seinen Keimen stuf Salömon zuAckführen, während OochDerade die ErfölgloMeit des Versuches Seitens dieses: Königs, Handelsverbindungen mit dem fernen Osten und Westen anzuknüpfen, das Gegentheil erweist. *) Mit größerem Rechte läßt der Verf. die große in Frage stehende Umwandlung von Babylon aüsgehen, indem, während innerhalb Palästinas die neue Colonie der Juden unter der persischen Oberhoheit ihre alte agricolische Verfassung mit großer Festigkeit erneuerte und bewahrte, alle außerpalästinensischen Juden in dem großen phönizischen Zwischenverkehr aufgingen, so daß „nach Alexanders verheerendem Zuge die herrenlos gewordene phönizische Handelsherrschaft gleichsam von selbst den Juden in die Hände siel." Allein bald localisirt der Verf. dieses Factum viel zu sehr. Die Ptolemäer suchten den indischen Güterzug 'durch Aegypten zu leiten, und deshalb, meint er, fanden die Juden in Alexandria die bereitwilligste Aufnahme. Jndeß ist es gewiß, daß schon Alexander eine enorme Colonie Juden nach der von ihm gegründeten Stadt versetzte und ihnen gleiche Rechte mit den Macedoniern und Griechen gab.**) Da die Ptolemäer (mit Ausnahme des Philopator) die Juden sehr begünstigten, so wuchs ihre Anzahl dort sehr an; sie begleiteten Staatsämter jeder Art, dienten in den Heeren und bisweilen standen jüdische Feldherren an der Spitze ägyptischer Armeen. Sicher ist es aber, daß „eine längere Zeit hindurch die Juden im Delta den Mittelpunkt ihrer Handelsbeziehungen hatten, welche sie, gemäß der alten Welthandelsconjunctur, von da aus, ostwärts wie westwärts, gleich den Phöniziern vor ihnen, über die Erde verzweigten." — Dieser Umstand verleitet den Verfasser wieder zu der kühnen Hypothese, „daß die heutigen Israeliten in Europa von dem zu Alexandria wohnenden jüdischen Kaufmannsstamme herzuleiten sind." Um dies zu unterstützen, nimmt er an, daß die jüdischen Einwohner von Palästina nur auf 360 Quadratmeilen 1,800,000 Menschen zählten, von denen anderthalb Millionen im römischen Kriege umgekommen sind, und 97,000 in den Kerkern zu Grunde gingen, so daß von Palästina selbst nur wenige Juden nach der Zerstörung Jerusalems ausgingen. An diesen Angaben ist Alles falsch. Palästina befaßte da- *) Der Verf. sagt hier: „Zu derselben Zeit treffen wir daher auch schon jüdische Kaufmannsinnungen in den phönizischen Städten an." Er giebt aber keine Beweise hierfür. **) S. Josephus ö. Jud. II. 21, 7. Ant, XII, 1,