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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-07-16 · Heft 29 (16.7.1861) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 29 (16.7.1861)
Date
1861-07-16
Page
Seite 413 (sequence 7)
Language
German
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418 daß er dem Juden niemals ganz anheimelt. Ich wage nun dreist zu behaupten, daß der eigentliche Choral, wie ihn die christliche Kirche hat, im jüdischen Gotteshause nie Wurzel fassen wird, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil derselbe zu eng mit den Grundanschauungen der christlichen Kirche verwachsen ist. Betrachten wir zu dem Zwecke die Grundanschauungen des Christenthums und des Judenthums. „Dem Mosaismus ist der Mensch überall das selbstständige Individuum mit vollgültigem , vollberechtigtem Dasein. Der Mosaismus fordert durchaus nicht vom- Menschen eine Entsagung seiner selbst, eine Entkleidung seiner Persönlichkeit, sondern im Gegentheil erhebt diese Persönlichkeit zu ihrem vollen Rechte."-„Zwar brachte das Christenthum aus dem Judenthume den Begriff des gottebenbildlichen Menschengeistes mit sich und ließ ihn nicht fallen; aber während der Mosaismus nur die inhärirende Möglichkeit der. Sünde im Menschen vermittelst der Sinnlichkeit anerkannte, wandelte , das Christenthum diese Möglichkeit in eine Wirklichkeit und erkannte das als Erbsünde, die der Mensch seit Adam mit fich zur Welt bringt." — (Siehe Philippsons: „Entwickelung der rel. Idee im Äudth., Chrstth. u. Islam.) — Das wäre eine der Grundanschauungen des Judenthums und des Christenthums und läßt, sich vermöge des letzten Satzes meine oben ausgesprochene Behauptung leicht darthun, während sich aus dem ersten Satze die Norm für die Art und Weise unserer Gottesverehrung ziehen läßt. Der Jude naht sich im Bewußtsein seiner Gottebenbildlichkeit frei und freudig feinem Gotte. Er weiß, daß, wenn er sündigt, die Folgen der Sünde ihn treffen, daß er aber eben so gut zur Tugend zurückkehren kann; , er weiß, „daß die Sünde nicht eine Allgemeinheit, ein Absolutes, sondern nur eine Beziehung des Individuums zu sich selbst ist." (Siehe Philippsons: „Entwickelung der rel. Idee im Judth., Chrstth. u. Islam.") Und wie er frei und freudig zu seinem Gotte tritt, ihm zu danken und ihn zu loben, so wird sich auch das, was seine Seele bewegt, frei und freudig emporschwingen. Frei und freudig soll deshalb der Ausdruck der Gottesverehrung, die. Musik der Synagoge sein; das Bewußtsein des Menschen wird sich darin spiegeln und deshalb wird sie nie ihre Zuflucht nehmen zu den lang gezogenen, einförmigen, meist düstern Tönen des Chorals, der dahinkriecht am Böden, Und dem jeder Aufschwung, jedes Aufblicken zum Himmel fremd ist. Der Mensch, der ihn zum Ausdruck seiner Gottesverehrung wählt, windet sich im Bewußtsein seiner sündigen Geburt im Staube zu den Füßen der Gottheit. Aus diesem Grunde kann sich also der Choral nie bei uns einbürgern; unsere Musik soll frei und freudig sein. Ich will damit nicht gesagt haben, daß man jede freie und freudige Melodie in die Synagoge verpflanzen soll. Die Melodie des Liedes : ),D, du lieber Augustin" ist eine sehr freudige, und doch wird sie Niemand zum Ausdruck seiner Gottesverehrung wählen und ihr einen heiligen Tert unterlegen, obgleich uns nicht allein von alten Vorsängern, sondern leider auch in vielen neueren Sammlungen von Synagogengesängen dergleichen neuerfundene Gassenhauer als Synagogenmusik aufgetischt werden. Die Synagogenmusik soll eine edle und würdige Haltung haben; sie kann lebhaft sein, aber sie soll nicht zappeln und tanzen; sie kann freudig* sein, aber sich nicht auf der Erde umherwälzen. — Deshalb fort mit jenen ehrenkitzelnden Melodien im sechszehntel Tact, die allerdings dem sinnlichen Ohre einiger Synagogenbesucher sinnlichen Genuß gewähren können, aber auf die Länge der Zeit doch zum Ueberdruß werden! Und wird man mir nicht vollkommen Recht geben, wenn ich behaupte, der musikalische Sinn des Volkes wird durch solcheSynagogen musik verderbt, während er durch edlere Gesänge emporgezogen werden kann und soll? Es giebt allerdings würdige Arbeiten auf dem Gebiete der Synagogenmusik; aber gerade diejenigen, die durch ihre Billigkeit leicht in die Hände eines Jeden gelangen können, sie bebauen meist den schlechten Geschmack, von dem ich sprach. Nach den beiden Notenseiten zu urtheilen, gehört nun das Mayer-Staab'sche Werk nicht gerade zu den schlechtesten; es bestrebt sich wenigstens einer würdiger» Haltung, kommt mir aber vor wie ein Vogel, dem man die Flügel verschnitten hat, und der vergebliche Versuche macht, sich zu erheben. Es bleibt eben beim Streben, und dieses Streben rechtfertigt die Schwächen, die ich hervorheben will, durchaus nicht. Synagogenmusik zu schreiben, ist meines Erachtens die erhabenste, würdigste, aber auch schwerste Aufgabe eines Componisten. Ein solcher muß mit einer gewissen Weihe zu Werke gehen und alle seine Kräfte dabei in Anwendung bringen, was eigentlich natürlich ist; denn sollte man sich nicht bestreben, das Schönste mit Aufbietung aller seiner Kräfte ans Licht zu fördern, wenn es gilt,

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