Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1861)
- Date
- 1861-07-09
- Page
- Seite 396 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Literarischer Wochenbericht. Magdeburg, 17. Juni. Werfen wir heute einen Blick auf die jüngsten Erzeugnisse der Homiletik, die uns vorliegen. Im Ganzen hat dieser Literaturzweig abgenommen. Je mehr jetzt gepredigt wird, desto weniger Predigten werden gedruckt, und das ist naturgemäß, denn je mehr man sie hört, desto weniger will man Predigten lesen. Die einzige uns vorliegende Sammlung von Predigten ist: „Sabbathfeier. Eine Sammlung Predigten zur Befestigung des religiösen Sinnes von Stadtrabbiner M. Prager in Mannheim. Mannheim, 1860." Aber auch diese ist nur lieferungsweise zu halben Bogen wie eine Zeitschrift erschienen. Es ist uns im Augenblicke nicht bekannt, ob sie fortgesetzt wird. Sicher aber ist sie vortrefflich. Die Predigtweise Prägers ist als sinnig und geistvoll in der Anlage wie in der Ausführung zu bezeichnen. Sie besitzt weniger Lebhaftigkeit und überraschenden Schwung, aber eine sehr gehaltvolle Innerlichkeit und eine geklarte religiöse Anschauung beseelt sie überall. Man erkennt durchweg, daß der Redner klar denkt und warm fühlt. Die Sammlung wird dahep sehr zweckmäßig zur erbaulichen Lectüre sein, während sie beim Vortrage der Unterstützung rhetorischer Kunst nicht entbehren konnte. — In ziemlicher Menge dagegen liegen uns einzelne Predigten vor: „Israels Auserwählung. Zwei Predigten am ersten und zweiten Tage des Wochenfestes 5620 gehalten zu Warschau ' von Prediger Dr. M. Jastrow. Berlin, 1860." Die Sätze, daß die Erwählung Israels zu seinem Gottesberufe eine geschichtliche Wahrheit ist, daß wir daraus aber keine Berechtigung schöpfen dürfen, uns bevorzugter zu dünken als die übrige Menschheit, und daß sich für uns niemals ein äußerlicher Vortheil daran geknüpft, werden lichtvoll und mit Begeisterung durchgeführt. — Rdsurrection d’Israel, discours pronoiicd par M. le rabbin Levy de Lund vi Ile, Saint-Nicolas 1860. Es ist dies eine Kol-Nidre- Rede von großer Begeisterung, von hinreißendem Feuer. Die Auferstehung Israels, äußerlich durch die bürgerliche Gleichstellung, innerlich durch die Entwickelung und den Sieg der religiösen Idee vollbracht, wird nach dem bekannten Terte Jechesrels in lebendigster Weise besprochen. — Zwei Reden von H. Hochheimer, Rabbiner der Oheb-Jsrael-Gemeinde zu Baltimore, 1851. Die eine ist am 4. Januar als an dem vom Präsidenten der Vereinigten Staaten anberaumten Buß- und Bettage gehalten, und spricht mit tiefem Gefühl den Schmerz jedes amerikanischen Patttoten über den damals drohenden, jetzt geschehenen Bruch der Union aus, ohne den Parteigeist in die Synagoge zu verpflanzen. Wir empfanden bei Durchlesung diese Rede den tiefen Kummer nach, welcher jetzt jedes edle Herz in jenem Lande erfüllen muß, in welchem man so sicher zu wohnen glaubte. Die zweite ist eine Tischrede über Wohlthätigkeit. — Schofarklänge, Vortrag, gehalten am Rosch Haschanoh 5621 in Chicago von B. Felsenthal, Chicago 1861. Der Verfasser, kein Geistlicher, legt in diesem Vortrage seine religiöse Ansicht mit Klarheit, Bestimmtheit und Sachkenntniß dar. Durchdrungen vom Offenbarungsglauben, das concrete Ceremoniale in seiner historischen Bedeutung erfassend, die Lehre und das Sittengesetz als das höchste Moment erkennend und dereinst in der messianischen Zeit zur. allgemeinen Herrschaft bestimmt, so spricht er die Achtung vor jeder aufrichtigen Meinung in Israel aus, jede Heuchelei, auf welcher Seite sie zu finden, verurth eilend. — Die Einwirkung des Judenthums auf die Erleuchtung und Veredlung der Menschheit. Eine Predigt am Sabbath Chanukka 5620, zu Themesvar von I. Spiegeler, Themesvar 1860. Der Redner ist in Inhalt und Form noch nicht reif geworden. Er spricht von der „absoluten Freiheit des Menschen", der „grenzenlosen Nächstenliebe", der „schrankenlosen Humanität" als Lehren des Judenthums. — „Zwei Predigten für den Versöhnungstag und das Laubhüttenfest, gehalten zu Karlsruhe von B. Willstetter, Bezirksrabbiner. Karlsruhe 1860." (Der Reinerlös ist für den Verein zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder im Großherzogthum Baden bestimmt.) Der Verfasser geht von der öfter ausgesprochenen Ansicht aus, daß die jüdische Predigt, wenn auch nicht immer, doch öfter aus den Schätzen des Midrasch schöpfen und theils zum Aufbau der Predigt verwenden, theils im Laufe der Ausführung gebrauchen soll, ferner daß sie nicht bei der allgemeinen Idee stehen bleibe, sondern sich auch in das Ceremoniale versenke, damit die Predigt selbst für die Zuhörerschaft eine concretere Gestalt erlange. Wir billigen unsererseits diese Ansicht gewiß, da wir wohl dieselbe zuerst aussprachen (1835). Allein, fügen wir hinzu, gerade diese Anlage der Predigt erfordert die besonderste Aufmerksamkeit und einen geübten Scharfblick, denn so leicht es ist, Midrasch- und Talmudstellen mit einem erfreulichen und belebenden Sinn aufzufinden, desto schwieriger ist es, über diesem Schmuck die Einfachheit, Klarheit und Regelmäßigkeit, welche nothwendig die Bedingung einer guten Predigt sind, nicht aus dem Auge zu verlieren. Auch ist es nicht zu übersehen,