Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1861)
- Date
- 1861-07-09
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226256-3226285--19571-3248594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
395 unmittelbar, und mittelbar in allen civilisirten Ländern) sie befaßt!nicht blos das Richteramt, sondern den gesammten Staatsdienst, ja die Mitwirkung in allen öffentlichen Angelegenheiten. Die Frage hat ebenso eine entschiedene Wichtigkeit von Religiöser Seite, wie von staatsrechtlicher, und wir verwahren uns ebenso energisch gegen die leichtsinnige Behandlung derselben von religiöser wie von staatsrechtlicher Seite.■ Jede Einseitigkeit muß hierin durchaus perhorrescirt werden. Wir können hierüber die Gutachten weder allein von orthodoxer, noch allein von radicaler Seite gelten lassen. Würde demnach, der Herr Justizminister, nur einzeln oder gar nur von einer gewissen Seite her Gutachten einholen, und mit diesen in der Hand und auf Grund derselben eine Entscheidung treffen: so erklären wir schon heute, daß wir vor den Landesvertretern dagegen laut protestiren würden. In einer solchen Frage thun selbst Autoritäten nichts, sondern allein die Gründe und die Gründlichkeit der Motive haben ein wesentliches Gewicht. Will also der Herr Justizminister die Rabbinen Preußens befragen, so muß dies bei allen, von Synagogenbezirken regelmäßig angestellten Rabbinen geschehen. So weit die Prämissen der Sache. , . Der Oriplt. ... ' Das in Brüssel und Konstantinopel zur Vertretung der orientalischen Interessen erscheinende Journal „Le Levant“ enthält in seinen Nummern vom 8. und 15. Juni zwei sehr beachtenswerthe Artikel: „Le juifs dans la soci6l6 moderne“ (die Juden in der modernen Gesellschaft), abgefaßt in dem wahren Geiste der Gerechtigkeit und Humanität. In der That können wir es jedem Vertreter des Orients nicht genug Dank wissen, wenn er die Sache der bürgerlichen Gleichstellung, der Versöhnung, Nationen und Confessionen das Wort führt. Sicher ist es, daß der Riß, der im Morgenlande noch durch die Menschen geht, am wenigsten durch das Schwert ausgefüllt werden kann. Das Schwert kann einen neuen Despotismus an die Stelle des alten, einen neuen Herrscher auf den Sitz des früheren, und zu seinen Füßen andere unterjochte Völkerstämme an den Platz der bisherigen bringen, aber eine Besserung der Zustände, eine Erhebung der Menschheit, eine neue Blüthe auf dem weiten fruchtbaren Boden vermag es nicht herzustellen, nur die Aufklärung und die Versöhnlichkeit sind solches im Stände, und man kann es nicht läugnen, daß die türkische Staatsregierung und alle die Männer, welche ihr jetzt nahe stehen, von diesem Geiste beseelt sind, während vom Westen und Norden her nur zu oft auf. den Fanatismus nationaler und religiöser Art im Oriente speculirt wird. -Die Juden:im Oriente befinden sich seit einer geraumen Zeit in der elendesten Lage. Sie sind zu sehr niedergetreten, verachtet und mißhandelt worden) als daß sie sich inmitten von Bevölkerungen^ welche dem Fortschritt und allem geistigen Leben fern standen, geistig aufrecht erhalten konnten.- Wo-aber staatliches und geistiges Leben zugleich entschwunden istda ist auch das materielle. Sinken unausbleiblich. Mit der Armuth aber und der materiellen Unbedeutendheit mußten die Juden des Orients nur um so tiefer in der Achtung der Völker sinken, und so trug Alles dazu bei, ihre Verhältnisse zu den traurigsten zu machen. Mit jedem Schritte gegen Osten weiter zeigt daher die jüdische Bevölkerung eine um so düsterere Gestalt Unsäglicher Jammerhaftigkeit, die zugleich nicht die Kraft in sich schließt, sich aus sich selbst zu erhebensondern durchaus der Hülse von außen und der Impulse von außen bedarf. Daß hiermit unfern Brüdern im Orient die Bildungsfähigkeit nicht abgcsprochen werden bars, dafür zeugen die wunderbaren Erfolge ihrer-Stammesgenossen im Westen , dafür zeugt überhaupt die Entschiedenheit, mit welcher sie sich trotz Alledem erhalten haben. Mit richtigem Blicke haben daher die türkischen Staatsmänner in neuerer Zeit erkannt, daß aus diesem Stoffe, so unscheinbar auch sein Aeuße« res ist,- sich noch viel machen ' läßt, und daß, dm es 'besondersin der Türkei darauf ankommt, ein' gewisses Gleichgewi ch t unter den großen Raten und Reli-t gionsparteien herzustellen- und nur auf Grund eines solchen Gleichgewichts eindauerhafter Friede gewonnen und ein blutiger Vernichtungskampf verhindert werden könnedie zu neuem Leben erwachten Juden einen sehr wichtigen Factor abgeben würden. - Von diesem Standpunkte aus hegen' wir — denn die bloße Sentimentalität gilt in der Politik nichts, und auch die Humanität hat erst bei sehr vorgeschrittenem Culturleben einen Einstuß — reelle Hoffnungen für die Besserung' jüdischer Zustande im Morgenlande. Von diesem Standpunkte aus müssen wir daher, so weit unsere Stimme daräuff einest Einstuß zu üben vermag, unsere orientalischen Btüder auffordern, sich auftichtig und nachhaltig der türkischest Regierung anzuschließen, wohl wissend, daß eine griechische Obherrschaft für sie unrettbar das Verderben sein würde. ■ 28*