Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1861)
- Date
- 1861-07-02
- Page
- Seite 387 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226256-3226284--19562-3248584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
387 der Schandrede Raphael's ohne mein Vorwiffen einen Auszug aus einer kurz vorher im „Sinai" gegebenen Predigt brachte, welche oht^MÜL Anspielung auf unsere politischen Vorgänge^iMWWMe Ebenbildlichkeit aller Menschen ohne^^^^« der Abstammung scharf betonte, damit ^^^Wrere Juden zu der öffentlichen Erklärung aufzr^Myeln, „daß sie nicht zu der Gemeinde dieses abolitionistischen Predigers gehörten," ein Versuch, der um so schändlicher erscheint, als das genannte New-Porker Blatt in Baltimore kaum gelesen wird und somit einer solchen Erklärung nicht etwa Furcht, sondern ausschließlich die boßhafte Absicht zu Grunde liegen konnte, die öffentliche Aufmerksamkeit auf meine Anti-Sclaverei- Gesinnung erst zu lenken und mir einen Mob auf den Hals zu hetzen! Anstatt mich aber von solcher Boßheit einschüchtern zu lassen, beging ich noch obendrein das furchtbare Verbrechen, im Februarhefte dieser Monatsschrift das Judenthum als rein von dem Schandflecke darzustellen, den ihm der große Rabbi von New-Aork zu Jubel der jüdischen Sclaven- oder Stockhalter anheftete, indem er in ächt jesuitischem Pathos den Gott Israels als den Gott der Sklaverei ankündigte und die Ueberzeugung von der Unheiligkeit des südlichen Instituts geradezu für Ketzerei ausgab. Ich wußte es wohl, daß dies die Wuth meiner persönlichen Feinde bis zum höchsten Grade steigern wird und war keineswegs überrascht, zu hören, daß gegen ein Mitglied meiner Gemeinde in Bezug auf meine betreffende Entgegnung die Aeußerung fiel: „nur ein Gaffenbube könnte so schreiben!" Allein ich konnte und durfte zu einer solchen Schändung des JudenthumS nicht schweigen, was auch immer daraus folgen mochte, und fuhr daher fort, so oft sich mir die Gelegenheit dazu darbot, im „Sinai" und auf der Kanzel die sittliche Majestät nachzuweisen, die das mosaische Princip auch in diesem Punkte bewährt, sowie die Unsittlichkeit jener „Schwarzfärber," die die Kunst verstehen wollen, das reine Gotteslicht selber „schwarz zu färben." Ich war hierzu um so mehr verpflichtet, als in meiner Gemeinde selbst Einige sich befanden, die von den „8outhern right»" mit Begeisterung sprachen, die „Schwarzrepublikaner" in die unterste Hölle verdammten und den „Schwarzfärber" in den Himmel hoben. Daß mein Verfahren, ohne der Wahrheit das Geringste zu vergeben, dennoch mit Besonnenheit sich paarte, beweist für jeden Unbefangenen eben so wohl die Art und Weise, wie die betreffende Kritik der Raphael'schen Rede die schwebende Tagesfrage definirte, sowie der Umstand, daß das Anerbieten eines Rew-Aorker Freundes, die Kritik englisch Ln der „Tribüne" erscheinen zu lassen, meinerseits entschieden abgelehnt wurde, während mjr die Aufnahme von Seiten des damals südlich gefärbten „Herald" allerdings erwünscht gewesen wäre. Offen dagegen sprach ich gegen Freunde und Bekannte den Entschluß aus, daß mir, falls Maryland aus der Union treten sollte, keine andere Wahl bliebe, als meinen Posten in Baltimore niederzulegen, indem selbst in Rußland und Oesterreich die freie Rede eher geduldet werden könnte, als in einem ausgetretenen Sclavenstaate. So standen die Sachen, als am 19. April die Revolution in Baltimore ausbrach und die Stadt urplötzlich unter die Schreckensherrschaft eines wuth entbrannten Mob brachte, der sich sofort anschickte, nach Herzenslust zu morden, zu sengen und zu brennen, mißliebige Häuser und Pressen zu zerstören und wegen ihrer Unionliebe oder gar „schwarzrepublikanischen" Gesinnung verdächtige Bürger aus dem Wege zu räumen. Sofort faßte ich den Entschluß-, meine Familie und Habe nach 4—5 Tagen von da nach Philadelphia zu bringen, selbst aber augenblicklich zu meinem Posten zurückzukehren und den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten, ja, die Stadt überhaupt nicht zu verlassen, wenn es mir gelingen sollte einen andern sichern Begleiter für Weib und Kinder zu finden. Da kamen am folgenden Tage zwei hervorragende Mitglieder meiner Gemeinde in mein Haus mit einer Miene, welche die schwerste Angst nicht verhehlen konnte, und drangen in mich, die Stadt so rasch als nur möglich zu verlassen, da ich, allgemein identificirt mit dem Editor eines „schwarzrepublikanischen" Blattes, dessen Presse in der That an demselben Tage noch zerstört wurde, persönlich bedroht wäre. Auf meine Entgegnung: mich auf solche Weise unmöglich von meinem Posten entfernen zu können, ward mir die Versicherung gegeben, .daß meine Gemeinde mich ersuchen ließe, vorläufig abzureisen, und zur rechten Zeit wieder zurückrufen werde. Später ließ mir ein Soldat wiederholt dieselbe dringende Warnung zugehen und am 21. April Abends kamen mehrere befreundete junge Männer bewaffnet in mein Haus, um mich und weine Familie die Nacht hindurch gegen etwaige Angriffe möglichst 27**