Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1861)
- Date
- 1861-06-11
- Page
- Seite 337 (sequence 3)
- Language
- German
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m erbittlich wesentliche Veränderungen nach sich ziehen. Zu gleicher Zeit wurde auch für das Judenlhum die Fackel der Geschichte angezündet, - die, zwar niemals ganz-erloschen-,- doch - bis - zum Anfang dieses Jahrhunderts nur einem kleinen, kaum bemerkten und nur germgen Schimmer um sich werfenden Lämpchen glich. Sie stellte unwiderstehlich ins Licht, daß auch das Judenthum 'in seiner concreten Erscheinung schon mehrfache Phasen durchgemacht, die, auf dem ewigen Grunde des Mosaismus ruhend, dennoch von den Bedingungen der großen geschichtlichen Krisen eine sehr verschiedenartige Gestaltung erhielten. Es wurde demnach erkannt, daß das Wesen des Judenthums durchaus nicht die unveränderliche Beharrlichkeit in allen Formen, welche die stabile Orthodoxie so gern, so heftig, so verketzernd für das Wesen des Judenthums ausgiebt, sondern vielmehr die geschichtliche Entwicklung sei, welche nach den großen Umwandlungen in der Lage des .jüdischen Stammes während großer Zeiträume den ewigen Inhalt verschiedentlich verarbeitet und nach den Bedingungen des Lebens zur Gestaltung bringt. — Mehr oder weniger bewußt oder unbewußt ist dies die Grundlage der Ungeheuern Mehrzahl der jüdischen Gemeinden in der Gegenwart, und während man daher eine überstürzende Refornr zurückweist, bewegt man sich hier etwas langsamer, dort etwas schneller von der Basis der stabilen Orthodorie hinweg. Der Jude, wie der Mensch überhaupt, wurzelt in der Vergangenheit, strebt aber: in die Zukunft hinaus; er darf nicht, jene Wurzel abschneiden, ohne in die Luft zu verflackern; -er darf aber auch nicht am Boden kriechen und seine Aeste und Wipfel an die dürre Felswand kleben. -r- Die Gemeinden wollen daher schon von. vorn herein weder einen -extremen Reformernoch einen, extremen Orthodoxen zum Rabbiner haben, und mit geringer Ausnahme wird es nur durch Jntrigue einem solchen gelingen, eine Stellung, zu gewinnen. Ich verlange daher von einem Jeden, der ein geistliches Lchramt in Israel - übernimmt, daß er von vornherein der Gemeinde sich, in seiner Ueberzeügung,; im Charakter seiner Ansichten und seines.Thuns zu erkennen giebt, so daß jene wohl weiß , woran sie mit ihm ist, daß er aber, dann -; von diesem Standpunkte aus die ganze - Gemeinde mit Liebe umfasse-,'duldsam gegen Alle-verfahre, im Detail nach keiner Seite hin fanatisch verfahre, und so, ohne i seiner Ueberzeügung untreu zu werden-, sich zum geistigen Mittehmnkte der Gemeinde mache. Iw der Dhat, wenn M den Rabbinen die Forderung -einer ernsten: nnd gewissenhaften Ueberzeügung gestellt werden kann und muß : hat derselbe doch nicht zu vergessen, daß auch die Mitglieder seiner Gemeinde das Recht einer Ueberzeügung haben, und daß, so wie wir von jedem Mitgliede der Gemeinde verlangen können und müssen, daß es trotz seiner Individualität sich der Gesammtheit eingliedere und nicht verlangen dürfe, seine Ansicht zur allein geltenden zu machen, auch der Rabbiner nicht das Recht habe, die Gemeinde seiner Ansicht zu unterwerfen und sie nach seiner Ueberzeügung in ihrem cultuellen Leben zu beherrschen und zu gestalten. Ich glaube, lieber F., daß, wenn wir uns dies recht deutlich machen, Vieles von der schiefen Stellung und den Schwierigkeiten verschwindet, in welche gegenwärtig der geistliche Lehrer der Gemeinden hineingezogen scheint. Es ist nicht blos um des lieben Friedens willen, es ist auch nicht etwa als eine Schwäche zu bezeichnen , wenn er weder nach der einen noch nach der -andern Seite hin mit strenger Konsequenz zu wirken und zu verfahren vermeidet. Es muß sich Alles aus dem Innern der Gemeinde selbst organisch machen und entwickeln; darauf Einstuß zu üben durch Lehre, Beispiel und Ansehn ist Sache des Rabbinen, zur rechten Zeit das Bedürfniß zu erkennen und ihm den angemessenen Ausdruck zu geben, mehr aber nicht. Ich glaube auchdies ist genug, und es sei eine völlige Verkennung seiner Pflichten und Rechte, wenn der Rabbiner irgend Etwas zu erzwingen- und durch irgend welche Mittel der Gemeinde anfzunöthigen sucht. Sie sehen sicherlich ein, lieber F., daß ich dem Rabbiner oder Lehrer jede Liebedienerei, jedes Buhlen um die Gunst der Menge, oder um die Gunst einiger Personen, welche durch ihre Stellung und ihre Jntriguen sich zu Führern in der Gemeinde aufgeworfensehr verarge. Auch irren sich die jüngeren Geistlichen gar sehr, wenn sie glauben, durch zur Schautragen einer Uebung der strengsten Orthodoxie die Gemeinde zu täuschen: Aber> eben so wenig ist eine sogenannte Confequenzmacherei am Platze, und die Rücksichtnahme auf die vorwiegenden Elemente der Gemeinde muß eine Regel des Geistlichen sein. Wenn ich aber von vorwiegenden Elementen spreche, so ist es nicht die Kopfzahl, die ich hierunter verstehe , sondern vielmehr das Leben, die Thei'lnahme, die Energie, welche die Mitglieder der Gemeinde in religiöser Btzichung beseelen. Der Geistliche muß die Vergangenheit der Gemeinde berücksichtigendie Gegenwartderselben - zuseinem -Boden machen, und-ihre Zukunft voxbereiten. Dies; sind die -drei Momente, die er wederaußer Augen lassen, - noch umkehren darf» Mmtndem dr keines dieser drei vernachlässigt, wird er eine ge- 24*