Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1861)
- Date
- 1861-06-11
- Page
- Seite 336 (sequence 2)
- Language
- German
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.MM-ckE x&% geraden Linie zu durchreisen. Er verwandte zwanzig Jahre, eine Million Lstr., Hunderte, von Menschen, Ne ihn hier hinaüfwinden, dort hinablassen u.,s?w. mußten, und blieb am Ende in einer Eisspalta am Schreckhorn stecken, aus welcher er nur als Leiche mit unsäglicher Mühe herausgeschafft werden konnte. Auch das Leben der Menschen ist zu solcher Höhen- und Schluchtenreichen Fläche geworden, wo das Geradeausgehen oft zur Unmöglichkeit .wird. .Es tritt ein lasterhäfter Mensch zu Ihnen ins Zimmer, und Sie haben, wenn auch Geistlicher, doch weder das Recht noch die Pflicht, ihn als Schurken zu.begrüßen,, sondern müssen, wollen Sie als Seelsorger auf ihn wirkenihn in ganz anderer Weise angreifen. Nimmt eine von ihrem Ehemanne mit vielfachen Kränkungen mißhandelte -Frau! ihre.Zuflucht zu Ihnen, so dürfen Sie. Jenen nicht, als-, bald mit all den. Vorwürfen überhäufen, die den Anschuldigungen des Weibes gleichlauten, sondern um ihn zu beeinflussen, müssen Sie sein Vertrauen gewinnen, in die Motive, an denen es ihm auch nicht fehlen wird, eingehen, und dann erst sein Herz zu treffen suchen. Wie oft muß der Geistliche sich die Regel des erfahrenen Hirten zur Richtschnur nehmen, der auseinander laufenden Herde nicht Steine oder gar seinen Hirtenstab nachzuwerfen, sondern sie mit seinen mildesten Tönen zurückzulocken, bis er sie wieder um sich versammelt hat, wo dann auch das Strafwort nicht auszubleiben braucht. Wenn daher auch jene beiden oben erwähnten. Grundsätze ihre Wahrheit und Richtigkeit für immer behalten, so können wir sie doch nur in ihrer Allgemeinheit als Leitsterne betrachten- -und gerade dies macht die Beantwortung Ihrer Frage so schwierig. Die Zeit der Uniformität auf dem Gebiete des Glaubens ist längst vorüber; jene unbedingte Hingebung an dengeschriebenen Buchstaben, jener unerschütterte Autoritätsglaube an die todten, und deren Ausleger, die lebenden Lehrer der Religion ist geschwunden. In alter Zeit fand hier nur der einzige Unterschied statt, wie viel oder wie wenig, wie viel mehr oder wie viel weniger der Eine und der Andere vom-Gesetze wisse, in der Ausübung stimmten Alle überein. Seitdem dies nicht mehr der Fall ist, kommt es bei jedem Einzelnen auf die Eomplication der Erziehung, Bildung, Geistesanlagen^ Geschicke und Lebenserfahrungen, des Beispiels und der bestimmenden Verhältnisse an, um ihm eine sehr verschiedene religiöse Anschaüung und Ausübung zu erwirken. Treten wir daher gegenwärtig an irgend eine jüdische Gemeinde-heran, so finden wir in ihr im Großen und Kleinen , im Ganzen und Einzelnen den Zusammenfluß der mannigfaltigsten, ja entgegengesetztesten Richtungen; der Geist der Gemeinde stimmt dabeimit denB Denken und^ Thun^der>Einzelnen als Solcher noch garMicht überein,- ja' das Denken.und das Thun des Einzelnen steht oft mit sich selbst in 'grellem Widerspruche. Wie oft treffen wir eine Gemeinde, deren Haltung eine sogenannte orthodore ist, und dennoch entspricht..dieser'hie Mehrzahl der Einzeln ennicht. Und so' auch umgekehrt. Gerade "in Gemeinden, die als die stabilsten .bekannt sind, findet sich gewöhnlich auch der Gegensatz aufs Schärfste ausgeprägt, weil eben alle Vermittelung fehlt, und' einige Gemeinden sind geradezu in zwei Lager getheilt. In solche Zustände tritt nun der jüngere Rabbine hiüeirt, und da stellt sich ihm die gewiß schwie- -rige.Fragezur,ernstesten.und,.gewissenhaftesten Erwägung: welche Stellung habe , ich einzunehmen und möglichst zu behaupten? - ' Indessen sind diese Schwierigkeiten nicht so groß, daß sie nicht gelöst werden könnten. Unterstützen wir nur unsere beiden Hauptsätze.-durch die; richtigen Untersätze. Vor Allem -mußich" den Satz aüfstellen: d er ^R äb hiwer-ist um der Gemeinde willen da, nicht aber die Gemeinde um,des Rabbiners willen. Mag also inr Schoße der Gemeinde noch so viel Verschiedenartigkeit stattfinden, der geistliche Lehrer als-solcher ist für Alle da, für -Niemanden ausschließlich^ Um es daher kürz auszudrücken: de r Rabbiner muß ern Mann von Ueberz eUgung, aber kein Mann einer Partei sein. Es giebt wohl gegenwärtig von dieffeit der Weichsel , an nur wenige Gemeinden, deren wesentlicher Charakter die'stü b il e Orthodorie ist, noch wenigere, .wo eine bis an.den Umsturz grenzende Reform ihren Sitz aufgeschlagen. Die große Umw andlung, ' w elche' durch den U^bdrgäüg des jüdischen - Stammes in das allgemeine Culturleben für ihn und in ihm borgegangen, und welche, ich behaupte-es abermals, nicht das Werk Einzelner, nicht Mendelssohnsnicht seiner Jünger^ nicht einiger Reformrabbiner, welche ja selbst erst Erzeugniß jener Umwandlung sind, sondern das > Werk der göttlichen Vorsehung, so gut' Wiel die, Zerstörung-Jerusalems und der dadurch bewirkte- Uebergang des jüdischen Stammes in die Mitte rer Völker Werk der-göttlichenVorsehung war, diese Umwandlung, unausbleiblich,, nicht'gemacht, und noch heute selbst von den orthodoxesten Eltern, die ihre Kinder in die.' Schulen schicken/ gefordert/- ist bereits überall anerkannt, und hat in-das Bewußtsein 'gebracht, daß mit ihr auch, für das eultuelle-Leben nach allen Richtungen - hin- Bedingungen wetbünden-rsind- "welche un-