Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1861)
- Date
- 1861-05-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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i „Der ungarische Landtag vom Jahre 1849 zu Szegedin wollte zwar die Versäumnisse der Legislatur vom Jahre 1848 wieder nachholen, aber wir hatten bereits damals zu unsrem eignen Schaden die Gefahr des Zuspät, die erfolglose Wirkung verspäteter Gewährungen genugsam erfahren. „Es iss wahrhaft ärgerlich, daß in unsrem Vaterlande noch heute der befähigteste Rechtsgelehrte, der scharffinnigste Publicist, der genialste Dichter, der fachkundigste Bankier, Fabrikant, Advocat, Arzt rc., sobald er Jude ist, kein Wahlrecht besitzt, nicht das kleinste Amt bekleiden darf, während dieselben nicht blos in Frankreich und England für die höchsten Stellen befähigt sind — sder Jude Cremieur war z. B. während der französischen Republik vom Jahre 1848 Minister) — sondern selbst in Wien wurde erst jüngst ein jüdischer Zeitungsredacteur zum Landtagsdeputirten gewählt (Herr Kuranda), sowie auch in Polen der hohe Adel mit den Juden fraternisirt.— Wundern wir uns daher nicht, daß das Ausland, wahrnehmend, wie "sehr wir uns in dieser Hinsicht von allen Völkern der civilisirten Welt überflügeln lassen — an unsrer politischen Reife, unsrem Freisinn und unsrer religiösen Toleranz zu zweifeln beginnt. — Ja, auch jene Thatsachen, welche von diesen unfern Nationaleigenschaften Zeugnis ablegen sollen, werden in Zweifel gezogen; unsre Reden für die großen Principien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fängt man bereits an als bloße leere täuschende Phrasen zu halten, und so erkaltet auch für uns die Sympathie der öffentlichen Meinung Europa's. „Es beeile sich daher der ungarische Landtag, diesen ärgerlichen Anachronismus in unsrem Vaterlande aufhören zu lassen; dieses versteinerte Ueberbleibsel des mittelalterlichen Aberglaubens und der Intoleranz, welches so häßlich aus unfern von Freisinn, Billigkeit und religiöser Duldsamkeit dictirten Gesetzen herauswinselt. Könnten wir nur schon die Erinnerung dessen verwischen, daß in Ungarn im Jahre 1861 ein Jude des Glaubens wegen rechtlos war. Unsre Nachkommen werden dies so staunend, zweifelnd und erröthend anhören, so wie wir nunmehr kaum glauben können, daß noch im vorigen Jahrhunderte zu Szegedin Heren verbrannt wurden. Wollen wir daher nicht diese durch Gerechtigkeit und Billigkeit, durch den Zeitgeist und unser eigenes Interesse gebotene Anordnung an solche .erschwerende und hinausschiebende Bedingungen knüpfen, in denen die öffentliche Meinung Europa's blos die Vorwände des Vertagens und endlichen Fallenlaffens erblicken würde. „Wenn der Landtag, was auch übrigens unmöglich ist, diesen Schandfleck aus unfern Gesetzen nicht auslöschen würde; wenn derselbe durch Vertagung das Aufhören dieser schmachvollen Anomalie verzögern würde; wenn im Falle der vor der Zeit stattfindenden Auflösung desselben dieses Üebel, diese Rechtsverletzung ungeheilt bliebe: — so würde er! durch dieses Versäumniß uns nicht nur der uns so nöthigen Stütze der öffentlichen Meinung Europa's und der Sympathie der civilisirten Völker berauben, dies wäre für uns noch ein härterer Schlag; es würde derselbe sowohl sich wie auch die Nation, welche er vertritt, zum Gegenstände des Hohnes und Gelächters vor der ganzen Welt machem „Aber was sage ich, es ist'unmöglich! Unsre Deputirten sind tiefer durchdrungen von dem Gefühle dessen, was sie der Zeit und dem Geiste unsrer eignen Gesetze schuldig^ sind, als daß wir von dem Landtage und durch ihn von unsrer Nation eine solche Schande befürchten sollten. Ich zweifle nicht daran, daß der Landtag ebenso zuvorkommend und nachgiebig in den Fragen des Fortschrittes, wie fest und unerschütterlich in den Fragen des Gemeinrechtes und der Constitution sein'wird. Ich sprach über diesen Gegenstand nicht darum, und zwar schärfer und derber als sonst, um auf die. Glieder des Landtages, dort wo es sich um eine Frage des Fortschritts handelt, einen Einfluß auszuüben, sondern weil ich auf die Meinung des größer» Publicums und auf die Menge der auf verschiedenen Stufen der Bildung stehenden Wähler einwirken will. Ich will die öffentliche Meinung auf die unumgänglich nöthigen Reformen vorbereiten und, so weit es meine geringen Fähigkeiten gestatten, die etwaige Befangenheit eines Theiles der Wähler mit der aufgeklärten Ueberzeugung der Repräsentanten derselben in Ausgleichung bringen." — So weit Herr von LukLcs. Daß ich die Mühe nicht scheute, diesen Artikel auch dem deutschen Lesepublicüm zugänglich zu machen, ist ein Beweis, wie sehr ich denselben im jetzigen Augenblicke für wichtig halte. Möge jedoch Herr von LukLcs mit den andern Ehrenmännern> welche für uns in die Schranken treten, nicht allzu sanguinisch unfern Sieg auf dem Landtage für so leicht halten. Der größere und allenfalls der intelligentere Theil der Deputaten sind die nämlichen, welche im Jahre 1848 die Judenfrage fallen ließen, um nicht der öffentlichen Meinung des Pöbels vor den Kopf zu stoßen; und daß die Judenfrage unpopulär sei, gesteht Herr von LukLcs sowohl im Beginne, wie zum Schluffe seines Auf-