Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1861)
- Date
- 1861-05-07
- Page
- Seite 265 (sequence 7)
- Language
- German
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dürfen wir uns doch Manches nehmen. Vor einigen Jahren sprach sich ein hochgestellter Aristokrat in einer Gesellschaft von Standesgenossen dahin aus,.daß nach seiner Meinung der Mensch nur vom Barone anfange. Man machte sich damals allgemein lustig über diesen naiven Einfall eines aristokratischen Adamssohnes^ Der Herr Graf Karolyi hat eine zeitgemäßere Scala entworfen und ausgestellt: der Mensch nämlich fange erst mit 10,000 Fl. im- Sacke an. — Sie sehen, auch die ahnenstolze Aristokratie ist.von der Strömung der Zeit ergriffen, und muß dem Materialismus Eoncessionen machen, ja sogar den Anforderungen des Geldadels der sechsten, oder wenn Sie wollen, -der siebenten Großmacht Rechnung tragen. Freilich ist der Herr Graf K. in Betreff des ungarischen Idioms und des ,-aus einer Schussel Essens" etwas zu difficil; aber das ist nur eine Marotte, die man vielleicht bei der zweiten Scala mit 20,000 Fl. in der Tasche nicht mehr nö.thig zu haben scheint. Doch wir wollen nicht vorwitzig sein und wollen ruhig die weitern Eröffnungen und Emancipationsideen abwarten. Oph. Aus Südungarn, 23. April. Am 16. u. 17. d. hielten, wie der Magy. Orß. berichtet, die zahlreich hier versammelten Abgeordneten sämmtlicher Israeliten Ungarns eine Verathung über die in der Emancipationsfrage zu thuenden Schritte Und wurde der Beschluß gefaßt: keine Petition an den Landtag zu richten. Die Motive dieses Beschlusses werden nächstens in einer Denkschrift veröffentlicht werden. — Wir haben blos dagegen zu bemerken, daß sämmtliche Gemeinden nicht vertreten waren, da von 23 Comitaten und 5 Freistädten die Versammlung gar nicht beschickt wurde. Ein Schreiben aus S. A. Ujhely theilt mit, daß Seitens der Gemeinde ein Comits aus 10 Mitgliedern ernannt wurde/dem die Aufgabe ward, einen Protest in Form eines offenen Briefs an alle jüdischen Gemeinden Ungarns gegen das Gebühren der Repräsentanten sämmtlicher ungarischer Juden zu richten, in welchem gegen die bisherigen' Schritte, welche die Repräsentanten im Namen sämmtlicher Gemeinden Ungarns unternahmen, zu protestiren sei, die Gemeinden zu einer ähnlichen Erklärung aufzufordern, und diejenigen, welche Deputirte geschickt, anzugehen seien, selbige zurückzuberufen. Schließlich wurde der- Vorschlag gemacht, in der Emancipationsfrage nicht einseitig vorzugehen und selbige den Vertretern der ungarischen Nation um so mehr zu überlassen, nachdem die hochherzigen Vertreter zuversichtlich nichts Halbes bieten werden. — Was nun unsere, der Redaction d. Bl., Meinung'betrifft,' so halten wir dafür, daß diese letzten Kund^ gebungen dennoch zu Gunsten unserer Angelegenheit ausfallen werden. Im In - und Auslände ist durch das schreiende Unrecht, welches man den Israeliten Ungarns anzuthun vorhat, ist durch die einschneidende Verletzung der Gewissensfreiheit, welche; man zur Grundlage des neuen Ungarns machen will, Alles, was an dem'öffentlichen Leben Theil nimmt, aufgerüttelt worden; man muß sich entschließen , Partei zu nehmen, um endlich über die hohle Phrase hinauszukommcn. Die Emancipationsfrage der Juden hat oft genug das Schicksal gehabt, den Wendepunkt großer staatlicher und socialer Richtungen abzugeben, nicht weil die Juden eine allzu große.Wichtigkeit haben, sondern weil in die sie betreffende Frage das moderne staatliche und gesellschaftliche Leben vielfach ausmundet. Wenn die Ungarn an dieser Frage stehen — und sie muffen an sie herantreten — so handelt es sich nicht allein um das Schicksal von 400,000 Söhnen ihres Vaterlandes, sondern um die Frage: ob sie ihre Nationalität so beschränkt auffassen, daß sie in ihrem Lande Alles, was nicht unmittelbar magy arisch ist- Uü sschließen und unterdrücken wollen, oderEb sie ihren nationalen Staat auf die Grundlagen der Gleichheit vor dem Gesetze und der Gewissensfreiheit aufbauen wollen? Dies ist der Kern der Frage, und daß sie'damit auch über ihr eigenes Schicksal entscheiden, kann nicht zweifelhaft sein. Wählen sie den Weg der Ausschließung und Bedrückung, so können sie auf demselben nicht still stehen, und /es wird! ein Racenkampf entspringen, welchem die Magyaren nicht: gewachsen sein werden.. Mögen sie daher den Ruf der Glocke, der zur Gewissensfreiheit allen Nationen läutet, nicht überhören — er läutet zugleich zu ihrem eigenen Glücke oder zu ihrem Untergang-! — . ' Um der Wichtigkeit der Sache willen geben wir noch eine ausführliche Correfpöndenz im einer besondern Beilage, da der Raum unseres Blattes schon zu sehr in Anspruch genommen ist! Aus Nordamerika. Daß durch das Losreißen der Sclavenstaaten von der großen Union nach allen Richtungen hin eine bedeutende Verwirrung und. Zerrüttung in Nordamerika bewirkt, werden würde, war vorauszusehcn. Man trennt:sich nicht gewaltsam von einer so erhabenen Institution, und dieses