Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 25 (1861)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1861)
- Date
- 1861-01-08
- Page
- Seite 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Sache in folgender Weife erzählen: Herr Schoßberger war in Gran angekommen und: stellte fich einigen Domherren vor. Aufs Kälteste empfangen,, begab er sich zum Primas, um ihm sein Leid zu klagen. Er erzählte dem Kirchenfürsten,' daß ihm ganz abscheulich zu Muthe sei, daheim in Pesth sei die liberale Judenfchaft nicht mit ihm zufrieden und bedrohe ihn (?), hier in Gran , aber habe er die unfreundlichste Aufnahme gefunden, er bitte daher den Kirchenfürstenum seine Meinung darüber, was er in dieser schwierigen Situation thun solle. Darauf soll der Primas mit der ihm eigenen Leutseligkeit und patriarchalischen Gutmüthigkeit gesagt haben: „Ich werde Sie recht freundlich aufnehmen, wenn Sie in der Conferenz erscheinen. Wäre aber ich in Ihrer Lage, würde ich von den Meinigen bedroht und von den Andern unfreundlich ausgenommen, so möchte ich mein Bündel schnüren und umkehren." Und diesen Rath befolgte denn Herr Schoßberger, er schnürte sein Bündel und reiste wieder nach Pesth zurück." — DaS betrübende Resultat ist jedenfalls — daß zu dem bevorstehenden ungarischen Landtage die Juden weder actives noch passives Wahlrecht haben. Stimmen ans Rußland. Die große Bewegung, welche in unseren Glaubensgenossen in Rußland unläugbar erwacht ist, verdient unsere ganze Aufmerksamkeit und, so weit es in unserer Macht, steht, unsere kräftigste Unterstützung. Wir werden daher fortfahren, Mütheilungen darüber zu geben. Unsere Leser erinnern sich, wie human und segensreich der Herr Dr. Pirogofff in Odessa für das Schulwesen der Juden gewirkt, und wie er Einer der Ersten war, der für sie öffentlich das Wort ergriff. Auch jetzt, als Curator des Lehrbezirks Kiew, bewahrt er, dieselbe Haltung. Wichtig ist daher ein Sendschreiben, das er an den Redacteur des Raßwet (No. 27.) erlassen. Die Uebersetzung lautet folgendermaßen: Ein Brief an den Herausgeber des Raßwet. Ich bin stolz darauf, nach Möglichkeit zur. Verwirklichung Ihres edlen Gedankens — in russischer Sprache ein Journal herauszugeben, — welches ein Organ der russischen Juden werden soll, mitgewirkt zu haben.*) Sie wissen, daß ich aus Pflicht sowohl, wie aus Ueberzeu- *) Als der jetzige Curator des Kiewer Lehrbezirks, Molai Jwanöwitsch Pirogoff, dieses Amt im Odeffaer gung einen warmen Antheil. an dem. gebildeten/Theile Ihrer Nation nehme; dies ist,-meiner. Einsicht-nach; die Pflicht eines jeden aufgeklärten Russen; - er muß mit .Euch fühlen, aus Liebe zu seinem Vaterlande. Wenn aber vielleicht nicht Alle diese Ueberzeugung theilen, so ist e^ gewiß nicht ihrer eigenen Vorurtheile wegen, sondern als eine Concession an die Vorurtheile des weniger gebildeten Theiles ihrer. Nation zu betrachten. In der iThat> nach welcher Seite hin wir auch die Juden betrachten mögen, giebt es keine rationelle Ursache, ihnen nicht; Das zu wünschen, was wir uns selbst wünschen: Achtung vor den Ueberzeugungen des Gewissens, vor Persönlichkeiten und den Verdiensten eines Juden;-es ist kein Grund vorhanden, nicht zu wünschen, daß die Juden zugleich mit uns unserm gemeinschaftlichen Vaterlande Nutzen bringen, und dafür die damit verbundenen Rechte genießen sollen. Sogar der unter uns. vom Vorurtheile Befangenste, der den Juden schon darum der Ungerechtigkeit und Boßheit zeiht, weil er Jude ist, hat doch kein Recht, ihm etwas Anderes zu wünschen, als Das, was er für - sich selbst wünscht, weil „der himmlische Vater die Sonne über Gute und Böse aufgehen, und den Segen über Gerechte und Ungerechte sich ergießen.läßt." Daher, den Grundwabrheiten unseres Glaubens nicht entsagend, ist Niemand unter uns im Rechte, Schlechtes zu wünschen selbst Demjenigen, den er für schlechter und ungerechter hält als sich selbst. Wenn aber bei Einigen das Vorurtheil so groß ist, den Juden, in welcher Beziehung es auch sei, für unsere Gesellschaft schädlich zu halten, so sind auch sie dennoch im Unrechte, wenn sie, um den Schaden von sich zu entfernen, die Juden zur Concentrirung ihrer Masse zwingen. Wenn, wie sie behaupten, die Juden in der That für uns ein Gift sind, wäre es nicht rathsamer, es auseinander zu bringen und dadurch zu schwächen, als seine concentrirte Wirkung, wenn auch nur auf einem kleinen Theil unseres Organismus zu dulden? Wenn aber endlich das Vorurtheil die Grenzen überschreitet, und über das Schicksal einer Nation alshöchster Richter-sein Urtheil zu fällen wagt—-so stellt es sich selbst in offenen Widerspruch mit allen moralischen Prtncipien, und unterschreibt sein eigenes Urtheil. Zu bedauern ist es aber, daß dies Alles noch kein Anachronismus ist; obgleich einem solchen sehr ähnlich. r ' Lehrbezirke bekleidete, nahm er den wärmsten Antheil an der Erwirkung einer Erlaubniß zur Herausgabe des Raßwet. Die Redaction des Raßwet. 2* /