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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1861-01-01 · Heft 1 (1.1.1861) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
25 (1861)
Issue
Heft 1 (1.1.1861)
Date
1861-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 ler Aufopferung und unsäglichem Fleiße Herr Ignaz Weißein gründlicher Hebräer und Talmudist. Herr I. Weiß (vortheilhast bekannt durch seine trefflichen Arbeiten in der Zeitschrift Kochbe Jizchak, in den Responsen des R. Hirsch Chajes, hat auch hier seine wissenschaftliche Befähigung zu seiner schwierigen Aufgabe bethätigt, indem er mit kritischem Tacte alle Varianten und Lesarten zwischen dem babylonischen und jerusalemischen Talmud und der Mischna gesammelt, und dieselben überall am gehörigen Platze mit den Worten: '»Dpivan in den Marginalien nolirt hat. Jeder Talmudkundige weiß, welchen Nutzen eine solche parallele Ueberstcht der verschiedenen Lesarten der beiden Talmude gewährt, wie dies Herr Dr. Z. Frankel, Darke Hamischnah S. 219—254, bei den Mischnajoth Abschnitt Sera'i'm gründlich nachgewiesen, und Herr Weiß verdient darum eine thatkräftige Aufmunterung und Unterstützung, um ungehindert in seinem Werke fortzufahren. Wir können es nicht unterlassen, ein Beispiel anzuführen, wie viele Stellen dadurch im Talmud beleuchtet werden. In der bekannten Agada Berachoth 3 b. heißt es im Talm. babli: mü7372 *nbn tr’rt nü #pi v>P?3 p3)3i rvniött rvoisis mTi ni"i, während es, wie Herr Weiß bemerkt, im Jeruschalmi heißt: I332''ip Pi was viel richtiger ist, da man hier bekanntlich die Spur der Aeolsharfe, der sich schon David habe bedienen sollen, entdecken wollte. Wir hoffen, daß die ehrwürdigen und gelehrten Vereinsmitglieder diesem Gegenstände bei den weitern Bänden die verdiente Sorgfalt zuwenden, und somit zu einer kritischen Tertausgabe des Talmuds, wozu freilich alle alten Ausgaben und die vorhandenen Manufcripte Aruch und En Jakob verglichen werden müßten, den Anfang machen werden. Nicht genug bedauern können wir es, daß die Unternehmer es nicht gewagt haben, eine vollständige censursreie Ausgabe zu veranstalten. Ist es nicht eine Schmach, den Talmud noch immer mit den Censurlücken und den von unwissenden Sensoren vorgenommenen willkürlichen Tertveranderungen und Einschaltungen zu ediren! Aber noch schmählicher ist es, daß jüdische Herausgeber aus wahrer Bornirtheit den Talmud so fort Nachdrucken, wie ihn die mittelalterliche Censur zugeschnitten und verstümmelt hat! Wie leicht hätte man bei einer motivirten Darstellung beim Polizei-Ministerium dies bewirken und sich finden, die einen separaten Abdruck verdienen. Auch Landau's Marpe Laschon wäre willkommen gewesen! dadurch gegen alle Eventualitäten sicher stellen können! Hat doch die russische Censur unter Kaiser Nikolaus dem Abb6 Chiarini die Bewilligung zu einer censurfreien Uebersetzung ertheilt, und in Oesterreich trug man noch Bedenken, Anno 1860 mit einem solchen Gesuche an das Ministerium sich zu wagen? Sind es nicht, wie Abbs Chiarini bemerkt, zumeist die antichristlichen Stellen des Talmuds, die unzählige Mal von christlichen Gelehrten, z. B. von Bartolocci, Burtorf, Wagenseil, Wülfer, Wolf und De Rosst edirt und ercerpirt, und also trotz aller Censsur gerade am meisten verbreitet wurden?*) Wie oft erst wurden diese Citate in. den judenfeindlichen Schriften eines Eisenmenger, Gerson und Consorten wiederholt und übersetzt? Ist es nicht unverzeihlich, ohne Censurzwang die alten verfälschten censirten Editionen blindlings nachzudrucken? Wäre es denn gar so schwer gewesen, aus einer Bibliothek die editio princeps, Venedig bet Bömberg 1520, oder wenigstens die Krakauer Ausgabe Anno 1602, die ebenfalls vollständig und unverfälscht ist, zur Benutzung zu erhalten? Denn wahrlich, es find nicht blos die wenigen, überhaupt unbedeutenden, auf Christus sich beziehenden Stellen zu ergänzen, die in den erwähnten Werken zu finden sind, sondern mehr noch gilt es eigentlich, die vielen durch die Censur eingeschlichenen Verfälschungen auszumerzen. Es hat hierin die Censur sonderbare Einfälle gehabt und selbst der Stand und Beruf des Censors übte darauf seinen Einfluß aus. Es giebt zahlreiche Correcturen, die von Apostaten, und wiederum solche, die von geistlichen Sensoren herrühren. So z. B. Jebaboth folio 62 b. und 63 a., wo mehrere Stellen gegen das Hagestolziat und Cölibat Vorkommen, die die geistlichen, im Cölibat lebenden Sensoren anstößig fanden, heißt es noch in dem Wiener Talmud vom Jahre 1833: ma* nwN ib vjist«- p /nsnta »P nwrr ip v,i*r> p «Pi tan« n?3in abs ,i-mn «P nn?3w «p. Es war dem geistlichen Censor mißfällig, daß Derjenige, welcher ohne Gattin lebt^ nicht verdient Mensch genannt zu werden u. dgl., *) Burtorf, Lericon Sol. 992., hatte die Absicht, alle auf Christus re. sich beziehenden Stellen besonders herauszugeben (Exlant et alia loca, quae alias, si Deus volet, producemus), was aber erst später von einem gewissen Maier, wie ich 'glaube, geschehen ist. Vielleicht unternimmt es ein deutscher Gelehrter, dem eine große Bibliothek zugänglich ist, alle von der Censur gestrichenen und verunstalteten Stellen im Talmud wiederherzustellm und zu veröffentlichen!

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