Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 24 (1860)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1860)
- Date
- 1860-09-04
- Page
- Seite 527 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SM zwar die Sache in Angriff: genommen , aber bei erhobenem Widerspruche im Kampfe bald ermüden,-und sich in ihrem Gewissen damit. beruhigen •, die Sache versucht zu haben. Ihr Alle erwäget, daß eine Unterlassungssünde oft größer und Ln ihren Folgen trauriger ist, als ein positives Vergehen! Ihr Alle bedenket, daß Eure ganze Zukunft, das Wohl und der Ruf Eurer ganzen Glaubensgenossenschaft von Euch abhängt, von Eurem Muthe, von Eurer Thatkraft! Hier ist ein Feld, wo auch der Geringste, wirken und schaffen kann, wo Jedermann berufen ist! Ein Jeder thue seine Pflicht — am großen Tage der Abrechnung wird ihm gut geschrieben, was er geleistet hat! Daher nur noch ein kurzes Wort an Euch, meine galizischen Kollegen! Eine Meinung möchte ich Euch gern nehmen, nämlich die, daß das Ansehen Dererunter Euch, welche im Kreise unserer traditionellen Gelehrsamkeit allein erzogen und gebildet, allein in diesem gelebt haben, durch die Errichtung von Schulen, durch die zeitgemäße Bildung der Jugend leiden würde! Nichts ist irrthümlicher. Dem Juden wird talmudisches und rabbinisches Wissen stets verehrungswürdig sein, und Ihr werdet als Träger und Inhaber dieses gerade der ächten Bildung gegenüber nur um so mehr an Autorität und Verehrung gewinnen! Wohlan, bewähret Euch gerade dadurch als die wahren Wächter Zions, daß Ihr die Anlegung von Schulen fördert und überwachet, und durch Eure Geneigtheit Euch den Einfluß auf diese wahret! Die polnischen Rabbinen haben stets den Ruhm des Scharfsinns'gehabt: sollte dieser Scharfsinn Euch so verlassen haben, daß Ihr die Weltlage und was sie zur Erhaltung unsrer Religion und unsres Stammes erfordert, gar nicht durchschauet?! Und so entbiete ich Euch Allen den Gott Israels zum Gruße! vr. Ludwig Philippson, Rabbiner des Synagogenbezirks Magdeburg. Preußen. ' In diesen Tagen wurde abermals ein Stück Ausschließung zu Grabe getragen. Die Leser werden sich erinnern, daß, während den Juden das active und passive Wahlrecht zum Abgeordnetenhause selbst unter dem Manteuffel'fchen Regiment niemals verkümmert würde, das Wahlrecht in die reactivirten Provinziallandtage ihnen auf Grund des alten Gesetzes versagt war. Die „Nat.-Ztg." läßt sich nun aus Pytitz vom 17. August schreiben: „Der Oberpräsident Senst v. Pilsach in Stettin hat auf die von den Stadtverordneten jüdischen Glaubens Hierselbst am 27. Juli e. bei demselben angebrachte Prorestation gegen den Ausschluß der Juden zur Theilnahme an dem aktiven und passiven Wahlrecht, behufs Wahl eines Abgenordneten zum Provinziallandtage, mittelst Verfügung an den. hiesigen Magistrat vom 31. Juli e. entschieden, wie es.nach den neuerding s ergangenen allerhöchsten Bestimmungen keinemZwetfel unterliege, daß die Juden fortan auch zur Theilnahme. an den Wahlen der städtischen Abgeordneten zum Provinziallandtage zuzulassen seien. Da es diese Entscheidungzweifelhaft läßt, ob den Juden auch das Recht eingeräumt werden solle, gewählt werden zu können, haben mehrere'hier wohnende Juden den Magistrat um Mittheilung gebeten, wie derselbe die Verfügung des Oberpräsidenten interpretirt und zugleich gegen die Anwendung verfassungswidriger Beschränkungen bei der Wahl protestirt. Der Magistrat hat sich hierauf dahin entschieden,-wie er es für unzweifelhaft hält, daß den Juden nicht nur das active, sondern auch das passive Wahlrecht zustehe, so daß hier die Wahl ohne Beschränkung für die Juden wird ausgeführt werden." — Hiernach würde in anderen Provinzen auf geschehene Anfragen wohl dieselbe Entscheidung erfolgen. Eine eigenthümliche Nemesis ist es aber, daß gerade der Herr Graf Senst v. Pilsach, welcher in der ersten Kammer so viel gegen die Juden declamirt hat, der Bote dieses neuen Erweises für die vollständige Geltung der Verfassung hat sein müssen! Allerlei aus -er Tagesgeschichte. , Wir glauben nicht, daß es jemals eine Zeit gegeben, wo die Gegensätze so schroff und scharf hervorgetreten, als die unsrige. Wer mit Einem Blicke die verschiedenen, sich an die Oberfläche drängenden Richtungen überschaut, muß dies eingestehem Jede derselben geht in ihren Consequenzen so weit, daß an eine Vermittelung gar nicht mehr zu denken, daß Diejenigen, welche eine vermittelnde Rolle spielen wollen, erdrückt werden, ja, was noch mehrdiese Extreme liegen oft in derselben Brüst neben einander, und prägen sich durch verschiedenartige Handlungen Seitens^ derselben Persönlichkeiten aus. Während eine gewisse Partei im Judenthume selbst mit Gewaltthätigkeit jede Entwickelung, jeden Culturfortschritt zu hemmen und zu vernichten strebt— sehen wir 36*