Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1860-04-10 · Heft 15 (10.4.1860) · p. Seite 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
24 (1860)
Issue
Heft 15 (10.4.1860)
Date
1860-04-10
Page
Seite 222 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226202-3226218--18490-3247455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

m lassen wieder einen Judenhaß spielen, der glücklicher Weise zu einer wahren Karrikatur wird. Fragen müssen wir aber: ist' es nicht für einen aufrichtigen Patrioten eine schmerzliche, ja demüthigende Erscheinung, daß, während die größten Weltfragen obschweben- -während es sich in der nächsten Z^it um Sein'oder-Nichtsein handelt , während-die größten Veränderungen in Europa sich vorbereiten, sich in Preußen Herren, Abgeordnete und Minister unaufhörlich um die Frage streitenob 4 oder-5 jüdische Rittergutsbesitzer in den Kreisständen mitfitzen sollen, welche über Chausseen und Pferderemouten zu entscheiden haben?! Welche Kleinlichkeit! Welche Bewußtlosigkeit mitten im trübsten Ernste der Weltverhältnisse!... Kein Engländer , mit Ausnahme einiger pietistischen Fanatiker, wird jetzt' ohne Scham auf die zwanzigjährigen Debatten zurücksehen, die auf die Frage, ob 3 oder 4'Juden im Parlamente fitzen dürfen/ von denen bis jetzt, glaube ich, noch Keiner ein Wort gesprochen, verschwendet worden sindwelche Vergeudung von Zeit und Kräften! Und in Preußen geschieht dasselbe, noch dazu um die Kreisstände, deren Existenz selbst in Frage steht, und zwar in einer Zeit der drohendsten Complicationen. In den bedeutsamsten, jetzt obschwebenden Fragen haben die beiden Häuser kein Wort gesprochen, aber über die jüdischen Rittergutsbesitzer wird drei Lage lang verhandelt!!! Die Feindseligkeit der „Herren" macht sich auf jegliche Weise Luft. Während dieselben Männer den Rescripten des vorigen Ministeriums zujubelten, wollen sie jetzt über Alles. und Jedes Gesetze haben, und wüthen gegen Rescripte, die das anerkennen, was schon längst Gesetz ist, und warum? Weil sie die Gesetze mit machen, und daher die Entwürfe entweder verwerfen oder nach ihren Wünschen ummodeln können. Dadurch gelangen sie aber in eine Sackgasse, denn da sie immer noch der Hoffnung leben,.bald wieder ein reaktionäres Ministerium am Ruder zu sehen, , so entziehen sie demselben im Voraus durch jedes Gesetz die.Gelegenheit, durch Rescripte die alte Praxis wieder herzustellen. So haben sie soeben eine Declaration des Preßgesetzes angenommen, durch welche jene Maßregelung der. Presse, die früher so erfolgreich geübt ward, vielfach unmöglich wird. Um fo weniger konnten die Herren hierzu ihre'Zustimmung gebenohne abermals auf die §§. 2. und 3. des. Judengesetzes von 1847 zurückzukommen, welche das Staatsministerium für aufgehoben erklärt hat, , und das Verlangen zu stellen, dies: erst durch ein Gesetz zu bestimmen. Die Debatte am 31. März tummelte sich daher noch einmal aust diesem den Herren so zugänglichen Gebieteweidlich umher; der Graf von Schwerin aber ließ sich nicht irre machen, indem er immer wieder darthat, daß Rechte, die gesetzlich bestehen, nicht erst durch ein Gesetz zugestanden werden dürften. — Wenn es also wahr ist, daß die „Herren" für uns Juden keine Sympathien haben, so ist es eben so gewiß, daß wir keine für sie haben. Ein Trost für uns ist dabei, daß dieser Mangel an Sympathien für die „Herren"- von einer ungeheuren Majorität von Nichtjuden getheilt wird. — - <•;; - Die Kreuzzeitung schreibt: „In der Sitzung des Herrenhauses vom 24. behauptete der Minister der landwirthschäftlichen Angelegenheiten,' Graf Pückler, wörtlich : „„daß sogar Stabs-Officiere der preußischen Ärmer aus der Judenschaft hetvorgegängen sind."" Da der Herr Minister für diese Behauptung doch wahrscheinlich die Ranglisten zur Hand gehabt hat, so ersuchen wir ihn höflichst, doch besagte Stabs-Officiere namhaft machen zu wollen. Bekannt ist hier nur einer, der verstorbene Major Burg." Wir unsererseits wissen dies auch nicht. Es liegt uns aber auch nichts daran, weil, wenn der verstorbene Major Purg der einzige Stabsofficier unseres Glaubens war, dies geschehen , weil ,in Preußen die Juden keine Officiere wurden. Die österreichische und die französische Armee, die holländische und die sardinische haben von der militärischen Befähigung der Juden hinlänglich Zeugniß gegeben, und daß ist wohl selbst der preußischen Armee gegenüber genügend. Es wurde jüngst nachgewiesen, daß die Bürgerlichen überhaupt in dem .preußischen Officierstande in sehr geringem Grade und unter den höheren Officieren fast gar nicht vertreten sind — läßt dies einen Rückschluß auf die militärische Befähigung des preußischen Volkes zu? — Daß die Reactionären sich nicht mit den Debatten im Herrenhause, auch nicht mit den Feuerscheinen in der Kreuzzeitung u. s. w. begnügen, sondern auch andere Blätter mit judenfeindlichen Artikeln versehen, ^sobald jene sich zur Aufnahme herbeilaffen, kann man voraussetzen. Eines der bequemsten hierzu ist die „Augsb. Allg. Zeitg.", wobei es nicht auffallen kanndaß diejenigen,, welche sich für preußische Patrioten ausgeben, gerade mit dem preüßenfeindlichsten Blatte in innigster Verbrüderung stehen. Man weiß ja, wo eigentlich der Patriotismus dieser Leute gelegen ist. Die ,-A^ A. 3."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.