Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 23 (1859)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1859)
- Date
- 1859-10-17
- Page
- Seite 623 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226147-3226191--18081-3247028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«23 der Rabbiner der unglücklichen Gemeinde, Herr % Landau, an das sehr geachtete Mitglied unserer' Gemeinde, Herrn M. W^ Ettinger, einen der größten Talmudisten der Jetztzeit, mit dem Ersuchen, beim allgemein bekannten- und hochverehrtem Verfechter jüdischer-Interessen, Herrn Baron ^Rothschild in Wien, Schritte zu thun,.. um. durch dessen mächtige Für-■ spräche die Freilassung der Unschuldigen zu erwirken.; Herr M. W. Ettinger wandte sich darauf in einem! vom Hiesigen geachteten Landesadvocaten Vr. Mohl! (der .stets bereit ist, für die Sache des Judenthums i mit! Eifer und Energie in. die Schranken zu treten) Verfaßten Schreiben an den-Baron, welches ich Jh-: nen hiermit beilege. Die wohlthätige Wirkung desselben, so wie die edelmüthige Verwendung des Ba-; rons werden Sie aus den Heiden Briefen, aus demdes Barons an Herrn Ettinger, so wie aus dem deS Galatzer Rabbiners an Letzteren.am besten ersehen,! weshalb ich Sie Ihnen gleichfalls mittheile. > l . .:. An Sr. des Herrn Anselm von Rothschild Hochwohlgeboren. Euer Hochwohlgeboren! Hochedler Herr Baron! Die vielen Beweise Ihres Edelsinns und . zarten Gefühle für Ihre Glaubensgenossen sind die Motive, welche wich bestimmen, heute Ihren mächtigen Schutz in . Anspruch zu nehmen. , Nach allen Phasen, die unsere unglücklichen Glau-: bensbrüder durch 200 Jahre an Verfolgungen durchlebten, ist es unglaublich, und ein ewiger Schandfleck; in. der Geschichte, daß im 19. Jahrhunderte, wo man . eben jetzt vorspiegelt, einen Kampf für die Civilisation; mitsismsturz alles Völkerrechts und nur für die Civilisation zu beginnen, und ganz Europa zu unterwühlen, daß in diesem civilisatorischen 19. Jahrhunderte noch .die alte, abgeschmackte Mähre: die Juden brauchen zu - Ostern Christenblut, zu empörenden, haarsträubenden' Greuelthaten unter den Augen sämmtlicher Repräsentanten Europas in einer Weltstadt wie Galatz am' Hellen Tage Veranlassung geben konnte. . . Es unterliegt wohl keinem vernünftigen Zweifel, daßder Pöbel nicht aus freien Stücken sich zu diesen Grausamkeiten entschlossen, sondern daß er aus unlauteren Absichten von einer unbekannten Triebst-^ 'der hierzu getriebenworden sei.; Wie immer, wurde, um den Schein zuretten, oder etwa dem Weitergreifen deS entfesselten rohen Proletariats Einhalt .zu. thun, dieAufregung, momentan gedämpft, . dem . Raub und Mord ein Damm gesetzt, aber nur momentan; denn noch wa^gt eS-kein Jude, eine unbelebte Gasse zu betreten, noch wird nach jeder ins. Bah. sich verfügenden Jüdin mit Steinen geworfen, -noch zittert der terrorisirte Familienvater, die Kinder unter seinem Fittigen bergend, im Bewußtsein seiner Ohnmacht.und Schutzlosigkeit, und bringt schlaflose Nächte zu, Raub und; Mord -erwartend. Noch schmachten 15 edle, fromme Glaubensbrüder, .die man in der Synagoge. -bei der heiligen Schrift fand, im finsteren Kerker, gefesselt in schweren Ketten, die unerträglichsten, ihren Körper zerstörenden Arbeiten verrichtend, gezüchtigt von der rohen Wuth barbarischer Schergen. . .; Der tiefgebeugte Rabbiner von Galatz, der sehr gelehrte Lipe Landau, richtet an mich den beifolgenden Brief (den ich in deutscher Translation. Euer Hochwohlgeboren zu unterbreiten, die Ehre habe), und richtet in . seiner-Zerknirschung die thränenvolle Bitte: mich, an die Großen und Mächtigen zu wenden. Ich, ein Pygmäe im Staate, ohne Connerionen, ohne Einfluß, ohne Stellung, würde wohl vergebens der Fürbittcr jener Märtyrer sein. Aber Sie,..Herr Baron, Sie, der Mächtigste und Einflußreichste unserer; Nation , edel durch Geburt und gesellschaftliche Stellung, der Generalconsul Ihrer Majestät der Königin von England, können freimüthig vor dem Thron unseres ritterlichen Monarchen oder Hessen erlauchten Stellvertreters erscheinen, um für die Märtyrer unseres Glaubens, worunter auch österreichische Unterthanen, ein mächtiges Fürwort einzulegen. . Es braucht keiner poetischen Feder, um mich, in der Beschreibung der schrecklichen Lage jener Märtyrer und der ganzen Judenschast in Galatz zu. ergehen; ganz Europa weiß es — und doch schweigen alle Consuln in Galatz und lassen die Schmach fortsetzen. Dies kann keinen Segen bringen; mag man sich mit der politischen Krisis, mit gewissen Rücksichten ercusiren, der Schandfleck bleibt, in der Weltgeschichte wie die Bartholomäusnacht und die sicilianische.Vesper, mit dem Unterschiede, daß man vor Jahrhunderten wenigstens den religiösen Fanatismus zur Standarte hatte, während, man heutzutage es wagt, von Civilisation zu sprechen. > . .Edler. Herr Baron! Setzen Sie Ihren Groß-