Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 23 (1859)
- Issue
- Heft 38 (12.9.1859)
- Date
- 1859-09-12
- Page
- Seite 545 (sequence 3)
- Language
- German
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545 wir können in ihnen durchaus kein Motiv zur Unthätigkeit, vielmehr eine um so größere Anreizung zu kräftigem Einwirken erblicken. Zuletzt heben sich diese beiden gegenseitig auf, denn da, wo das Gesetz keine Macht giebt, haben Furcht und Eifersucht keinen bleibenden Platz. Der Rabbiner muß demnach allen Einfluß seines Amtes anwenden, um auf die inneren Zustände seiner Gemeinde einzuwirken, und der Religion, welche vor dem Materialismus der Zeit fast alle Posten verloren hat, diese möglichst wiederzugewinnen oder ihr neue zu gründen. — Das Nächste und Wichtigste ist hier der Religionsunterricht. Wir können dem modernen Rabbiner durchaus eine ausgedehnte Mühewaltung für diesen nicht ersparen und bleiben bei der Behauptung, daß der Rabbiner seiner Pflicht nicht genügt, welcher den Religionsunterricht in seiner Gemeinde nicht allein nicht gründet, fördert und beauffichtigt, sondern nicht auch thätigen Antheil daran nimmt, und zwar nicht etwa in zwei, drei wöchentlichen Stunden, sondern viel mehr. Der Rabbiner wird dadurch dem Unterrichte der Jugend eine größere Weihe und Bedeutung verleihen, er wird die Jugend an fich und damit an die'Religion fesseln; er wird hierdurch auch mittelbar den Weg zu den Herzen der Eltern finden. Mag man immerhin-sagen: was nützt es? wenn die Jugend gewöhnlich mit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahre den Religionsunterricht hinter sich hat, folgt sie dem Beispiele der jetzigen Welt und setzt fich über die Uebung alles Religiösen hinweg; oder fie ist trotz dem Religionsunterrichte zu dieser Uebung vermöge ihrer Erziehung im elterlichen Hause gar nickt gekommen. Sieht man nicht ein, daß gerade weil die jetzige Welt die äußere Uebung des Religiösen so sehr vernachlässigt, desto mehr auf die innere Anschauung unserer Glaubensgenossen gewirkt werden muß, um fie wenigstens dem Glauben treu zu erhalten; dies ist allein durch die der Jugend eingepfianzten Keime möglich, um so innen ein Gegengewicht gegen die Frivolität des Lebens zu schaffen. Und dann: ist denn die Einwirkung des religiösen Unterrichts lediglich für die äußere Uebung des Religiösen bestimmt? Soll er nicht besonders auch die sittliche Bildung und Gewöhnung Hervorrufen? Weder der Rabbiner noch der Lehrer darf sich von üblen Erfahrungen, von einzelnen unangenehmen Vorkommnissen, vom geringen Sichtbarwerden seiner Erfolge abschrecken lassen; er hat eine Saat zu säen, die auszustreuen ihn Gott bestimmt hat, und thut er dies mit Eifer und Ausdauer, so mag er den Erfolg getrost Gott überlassen.— Aber abgesehen von diesem ihm speziell zugehörenden Gebiete, hat der Rabbiner, wo es nur irgend möglich, des Schulwesens überhaupt fich anzunehmen. Er mag immerhin vom Staate nicht zum Sckulinspector bestimmt sein; desto besser; desto weniger ist von vorn herein die Opposition oder die Kriecherei zwischen Rabbiner und Lehrer gegeben. Aber es giebt wohl keinen Lehrer, der öfteren Schulbesuch Seitens des Rabbinen, wenn er in freundlichster Absicht und Weise geschieht, nicht gern sehen möchte, da solcher Besuch, auf die Disciplin und den Eifer der Jugend sicher nicht ohne Einwirkung bleibt; es giebt keinen Lehrer, den es nicht erfreuen wird, wenn der Rabbiner ihn an sich heranzieht, ihm freundlichen Zuspruch und Würdigung ertheilt, und mit seinem Rathe ihn unterstützt. Hierbei, wie in allen Dingen, kommt es lediglich auf die Art und Weise ach wie es geschieht, und weil der Rabbiner dabei freiwillig, aus eigenem Antriebe vorgeht und keine Macht besitzt, einen Willen durchzusetzen, wird es vom Lehrer, von der Jugend und der Gemeinde gern ausgenommen und die Influenz eine desto sicherere sein. Nach diesen Hauptstücken wird der Rabbiner auch sein vorzügliches Augenmerk auf das Armenwesen haben müssen. Die neuere Zeit hat, namentlich in den größeren Gemeinden, den Hang zur Gründung vieler vereinzelten Vereine und Anstalten hervorgerufen. Es giebt Plätze, wo für die Bedürfnisse der Armen so zahlreiche Gesellschaften eriftiren, daß kaum noch irgend ein Vereinszweck erdacht werden kann, und die Eristenz eines Armen fast zur Behaglichkeit wird. In einer nordischen Hauptstadt kam es neulich vor, daß, da ein alter reicher Mann fich darauf capricirte, einen neuen Verein zu stiften, ihm nichts übrig blieb, als eine Butter-Chebra zu gründen, welche die Armen mit Butter versorgen soll, da für Fleisch, Brot, Holz u. s. w. reichlich gesorgt war. Es ist dies buchstäblich wahr. Jndeß giebt es solcher Eldorado's für die Bedürftigen doch nur wenige. Es wird durch solche Zersplitterung offenbar dem eigentlichen Vereinsgeiste zuwider gehandelt. Wir halten es daher für die Aufgabe des Rabbinen, weniger auf die Gründung neuer einzelner Vereine, als auf die Vereinigung der Zwecke, mit einem Worte: auf zweckmäßige Organisation des Armenwesens in den jüdischen Gemeinden zu wirken. Die vielen, von einanderunabhängigen und zusammenhangslosen Chebroth wirken zumeist planlos; zu größeren Zwecken sind Ihre Einzelkräfte zu schwach, und oft erlangt ri n Individuum von vielen Seiten Hülfe, während Biele ganz leer ausgehen. Immer aber muß der Rabbiner darauf sehen , daß noch eher der Hülssbedürftigkeit entgegengearbeitet, als-den Be- . 38*