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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1859-09-12 · Heft 38 (12.9.1859) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
23 (1859)
Issue
Heft 38 (12.9.1859)
Date
1859-09-12
Page
Seite 544 (sequence 2)
Language
German
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344 Nach' zweien Richtungen hin war die Thätigkeit der alten Rabbinen eine angestrengte: in der Lösung und Beantwortung: zahlfostr halachischer Fragen, theilS in der MariS, Oeilff in. trer Ltz'ee-, und in der Ausstillung von Talmudschülern, überhaupt im Talmudunterricht. Von der ersteren Thätigkeit hat das Publikum, so wie das geschwundene geistige Interesse die Rabbinen zumeist entbunden; die -zweitehat -fc« der großen Mehrzahl ganz-; lich aufgehört, indem nur noch die zukünftigen Rabbinen den Talmud erlernen, und diese aus der Sachlage heraus nicht mehr von einem einzelnen Rabbinen, sondern auf einer wodlorganifirten Anstalt unterrichtet werden müssen. Was hat sich nun hierfür als die' besondere Thätigkeit der gegenwärtigen Rabbinen an die Stelle gesetzt? In erster Reihe die homiletische. Aber es giebt noch immer sehr wenige Kanzeln, welche außer den Festtagen öfter als im Monat ein Mal betreten werden, und man kann daher nicht sagen, daß die Predigt die Rabbinen und jüdischen Prediger in absorbirender Weise beansprucht. Was will es für einen geübten Kanzelredner bedeuten, selbst alle vierzehn Tage eine halbe oder dreiviertel St.unden sprechen zu müssen? Wir wünschen, daß alle Rabbinen und Prediger ihr Predigtamt in hohen Ehren halten, und deshalb nur nach sorgfältiger Voxbereitung die Kanzel betreten, daß sie sich nicht dem Schlendrian und sogen. Ertemporiren überlassen — aber die Zeit ist doch. wohl vorüber, wo jede Predigt eines jüdischen Redners als ein Ereigniß angesehen wurde, das nur unter vielen Anstrengungen geboren und ans Licht gestellt ward, und als ein besonders verdienstliches Werk mit ganz besonderer Bewunderung belohnt werden müsse. Diejenigen Rabbiner und Prediger, die sich demnach hierauf beschränken, entsprechen daher in ihrer Thätigkeit den großen Studien nicht, die ihre Ausbildung mit sich brachte, und hätten einen großen Theil derselben ersparen können. Was muß man daher, nachdem sie von den oben gezeichneten Beschäftigungen säst ganz befreit worden find, von ihnen fordern? Daß sie ihre Wirksamkeit auf andere, für unsere Zeit bedeutungsvolle Gegenstände richten. Vor Allem in einer Zeit, wo das Wirken ins Einzelne ihnen wenig gegeben war, mußten sie. es ins Große und Allgemeine richten. In einer Zeit, wo die Oeffentlichkeit alle Individuen zu einer großen Allgemeinheit verbindet, wo die allgemeinen Interessen alle Sonderintereffen in sich aufnehmen, wo daher der Gemeingeist innerhalb der ganzen Menschheit, innerhalb jedes Staates und innerhalb jeder größeren Genossenschaft so überaus lebendig ist, da mußten die gegenwärtigen Rabbinen begreifen, daß es ganz besonders im JudenthumeMsDinM 'in zahllose Bruchtheile zersprengten, Ger,osseirschgftA eHer., Minorität darauf ankomme, den völlig verschwundenen Gemeingeist zu wecken, lebendig zu machen und zu bethätigen in jeder Weise, und so die kleinen Gliedchen zu einer großen Kette zu vereinigen, welche sie alle umschlingt, so daß durch die vereinigten Kräfte und Anstrengungen außerordentlich Großes und Vieles zu schaffen vermocht werde. Es ist die besondere Aufgabe des modernen Judenthums, die Lebenskraft, welche es in der Uebung vielfältiger Ceremonien und in den persönlichen Opfern mannigfaltigster Art nicht mehr consumirt, in der Schöpfung großer Institute und Anstalten für das Ganze, in der Vertheidigung der Gesammtheit, in der allgemeinen Wirksamkeit anspanne und bethätige; und es war wiederum die besondere Aufgabe der modernen Rabbinen, dieser Richtung zu dienen, alles Gemeinsame mit Eifer zu erfassen und mit Anstrengung zu bewerkstelligen. Und nun vergleiche man die Geschichte und die Resultate der letzten zwanzig Jahre; man sehe auf die Jsolirtheit, in welcher sich die größere Zahl der Rabbiner und Prediger halten; man vergleiche, wie gerade die ^Rabbinen und Prediger der großen Gemeinden eine, daß wir es offen aussprechen, schuldbare Gleichgültigkeit für alle gemeinsamen Unternehmungen bezeugen, und diesen dadurch nicht allein nicht förderlich find, sondern geradezu schädlich und feindlich, da sie ihnen die Hauptkräfte entziehen, schädlich, ja feindlich ihren eigenen Gemeinden, in welchen sie That- und Kraftlosigkeit immer mehr überhand nehmen lassen, schädlich, ja feindlich zuletzt sich selbst, da am Ende jede P stich tun terla ffu n g Vergessenheit und Mißachtung nach sich zieht. t Was nun aber die Thätigkeit für. die Gemeinde nach innen betrifft, so gestatten wir uns, eine Bemerkung voranzuschicken. Es wird oft und aus den meisten Ländern geklagt, daß die Rabbinen von staatsgesetzlicher Seite keine bestimmte und ausgedehnte Stellung einnehmen und deshalb in ihrer Wirksamkeit beschränkt seien. Ja, dieselben gestehen ein, daß sie darum in vielfacher Beziehung unthätig seien, weil sie durch das Gesetz keine Befugniß dazu haben. Hierzu kommt allerdings die Furcht vor sogenannten hierarchischen Nebergriffen, welche die Laienwelt auch gegen die Rabbiner hegt, hinter welcher sich aber meist nur die Eifersucht der weltlichen Vorstände auf das Ansehen und den Einfluß des Rabbinen verbirgt. Wir wissen diese beiden hindernden Momente zu würdigen, aber

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