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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1859-06-06 · Heft 24 (6.6.1859) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
23 (1859)
Issue
Heft 24 (6.6.1859)
Date
1859-06-06
Page
Seite 343 (sequence 3)
Language
German
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343 halb Jahrhunderte früher den hartnäckigsten Kampf um die Unabhängigkeit den Affyrern gegenüber von dem noch lebenskräftigen Volke verlangte, gab diese Jirmejah auf, um in dem Anschluß an das gewaltige Babel den Bestand der Nation zu sichern. Zn gleicher Weise waren die Juden während ihres zweiten staatlichen Bestandes den Persern, Aegyptern und Macedoniern und eine Zeit lang auch den Syrern und den Otömern unterwürfig. Als aber die Herrschaft dieser: beiden ein unerträgliches Joch bereitete, und der Nation in sein innerstes Heiligthum griff, erhoben sich die Juden zum Kampfe, beide Male ohne alle fremde Hülfe. Das erste Mal, von dem Feuereifer für ihre Religion entzündet, einig und im höchsten Heldenmuthe errangen sie den Sieg, warfen die zahlreichsten und geübtesten Heere der Syrer nieder und erwarben sich volle Freiheit und Unabhängigkeit. Anders im Kampfe gegen die Römer. An die Stelle des reinen Religionseifers war der Fanatismus getreten, Uneinigkeit zerriß das Volk in Parteien, die sich mit den Waffen bekämpften, Herrschsucht und Schlaffheit rangen mit einander, und so konnten Tapferkeit und Hartnäckigkeit den tiefen Sturz. nicht verhindern. — Mit der Zerstreuung der Juden durch die Länder hörte ihr Anspruch auf eine staatliche Existenz auf, indem sie ihre Wiederherstellung zu einem Staate der mesfianischen Zukunft überwiesen. Auch die Gemeinsamkeit einer Volkssprache verloren sie, da die hebräische Sprache immer nur Gelehrtensprache - nicht die des gewöhnlichen Lebens wurde. Gemeinsame Sitte jedoch und Abstammung erhielten bei ihnen eine Art von Nationalität, welche durch die Gleichartigkeit der Schicksale verstärkt wurde und in der Einheit des Religionsbekenntnisses ihre Weihe sank In der neueren Zeit ward diese allerdings dadurch noch abgeschwächt, daß die jüdische Sitte bei einem großen Theile verschwunden ist, und auch die Gleichartigkeit der äußeren Verhältnisse und Schicksale nur noch in ganz allgemeinen Zügen geblieben ist. So weit man also hier noch von einer Nationalität sprechen kann, gewahrt man mit Bewunderung einerseits, wie diese sich den staatlichen Momenten vollständig eingeordnet und angeschmiegt hat, andererseits, wie sie aus der. tiefsten Erniedrigung und Unterdrückung zu großer Anerkennung sich emporgearbeitet hat, und wo sie das Ziel noch nicht erreichte, unablässig darnach strebt. Wenn jetzt die französischen und österreichischen Heere sich gegenüberstehen, so fechten über 12,000 Juden in den Reihen der letzteren, während nach einer ueulichsten Mittheilung des „Nord" allein 350 Juden als Osstciere der französischen Armee angehören. Eben so standen im Krimkriege, eben so früher in den Freiheitskriegen Juden sich in den feindlichen Heeren gegenüber und haben ihre Pflicht treulich geübt. Es ist dies keine neue Erscheinung. Denn die Heere der Ptolemäer bestanden zum großen Theile aus Juden, und nicht selten bekleideten diese das Amt der Heerführer; in den Legionen des west- und oströmischen Reiches dienten Juden in jedem Grade, bis sie von der Unduldsamkeit der christlichen Kaiser aus den Reihen der Armee entfernt wurden. Aber eS ist doch jedenfalls hervorzuheben, daß sie nirgends Widerstand geleistet, als ihnen der moderne Staat die Militärpflicht auferlegte; vielmehr erhoben sie ernstlichen Widerstand, als eine finstere Partei sie ihnen wieder entziehen wollte. — Wenn nun andererseits die Juden in mehreren Staaten völlige, in anderen beinahe Gleichberechtigung, in allen bedeutende Verbesserung ihrer Lage erlangt haben, und selbst da, wo sie im Zustande der Unterdrückung noch gehalten werden, das Bewußtsein des sittlichen und politischen Unrechts, das man gegen sie übt, durchgedrungen ist,, und dies innerhalb nur sechszig Jahre geschehen ist, wodurch wurde es erreicht? Nicht durch äußere, noch weniger durch Gewaltsmittel. Die Juden haben, nicht einmal die äußeren Mittel in Anwendung gebracht, welche, ihnen zu Gebote stünden, und ihre finanziellen Größen haben sich, höchstens in einigen wenigen eklatanten Fällen von Gewaltthätigkeit für sie verwendet; aber es ist kein einziger staatlicher und socialer-Fortschritt nachzuweisen, der den Juden auf solche Weise geworden wäre. Eben so wenig haben die Juden durch Belohnung irgend eine. Feder für sich in Bewegung gesetzt, und Juden und Nichtjuden, die hierauf gerechnet, haben sich stets getäuscht gefunden. Vielmehr ist die Aufhebung des Druckes, der auf ihnen lastete, und die Erlangung staatsbürgerlicher Berechtigung stets nur durch die von den Juden erlangte Bildung und die: Entwickelung des Staatslebens, des Rechts, und der Humanität in demselben bewirkt worden. Die Geschichte dieses Processes, dieses Kampfes und. seiner Erfolge ist daher eine der schönsten Seiten der neueren Geschichte, aber auch entscheidend dafür, daß die Wucht des Rechts und der Humanität selbst die unterdrückteste und verachtetste Nationalität in die Höhe zu bringen und zur staatlichen Berechtigung zu führen vermag. Das NationalitätSprincip mag also ideell viel Verlockendes haben; hüte man sich, es zu mißbrauchen.. ES hat noch höhere Principien gegeben , welche die Herrsch¬ und Raubsucht für sich zu namenlosem Elend der Menschheit ausgebeutet hat. Man erinnere sich, welche und wie 24*

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