Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 23 (1859)
- Issue
- Heft 20 (9.5.1859)
- Date
- 1859-05-09
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
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daß wir geradezu zu Paradoxien greifen müßten, wenn wir das bedeckte Haupt als einen höhern Grad der Ehrerbietung nach heutiger Sitte beweisen wollten. Zn. unfern nievern wie höher» Schulen, in unfern Gemeindesttzungen, in unseren geselligen Zirkeln sitzen Kinder, Männer, Greise—- aus gegenseitiger Achtung und Uebereinkunft — mit entblößtem Haupte da. Wäre es da nicht won )ins^überflüssige Zeit- und Papierverschwendung,' Me^st''ÄlltzeMine'dtte weitläufig befürworten zu wollen, die tief unserm innern Gefühle eingegraben ist, und deren Bedeutung wir lebhafter empfinden, als daß wir darüber viel Worte machen sollten? Die Beibehaltung der Kopfbedeckung ist -ferner eine HauptqueUe jener Unruhe und Andachtslösigkeit, so wie all' jener ordnungswidrigen Mißstände, die leider, unsere Tempel kennzeichnen und den. landläufigen Namen „Juden schul" so übel" ^erLDigL^'gemacht'" -habend Beim Eintritt in einen Hörsaal, in ein Berathungszimmer, ja in einen der Geselligkeit gewidmeten Salon, ist es da nicht der Anblick entblößter Häupter, der uns mit einem Gefühl der Anständigkeit, innerer und äußerer Sammlung erfüllt? •; Aber auch über den Bereich des Gotteshauses hinaus erstreckt die Sitte des bedeckten Hauptes ihren schädlichen Einfluß. Sie fördert den unbegründeten Wahn, daß der MosaiSmus, durch den doch verheißnermaßen alle Völker der- Erde gesegnet werden sollen, selbst die einfachsten menschlichen Beziehungen allenthalben und überall mit separatistischen Momenten durchwebe. Bringt denn im englischen Parlament, im gesetzgebenden Körper Frankreichs, in den deutschen Kammern, w>o der Jude — Dank unserm erleuchteten Zeitalter—heute Sitz und Stimme hat — bringt, sagen wir, die Vereidigung desselben durch den. Umstand des dabei zu bedeckenden Hauptes nicht unnötigerweise einen sehr unheimlichen Eindruck hervor? Erkältet dieser zwecklose morgenländische Brauch nicht gleich einem aus dunkler Vorzeit emportauchenden Gespenst den warmen gesetzgeberischen Act der edelsten Menschenverbrüderung? Und wie muß es dem europäischen, zumeist von seinen - nichtjüdischen Mitbürgern ehrenvoll gewählten Juden, groß gezogen und durchdrungen von abendländischer Bildung und Sitte, wie muß es einem solchen Manne unerquicklich sein, vor dem Angesicht der Welt einer ^verrotteten, werth- und haltlosen, sein besseres Gefühl verletzenden Ceremonie sich unterwerfen zu müssen! Dessen gar nicht zu gedenken, daß die gewaltsam aufrecht erhaltene Kopfbedeckung, nicht nur den unkundigen Israelit, sondern die gesammte nichtjüdische Mitwelt zu dem bedauerlichen Jrrthum verleitet, als ob die mosaische Religion bei religiösen oder sonstigen feierlichen Handlungen das Haupt zu bedecken geböte, was doch bekanntermaßen durchaus der Fall nicht ist. s Lassen wir daher endlich diese fremdländische Sitte, die für uns gänzlich erstorben, und die weder in der Bibel noch im Talmud gebotenist, auch gänzlich fallen, Und es ivird jene schmerzlich vermißte, zur Andacht unentbehrliche Ordnung und Ruhe in unsere Synagoge wieder einkehren, deren Mangel uns nicht nur zum Gespötts der Andersgläubigen gemacht, sondern auch unsere gebildete Jugend dem heiligen Gottesdienste gänzlich zu entfremden droht. Gestehen wir es nur, diese ausgelebte hohle Sitte des bedeckten Hauptes ist unter dem umgestaltenden Einfluß der fortgeschrittenen Bildung zur Unsitte geworden. Wir erleuchten die neuen Tempel mit den blendenden Flammen neuester Erfindung, das betende Volk aber wollen wir im gespenstigen Halbdunkel geschwundener Zeiten erscheinen lassen? Die neuen Gotteshäuser schmücken wir mit Recht mit den prachtvollsten Blüthew edler Kunst und Wissenschaft, und an dem. altehrwürdigen Urbaum des Judenthums, dessen beide jüngere Zweige Millionen beseligend umschatten, wollen wir die entnervende Schmarotzerpflanze des bedeckten Hauptes in sträflicher Gedankenlosigkeit fortwuchern lassen? —, — — Was die Anwendung der Muttersprache anbelangt, so ist diese beim Gebete um so unerläßlicher, als das Verständniß der hebräischen Sprache der männlichen und weiblichen Jugend völlig fremd geworden. Die religiöse Erziehung der zarten Kinderseelen ist größtentheils den Müttern anvertraut, von diesen sollen die lieben Kleinen beten lernen, von Müttern, die eigentlich nur hebräische Vetmaschinen sind,, und die von den fehlerhaft herabgeleierten Formeln nicht erwärmt, ja nicht angeregt werden können. Außer diesem schon die zarteste Jugend entsittlichenden, verderblichen Uebelstand, den Niemand läugnen wird, ist es schon im alltäglichen Leben bekannt, daß bei jeder uns noch so geläufigen fremden Sprache unsere Gedanken nur einen schwerfälligen Ausdruck gewinnen. Wir haben bei einem fremden Idiom immer zu viel mit den eigentümlichen Sprachformen und fremdartigen Redewendungen zu kämpfen, äls daß unsere Seele sich dem heißen Strome der Empfindung leicht und unbewußt hingeben könnte. Wie oft geschieht es an hohen Festtagen, daß daS in andachtsvoller Sehnsucht sich erweiternde Herz durch