Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1859-05-09 · Heft 20 (9.5.1859) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
23 (1859)
Issue
Heft 20 (9.5.1859)
Date
1859-05-09
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226147-3226168--17714-3246638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ein sinnloses Reimgeklingel eines Pijutund von sprachlichreflectirender Verstandeskälte beengt und ernüchtert wird! Die Unverständlichkeit der hebräischen Sprache macht eS ferner, daß die Gebete selbst von Erwachsenen, gleich einem lästigen Schulpensum, eiligst, andachtslos, -nach» läsfig und kakophonisch recitirt werden. Als ein traurig Erbtheil dieser Zustände müssen wir auch die unbewußte Einschmuggelung der mißtönenden Kehlen- und Gaumenlaute in unsere Umgangssprache beklagen— ein Hauptmoment zur oft unausrottbaren Einnistung jenes widrigen Jargons, der als „Mauscheln" und„Jüdeln" seine traurige Berühmtheit behauptet. Glaube aber ja Niemand, daß wir den hohen Werth, ja die Heiligkeit der hebräischen Sprache für Schule und Synagoge unterschätzen. Gleich dem edelsten und kostbarsten Gute wollen wir die Sprache unserer Urahnenunserer heiligen Schrift vor Mißbrauch und Verfall schützen. Wir wünschen, daß die wichtigen Pflichtgebete -— deren Festsetzung wir uns nicht anmaßen — so wie gewisse, von Autoritäten festzustellenve Theile der Liturgie nach wie vor in hebräischer Sprache abgehalten werden, aber gönnen wir auch der Muttersprache den ihr gebührenden Platz in unfern Gebeten, damit auch Kinder und Jünglinge mit ihren Müttern und Schwestern, in einer, dem innersten Herzen entquellenden Andacht sich dem Himmel zuwenden können, und damit das göttliche Band der Harmonie Synagoge, Gesellschaft und Familie umschlinge. Wäre das Verbot der Entblößung des Hauptes und deS Betend in der Muttersprache biblisch oder talmndisch begründet, /so würden wir keineswegs diesen Gegenstand berührt haben; aber es ist nicht nur nirgends verboten, sondern man wird sowohl, aus der Bibel wie auS dem Talmud (pna n*DVh) leicht entlehnen können, daß Alles, was als unschicklich, als unanständig bezeichnet wird und unser Gefühl verletzt, strengstens verboten ist. Ja, unsere Weisen sagen ausdrücklich: „Die Achtung vor der Welt oder die Pflicht des öffentlichen Anstandes (Y,23 nY^an) ist so wichtig, daß derselben zuweilen selbst ein Verbot der Thora weichen muß." (V er ach. 19 d.) Wir selbst hatten Gelegenheit mit mehren sehr gelehrten und dabei sehr konservativen Rabbinern über diesen Gegenstand zu sprechen. Diese gaben gern zu, daß es nicht verboten sei, mit entblößtem Haupte und auch in der Muttersprache zu beten, aber — setzten sie hinzu — „die Volksmaffe will das Vorürtheil nicht ablegen, und fie würde es ihrem Rabbiner sehr verargen, wenn er sich günstig dafür auSsprache." Wir ftagen aber: Hat das .Volk vor fünfundzwanzig Jahren fich nicht auch aufgelehnt, als man die Vokalmusik und die Predigt in rein deutscher Mundartdamals ebenfalls eine Neuerung im Vergleich her noch üblichen Gebetsprache — beim Gottesdienste einführte? Und dennoch hat dieser sogenannte neue Cultus seit: dieser Zeit selbst auf dem flachen Lanve allgemein Eingang gefunden. Weit entfernt daher, dem jüdischen Dogma nahe treten zu wollen, ja vielmehr dem alten Princip. huldigend, daß nur eine Synode wissenschaftlich, gebildeten Theologen oder sachkundiger Rabbinen an den wesentlichen Satzungen Veränderungen vornehmen könne, weil nur -die wissenschaftlich gelehrte Autorität hier Geltung hat,- dem-.unkundigen Laien es aber nicht zusteht, hier das Wort: zu führen, erlauben wir uns, bei den zwei erwähnten Vorschlägen, wie: .dem Entblößen des Hauptes und der Einführung der Muttersprache beim Gebet, die mit dem Dogma nichts gemein haben und dpm Volke sehr ersprießlich stnd, unumwunden auszusprechen, daß esdie Pflicht eines jeden Seelsorgers ist, hierfür das Wort zu nehmenc und gleich unserer Devise:.*ns:aK pnL ■m Nim-ö^i) mriö der Jugend zuzurufen: „Kommt zu uns, ihr Kinder und Jünglinge, die ihr gegen Gott die Treue bewahren und eurem geläuterten religiösen Gefühle Ausdruck verleihen wollet, die-ihr so gerechte Ansprüche auf unsere Fürsorge und Theilnahme habt. Kommt in das Haus des Herrn in eurer edlen Einfalt, in eurem angebornen natürlichen Gefühle, mit dem gehörigen Anstand, in geziemender Devotion, und bezeuget der gütigen Vorsehung eure Ehrerbietung im Ausdruck eures Aeußern und Innern. Eures Aeußern: mit der Abnahme der Kopfbedeckung , und eures Innern: in der Annahme der euch geläufigen Muttersprache. Schont nicht, Ihr Wächter in Israel, die Vorurtheile des bildungslosen Volkes. Die Schwäche, diesem Rechnung zu tragen, führt zum Verderben. Ihr werdet mehr Geltung in der Gemeinde haben, wenn Ihr das, was zum Heile der Jugend dient, auch ins Leben rufet und mit willensstarker Entschiedenheit befürwortet. Fürchtet nicht Eure materielle Stellung zu gefährden; es giebt unzählige redliche, gesinnungstüchtige Männer, die Euch unterstützen werden. Seiet wahr! Seiet aufrichtig und habt Selbstverläugnung genug, um Dinge, die Euch gut und nützlich scheinen, beim Volke einzuführen. Ihr habt den Vortheil, wenn Ihr der Jugend das kleine Zugeständnis macht, daß diese fleißig das Gotteshaus und Eure Predigt besuchen wird, daß Ihr dadurch fie stets vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.